sagte , während er gleich den ersten Bissen kennermäßig würdigte : » Ja , Berlin wird Weltstadt . Aber was mehr sagen will , es wird auch Seestadt . Sie reden ja schon von einem großen Hafen , ich glaube , da bei Tegel herum - und ich kann wohl sagen , diese Seezunge schmeckt , als ob wir den Hafen schon hätten oder als ob wir hier mindestens in Wilkens Keller in Hamburg säßen . Es sind das noch so Erinnerungen von achtundvierzig her , wo ich ein blutjunger Leutnant war , so wie Leo jetzt , nur schmalere Gage . « » Kann ich mir kaum denken , Onkel . « » Nun , wir wollen das fallenlassen ; so was wird leicht persönlich , und im Persönlichen liegen immer die Keime zu Streitigkeiten . Aber Kunst , Kunst , darüber läßt sich reden ; Kunst ist immer friedlich . Sagt , Kinder , was war das eigentlich mit dem Berliner Jargon in dem Stück ? Schon gleich als die Straußberger kamen und der Torwart nach ihnen auslugte , ging es damit los . Und das alles so um 1411 herum . « » Ich denke mir « , sagte Therese , » der Dichter , ein Mann von Familie , wird doch wohl seine Studien dazu gemacht haben . Vielleicht , daß er Wendungen und Ausdrücke , die dich verwundern , in alten Magistratsakten gefunden hat . « » Ach , Kind , das Berlinische , das da gesprochen wird , das ist noch keine hundert Jahre alt und manches noch keine zwanzig . Aber es mag wohl schwer sein . Am besten hat mir die polnische Gräfin gefallen , ich glaube Barbara mit Namen , eine schöne Person , das muß wahr sein . Auf dem Zettel stand : Natürliche Tochter König Jagellos von Polen . Will ich gern glauben ; sie hatte so was , Augen wie Kohlen . Und dieser Dietrich ; alle Wetter , muß der verwöhnt gewesen sein , um solche polnische Königstochter so abfallen zu lassen . Ich kenne nur wenig Fälle der Art , vielleicht den mit Karl dem Zwölften und der Aurora von Königsmarck . Aber dieser Fall ist eigentlich keiner . Denn das mit Karl dem Zwölften lag doch noch wieder anders ; das hatte einen Haken ... « » Einen Haken ? Welchen , Onkel ? « » Ach , Manonchen , das ist nichts für junge Damen . Und hier so öffentlich ... « » Dann sag es mir ins Ohr . « » Geht auch nicht . Sieh , das sind so Finessen , auf die man warten muß , bis man sie zufällig mal aufpickt , sagen wir auf einem Einwickelbogen oder auf einem alten Zeitungsblatt , da wo die Gerichtssitzungen oder die historischen Miszellen stehn . Denn nach meinen Erfahrungen umschließt die sogenannte Makulatur einen ganz bedeutenden Geschichtsfonds , mehr als manche Geschichtsbücher . Ich würde mich dabei vielleicht auf Leo berufen , wenn er nicht mit seinem Kneifer beständig nach dem eleganten jungen Herrn da drüben hinüberlorgnettierte ; da drüben am zweiten Tisch von uns . Und nun grüßt er auch noch . « Wirklich , Leo war während der letzten Minuten ziemlich unaufmerksam gewesen , und jetzt erhob er sich von seinem Platz und ging auf den jungen Herrn zu , von dem der Onkel eben gesprochen . Es war unschwer zu sehen , daß beide gleichmäßig verwundert waren , sich hier zu finden , und nachdem sie , wie ' s schien , ein paar orientierende Fragen ausgetauscht hatten , führte Leo den hier so unerwartet Wiedergefundenen an den Poggenpuhlschen Tisch und sagte : » Lieber Onkel , erlaube mir , daß ich dir Herrn von Klessentin vorstelle . Alter Kamerad von mir , noch von den Kadetten her ... Meine drei Schwestern ... « Herr von Klessentin , sehr gewandt und von typischer Leutnantshaltung , verbeugte sich gegen den General und die jungen Damen und bemerkte dann , daß er sich des Herrn Generals , der mal zum Besuch draußen in Lichterfelde gewesen sei , sehr wohl noch erinnere . » Trifft zu , Herr von Klessentin . Ich war öfter draußen , mußte doch dann und wann nach dem Rechten sehn . « Und dabei wies er auf Leo . » Hat freilich nicht viel geholfen . Aber wollen Sie nicht bei uns einrücken ? Dies ist der beste Tisch hier , etwas abgetrennt von den übrigen und kein Zug . « Klessentin verbeugte sich , holte sein Seidel und nahm den Platz zwischen dem General und Therese . » Wir haben uns hier seßhaft gemacht « , fuhr der General fort , » weil es so nahe beim Theater ist ... Sie waren drüben auch zugegen ... « » Zu Befehl , Herr General . « » ... Und ich möchte beinahe wetten , Sie links im Parkett bemerkt zu haben , sechste oder siebente Reihe . « » Bedaure , Herr General ; ich war dem Aktionsfeld um ein gut Teil näher ... « » Weiter vor ? « » Ja , Herr General . Auf der Bühne selbst . « Alle ( Leo mit eingeschlossen ) fuhren neugierig , aber doch auch ein wenig schreckhaft zusammen , und man war froh , als der Onkel in einem heiteren Tone sagte : » Da hat man Sie zu beglückwünschen , Herr von Klessentin . Hinter den Kulissen ; à la bonne heure , so gut trifft es nicht jeder . Aber andrerseits , Pardon , bin ich doch auch wieder erstaunt , etwas Derartiges unter der jetzigen Verwaltung - die , soviel ich weiß , auf sittliche Strenge hält - sich überhaupt ermöglichen zu sehn . Oder sind es persönliche Beziehungen zum Graf Hochbergschen Hause ? « » Leider nicht , Herr General . Es handelt sich auch nicht um besondere , mich auszeichnende persönliche Beziehungen . Ich bin nämlich einfach Bühnenmitglied . Der Dietrich Schwalbe