Fürth lebte , schreibt : Man frage nicht , warum sich dieses Volk allezeit so sehr für dem Tod entsetzet ? Dies macht es : sie wissen nicht , wie sie dem künftigen Zorn entfliehen sollen . Das Sterben der Juden ist daher allezeit mit Furcht und Schrecken umgeben . Alle , alle müssen mit Entsetzen für den Dingen , die da kommen , aus der Welt scheiden . Das Laubhüttenfest war unbeachtet herangekommen und sah nun in den Taumel und Wirrwarr der kommenden großen Wanderung . Breite Lastwagen , die von Bauern draußen oder von Christen im Markt erkauft worden waren , rumpelten ununterbrochen vor die Häuser der Juden . Die streitenden Stimmen der Fuhrleute mengten sich mit dem Gekeife der Weiber ; Pferde , Esel und Rinder wurden mit vielem Lärm erhandelt ; die Gassen lagen voll von zerbrochenem Hausrat , leeren Kisten , Kleider- und Leinwandfetzen , Stroh , Pergamenten und Spänen . Wenn Christen vorbeikamen , hatten sie ein finsteres und drohendes Gesicht und sahen aus , als ob sie die Mittel überlegten , um diese Anstalten zu nichte zu machen . Auf einer Kiste saß sinnend der kleine Benjamin und pendelte mit den Beinchen hin und her . Ihm war unwohnlich . Durch die hohlen Fensterlöcher schaute er in das Haus des Maier Lambden ; er sah Kasten auf Kasten getürmt , sah die Weiber mit weißen Tüchern um den Kopf hin- und hereilen , wie sie die Schränke leerten und das Geschirr verpackten , und er hörte das Silberzeug klirren und den Lärm von Hammer und Meißel . Daneben stand das Haus von Samuel Ermreuther , der von seinen Söhnen das Dach abtragen ließ , denn nichts sollte den Gojim verbleiben von seinem Gut und Eigentum . Bei Itzig Genßhenker hatten sich viele junge Mädchen zusammengefunden und nähten emsig Wagendecken und Reisegewänder und sangen alte Gesänge . Stunde für Stunde zogen arme Juden aus fremden Ortschaften durch die Hauptstraße , und in der frischen Glut ihrer Begeisterung vermochten sie nicht länger Rast zu machen , als es nötig ist , um ein Gebet zu sagen . Dann eilten sie weiter in ihren Lumpen und mit ihrer jämmerlichen Habe . Betrübt ging Benjamin an den Häusern entlang . Er blickte in die Gärten , in denen alle Blüten verwelkt waren und dürre Blätter den Boden bedeckten . Einmal sah er Eva , seine Verlobte , über die Gasse eilen , und er ging zu ihr hin . Aber das Kind , mit aufgestreiften Ärmeln und geröteten Wangen , schüttelte den Kopf und sagte , sie habe zu viel zu tun , um plaudern zu können . Benjamin hatte Hunger , und weil man ihm daheim nicht zu essen gab , ging er hinaus an den Fluß , wo er Haselstauden wußte und wo er sich sättigen wollte . Die Ereignisse , von seiner melancholischen Stimmung in farbige Dämmerung gehüllt , gaben ihm viel zu denken und er träumte sich mit klopfendem Herzen das Land der Verheißung , wo es keine Christen gab und keinen Stadtvogt und keine Daumenschrauben und kein Spießrutenlaufen . Wie klar und furchtbar erinnerte er sich des Tages , wo sein Vater wegen einer angeblich gestohlenen Sanduhr gefoltert worden war . Seinen Oheim hatten sie aus Nürnberg hinausgepeitscht , weil er dort übernachtet hatte . Oft hatte die Mutter erzählt , daß ihre Muhme als Hexe verbrannt worden war , obwohl sie eine fromme und sanfte Frau gewesen war . Dies alles machte ihn ungeduldig nach Macht und Größe . Ein Jubelgesang scholl von den Häusern herüber . Er hörte eine Weile zu und fragte sich , warum eigentlich die Juden so verachtet seien . Er kam zu keinem Schluß . Im Grunde schmerzte es ihn , von diesen Feldern fort zu müssen , wer weiß wie weit . Es war so schön hier ! Wie breit und ruhig lag das Land da ! Ein glanzloser Nebel kroch über die Äcker und drüben lag Nürnberg mit seiner kaiserlichen Burg , mit seinen starken Mauern , mit seinen schmalen , stolzen Türmen . Die Häuser waren vielleicht aus Marmor gebaut , und die Stoffe und das viele Gold und die herrlichen Rosse , die Kampfspiele , der Jahrmarkt auf der Schüttinsel , der Metzgersprung , - wie bunt und wechselvoll , wie freudig und schimmernd alles ! Die Welt versank allmählich in der Dämmerung . Er ging heimwärts . Die dumpfe , drohende Geschäftigkeit , die überall herrschte und die immer mehr anschwoll , erweckte eine unbestimmte Angst in ihm . Bei einer Gartentür lag ein Stein und er ließ sich ermüdet nieder . Samson Weinschenk und die Seinen hatten schon zwei Wagen vollbepackt und saßen nun zwischen leeren Wänden . Auch David Tischbeck und Samuel Schrenz und Hutzel Davidla und Löw Wassertrüdinger und Moses Käsbauer und Maier Wolf : alle waren sie schon fertig und bereit , das fremde Land für immer zu verlassen . Der Knabe fühlte gleichsam schwere Schicksale voraus , darum war er traurig , und es war , als ob von irgendwoher eine schmerzlich schöne Musik erschalle und durch die kümmerlichen Gassen des Judenviertels fließe . Er blickte empor und sah Rahel Nathan mit plumpen , aber hastigen Schritten daherkommen . Sie wollte vorbei , aber Benjamin rief sie an . Da fuhr sie zusammen , winkte mit beiden Armen ab und wollte schnell weitergehen , - gegen die Häuser der Christen hinüber . Doch besann sie sich eines andern und setzte sich neben den Knaben auf den Stein . » Morgen soll es fortgehen , weißt du das , Junge ? « fragte sie . Er bejahte , aber sie redete nicht mehr , es war , als ob sie sich ganz in sich selbst verkröche . Der Knabe sah , daß sie mit ihren Händen das Gesicht bedeckt hatte , und die Ellbogen waren durch das niedere Sitzen tief in den Schoß vergraben . Es fiel ihm ein , daß es im Gesetz verboten sei ,