, « sagte Fanny , dem Kinde , das die Magd ihnen nachgetragen , in die Backen kneifend , » Du schreie mir die Wände aus keiner andern Veranlassung an , als um Lungengymnastik zu treiben . « » Wie schön es hier ist ! « rief Adrienne , die drei Zimmer durchschreitend , welche Fannys Güte ihr auf das wohnlichste geschmückt . Das Wohnzimmer war offenbar ganz neu eingerichtet ; es zeigte dunkelblaue Farben und in allen Möbelstücken strenge , geradlinige Formen ; eine Unzahl von kleinen , bunten Nippes und Luxusgegenständen übergoldete den ernsten Charakter des Gemaches mit dem Zauber der Behaglichkeit . Eine breite Glasthür führte auf einen Balkon , der , an der Rückseite des Hauses gelegen , einen weiten Ausblick über Park und Gegend gewährte . » Ich dachte mir so , daß zu der blassen , rothaarigen Frau ein Zimmer im Renaissancegeschmack gehöre , « scherzte Fanny und eilte hinaus , sich dem Dank zu entziehen . Adrienne trat auf den Balkon . Zu ihm hinauf ragten weitästige Lindenkronen , von rechts und links hemmte dunkles Baumgewipfel den Blick , geradeaus schweifte das Auge über weite Rasenflächen , die von einem Weiher unterbrochen wurden . Und jenseits des Parkes , der im englischen Geschmack angelegt war , blinkte ein breites , stahlglitzerndes Band auf , das sich hinauf und hinab in sanften Windungen durch goldgelbe Saatbreiten zog , so weit das Auge reichte . Es war die Elbe , die da ihre mächtige Straße , vom Riesengebirge kommend , meerwärts zog . Die friedvolle und reiche Landschaft , überzittert von der Mittagsglut eines verfrühten Sommertages , verführte zum Träumen , und Adrienne stand so lange gedankenlos dort , bis die dumpfen Schläge des Tam-Tam sie weckten . Es war das Signal zum Mittagessen . Aber der unmusikalische , lang nachdröhnende Ton dieses asiatischen Signalinstrumentes erinnerte sie plötzlich auch an Arnold : er hatte Fanny Förster das von früheren Reisen mitgebrachte Ding geschenkt . Immer er , auf allen Wegen er , kein Gedanke ohne ihn - setzte sich die Abhängigkeit von ihrem Herrn und Erzieher denn ewig fort ? Mit finsterem Gesicht ging sie hinab , wo in dem großen Saal , der gerade unter ihren Zimmern lag und sich auf eine Terrasse parkwärts öffnete , schon die ganze Gesellschaft versammelt war . Fanny sah mit mißbilligendem Erstaunen , daß ihre junge Schwägerin nicht die mindeste Bemühung gemacht hatte , ihr schlecht sitzendes , zerdrücktes Reisekleid zu wechseln oder ein wenig aufzuputzen . » Sie ist ganz apathisch , « sagte sie leise zu Lanzenau , » wir müssen ihre Jugend aufwecken . « Das Mahl verlief so heiter , als befänden sich hier nicht Menschen , deren Existenz auf dem Spiel stand . Die Pastorsleute fühlten sich ihrer Sorgen ganz ledig : Fanny war da und hatte Hilfe versprochen . Doktor Hesselbarth fühlte sich nicht im mindesten vor Fanny genirt : sie kannte die Welt und verzieh wohl eine schwache Stunde . Selbst Severina , die im Wagen schweigsam und verbittert erschienen war , antwortete auf die jeweiligen Neckereien des Barons mit jäh aufsprühendem , schlagfertigem Witz , versank aber freilich ebenso rasch wieder in ihre Stummheit , wenn ein Blick aus den großen Augen der Pastorin sie traf . Lanzenau hielt sogar eine Rede , eine wohlgesetzte , etwas umständliche Rede , die Fannys Wiederkehr und die neue Hausgenossin feierte . Man trank das Wohl der beiden Damen in Sekt , Fanny rief über das Gläserklingen hinweg : » Aber daß wir auch des fernen Gatten nicht vergessen : Der Kapitän lebe hoch ! « Der Doktor , sich an Adriennens mißbehagliches Gesicht erinnernd , welches sie vorhin bei der Erwähnung Arnolds gemacht , streifte mit schnellem Blick die junge Frau , und unangenehmerweise bemerkte sie es . Ein helles Rot stieg ihr rasch ins Gesicht . Das reichliche Mahl von vielen Schüsseln , der starke Wein , die Aufwartung durch die beiden weißbehandschuhten Bedienten , dies alles drückte Adrienne nieder , und sie dachte an die Wassersuppe , bei welcher Fanny sie getroffen . Schließlich bemerkte sie auch , daß sie noch einfacher angezogen war als selbst Severina , deren dunkelblaues Perkalkleid wenigstens durch den tadellosen Sitz und die äußerste Sauberkeit schmuck aussah . Auch hatte das Mädchen in den Gürtel , der ihre wundervolle Taille eng umspannte , einen frischen Rosenstrauß gesteckt . Adrienne hätte weinen mögen . » Fanny wird sich meiner schämen , « dachte sie verzweifelt . Sie beschloß , sich nach Tisch zurückzuziehen und aus sich noch zu machen , was ihr Kleidervorrat irgend gestattete . Dieser Entschluß , sich zurückziehen zu wollen , paßte in die Hausordnung , die Fanny alsbald verkündete . » Nach Tische , « sagte sie , » bin ich in meinem Arbeitszimmer ; wenn jemand mich zu sprechen wünscht , findet er mich dort . Im übrigen : allgemeine Siesta . « Lanzenau wußte , daß dies für die Pastorenfamilie gesagt war , und begab sich alsbald auf die Terrasse , wo er in einem Schaukelstuhl zwischen einer Epheuwand und einer Palmengruppe sein Schläfchen zu halten pflegte . Severina kehrte in das Pfarrhaus zurück , nicht ohne daß Fanny ihr nachgerufen hätte , sie werde zum Abend wieder hier erwartet , und so sah die Hausherrin sich mit der Familie Hesselbarth allein , die ihr in der komischen Gefolgschaft des Gänsemarsches , eines hinter dem andern , ins Arbeitszimmer folgte . Dieses Zimmer , nach vorn hinaus gelegen , war von den an der Hausfront stehenden Linden so tief verschattet , daß allezeit ein grünes Dämmerlicht herrschte . An den vier Wänden , die einen großen , ganz quadratischen Raum umschlossen , standen Bücherregale und Schränke . Nahe dem einen Fenster befand sich der Schreibtisch , ein vierbeiniger , schmuckloser Tisch , mit einem Riesentintenfaß , einer Schreibmappe und einem Haufen Haushaltungsbücher belastet . Vor dem andern Fenster auch ein Tisch , auf dem allerlei Säckchen und Schälchen mit Getreide-