und die Anwesenden - meist schwarzgekleidete Frauen - weinten fast alle laut . Und jede weinte nicht nur um den Einen , den sie verloren , sondern um alle Anderen , die denselben Tod gefunden : sie hatten ja alle zusammen , die armen , tapferen Waffenbrüder , für uns Alle , das heißt für ihr Land , für die Ehre der Nation ihr junges Leben hingegeben . Und die lebenden Soldaten , die dieser Feier beiwohnten , - sämtliche in Wien zurückgebliebenen Generäle und Offiziere waren da , und mehrere Compagnien Mannschaft füllten den Hintergrund - diese alle waren gewärtig und bereit , ihren gefallenen Kameraden zu folgen , ohne Zaudern , ohne Murren , ohne Furcht ... Ja , mit den Weihrauchwolken , mit dem Geläute und den Orgeltönen , mit den in einem gemeinsamen Schmerz vergossenen Thränen stieg da sicherlich ein wohlgefälliges Opfer zum Himmel auf und der Herr der Heerschaaren mußte seinen Segen träufeln auf jene , denen dieser Katafalk errichtet war ... So dachte ich damals . Wenigstens sind dies die Worte , mit welchen die roten Hefte der Trauerfeier beschreiben . Ungefähr vierzehn Tage später als die Nachricht von der Niederlage bei Solferino , kam die Nachricht von der Unterzeichnung der Friedenspräliminarien in Villafranca . Mein Vater gab sich alle mögliche Mühe , mir zu erklären , daß es aus politischen Gründen zwingend notwendig war , diesen Frieden zu schließen ; worauf ich versicherte , daß es mir auf jeden Fall erfreulich schien , wenn das böse Kämpfen und Sterben ein Ende fand ; aber der gute Papa ließ es sich nicht nehmen , mir entschuldigende Auseinandersetzungen zu unterbreiten : » Du mußt nicht glauben , daß wir Angst haben ... Wenn es auch den Anschein hat , als machten wir Konzessionen , wir vergeben unserer Würde nichts und wissen schon , was wir thun . Wenn es sich um uns allein handelte , so hätten wir wegen dieses kleinen Schachs in Solferino die Partie nicht aufgegeben . O nein , noch lange nicht . Wir brauchten nur noch ein Armeekorps hinunter zu schicken und der Feind müßte Mailand schnell wieder räumen ... Aber weißt Du , Martha , es handelt sich um andere allgemeine Interessen und Prinzipien . Wir verzichten jetzt darauf , uns weiter zu schlagen , um die anderen bedrohten italienischen Fürstentümer zu bewahren , welche der sardinische Räuberhauptmann samt seinem französischen Henkersbeistand auch gern überfallen wollten . Gegen Modena , Toskana - wo , wie Du weißt , mit unserem Kaiserhaus verwandte Dynastien regieren - ja sogar gegen Rom , gegen den Papst , wollen sie ziehen - die Vandalen . Wenn wir nun vorläufig die Lombardei hergeben , so erhalten wir uns damit Venetien und können den süditalienischen Staaten und dem heiligen Stuhl unsere Stütze gewähren . Du siehst also ein , daß wir aus rein politischen Gründen und im Interesse des europäischen Gleichgewichts - « » Ja , Vater , « unterbrach ich , » ich sehe es ein . Ach hätten diese Gründe doch schon vor Magenta gewaltet ! « fügte ich bitter seufzend hinzu . Dann , um abzulenken , zeigte ich auf ein Bücherpaket , das heute aus Wien eingetroffen war . » Schau ' her : der Buchhändler schickt uns verschiedene Sachen zur Ansicht . Darunter ein eben erschienenes Werk eines englischen Naturforschers , eines gewissen Darwin : The Origin of Species - und er macht uns aufmerksam , daß dies besonders interessant sei und geeignet , epochemachend zu wirken . « » Er soll mich auslassen , der gute Mann . Wer soll sich in einer so wichtigen Zeit , wie die gegenwärtige , für derlei Lappalien interessieren ? Was kann denn in einem Buch über Thier- und Pflanzenarten Epochemachendes für uns Menschen enthalten sein ? Ja , die Konföderation der italienischen Staaten , die Hegemonie Österreichs im deutschen Bunde : das sind weittragende Dinge ; die werden noch lange in der Geschichte bestehen , wenn von diesem englischen Buch da kein Mensch mehr etwas wissen wird . Merk ' Dir das . « Ich habe es mir gemerkt . Zweites Buch Friedenszeit Vier Jahre später . Meine beiden - nunmehr siebzehn-und achtzehnjährigen Schwestern - sollten bei Hofe vorgestellt werden . Aus diesem Anlaß entschloß auch ich mich , wieder » in die Welt « zu gehen . Die verstrichene Zeit hatte ihr Werk gethan und meinen Schmerz allmählich gelindert . Die Verzweiflung wandelte sich in Trauer , die Trauer in Wehmut , die Wehmut in Gleichgültigkeit und diese endlich in erneute Lebensfreudigkeit . Ich erwachte eines schönen Morgens zum Bewußtsein , daß ich eigentlich in einer beneidenswerten , glückverheißenden Lage mich befand : dreiundzwanzig Jahre alt , schön , reich , hochgestellt , frei , Mutter eines allerliebsten Knaben , Glied einer liebenden Familie - waren das nicht Bedingungen genug , um des Lebens froh zu werden ? Das kurze Jahr meines Ehelebens lag hinter mir wie ein Traum . Ja - ich war in meinen schönen Husaren sterblich verliebt gewesen ; ja - mein zärtlicher Mann hatte mich sehr glücklich gemacht ; ja - die Trennung hatte mir großen Kummer , sein Verlust wilden Schmerz bereitet - aber das war vorbei , vorbei . So innig mit meinem ganzen Seelenleben verwachsen , daß ich eine Zerreißung nicht hätte überleben , nicht verschmerzen können , war ja meine Liebe nicht gewesen ; dazu hatte unser Zusammensein zu kurz gedauert . Wir hatten uns angebetet , wie ein paar feurige Verliebte ; aber Herz in Herz , Geist in Geist aufgegangen , in gegenseitiger Hochachtung und Freundschaft fest verbunden , wie dies manche Eheleute nach langen Jahren geteilten Leiden und Freuden sind , - das waren wir beide nicht gewesen . Auch ich war ja sein Höchstes , sein Unentbehrlichstes nicht ; wäre er sonst so frohgemut und ohne zwingende Pflicht - sein Regiment hat niemals ausrücken müssen - fort von mir ? Zudem war ich in den vier Jahren allmählich eine Andere