In der Gerichtsstraße . Dorthin hatte ein Dienstmann die Sachen abgeholt und ihre Wohnung verrathen ; dorthin war auch ein Brief , der vor acht Tagen angelangt , befördert . Eduard biß sich auf die Lippen , als der Mann ihn forschend ansah : Augenscheinlich war sein Brief gemeint . Draußen auf der Pferdebahn erkundigte er sich , wie er am nächsten nach der Gerichtsstraße komme . Eine Stadtbahnstation lag in der Nähe und er fuhr denn dorthin . Seltsame Gedanken quirlten durch sein Hirn . Was bedeutete das Alles ? An demselben Tage , wo er erschien , verließ sie den Ort ? Und zog sich ganz privat zurück ? Was bedeutet das ! Ist das Fliehen vor der Liebe ? Instinktiv oder beabsichtigt ? - Oder hatte vielleicht ein Andrer hierbei die Hand im Spiele ? Station Wedding . - Die Gerichtsstraße , bald erreicht , lag in der grauen Einförmigkeit ihrer Miethskasernen schläfrig da und dehnte sich ordentlich in der Mittagsgluth . Es war erstickend heiß . In Schweiß gebadet , trat er unter den kalten Hofthorweg eines Hauses mit einer Reihe von Hintergebäuden . Es trug die angegebene Nummer . Einen Portier gab es nicht . Da er annahm , daß sie allein wohne , hoffte er ihren Namen an einer Thür zu finden , als er die engen schmutzigen Treppen hinaufstieg . Doch täuschte er sich . Nur eine Thür , drei Treppen rechts , trug gar keine Namensaufschrift , und obschon er dreimal klingelte , öffnete Niemand Er irrte noch lange im Hofe umher , fragte bei drei verschiedenen Portiers und Vicewirthen , endlich bei dem Hauptwirth , der auf die Frage : ob hier ein Fräulein Kreutzner wohne , eine kalt verneinende Antwort gab . Offenbar hinterließ er mit seinem eleganten Rock einen sonderbaren Eindruck bei den schmutzigen Kinderscharen auf Treppen und Höfen , die ihm verwundert nachgafften . Die Hitze drückte auf sein Hirn . Asphalt- und Holzpflaster in der Friedrichstadt schienen zu schwitzen , selbst die Steine erweicht zu stöhnen . Was machen ! Ah , da blieb nur eins : er fuhr direkt in das Wiener Café . Als er dort erschien und seinen Schoppen Pilsener bestellt hatte , fragte er den dortigen Kellner kurz , ohne weiteres Herumgerede : » Seit wann ist denn die Kathi nicht mehr hier ? « » O schon seit vorigen Dienstag nicht « grölte dieser . » Seit sie der Kerl da herausgenommen hat . « » Wer ? « Eduard fühlte sein Blut erstarren . » Ach , davon wissen Sie nichts ? Nun , der Eberhart . « » Wer ist denn das ? Was weiß denn ich davon ? « » Nun , der hier immer um Kathi herum war . Ach , Sie kennen ihn ja ! So Einer mit Bart-Cotelettes , verstehn sie . Der war ja immer auch da , wenn Sie da waren . « » Jaja , ich erinnere mich , « murmelte Eduard dumpf . » Also der ! « » Er war auch draußen in Treptow und hat sie da besucht . Na , nun hat sie ja , was sie wollte . « Plötzlich erschien der Wirth des Cafés , Herr Bammer , elegant geschniegelt , wie gewöhnlich . Derselbe schimpfte mit aller Kraft auf die pflichtvergessene » raffinirte Person « , die ihn höchst unangenehm hineingelegt . Der ganze Hergang war folgender gewesen . An jenem Dienstag vor acht Tagen war Kathi plötzlich erschienen und hatte erklärt , daß sie nie mehr nach Treptow hinausgehe . Der Alte dort sei immer hinter ihr her , und wenn sie der zu Frieden lasse , komme der Junge . - Er , Bammer , habe das für faule Fische erklärt . Nachdem sich dann daraus ein Zank entwickelt , sei sie still geworden und habe sich für krank ausgegeben . Sie müsse zu ihrem Arzte gehn . Dann sei sie um fünf Uhr weggegangen und seitdem nicht wieder gekommen . Eine nähere Nachforschung ergab jedoch , daß sie einen Dienstmann an Herrn Eberhart gesandt . Dieser Mann war ein reicher Holzhändler , ließ sich aber consequent » Herr Hauptmann « anreden , weil er zufällig in diesem Range der Reserve angehörte . Ein boshafter Zufall hatte gewollt , daß der Buchhalter Bammers in der Reichensberger Straße wohnte , und dieser hatte Kathi in aller Frühe dort aus dem Hause Eberharts kommen sehn . In wortlosem bleichem Grimm erhob sich Rother , nachdem er erfolglos versucht den Gleichgültigen zu spielen , und wanderte heim . Erdrückend schwül lastete sein Leben auf ihm , öde und leer gähnte ihn ein Vacuum von Langeweile und Ekel an . Er hatte innerlich seine ganze Leidenschaft und sein ganzes Gefühl auf eine Karte gesetzt , und diese mit einem einzigen Va-Banque verloren . Wozu dies Leben ! Die Befriedigung der Eitelkeit , die man etwa » Ruhm « nennen könnte , dieser erbärmliche Erfolg , den der Künstler erstrebt , widerte ihn an . Die Natur , je mehr er sich in sie versenkte , blieb ihm immer mehr eine steinerne Maske . So klammerte er sich denn mit letzter Kraft an dies erotische Gefühl . Hier lag die geheime Truhe seines Innern , wo er all seine Schätze aufgespeichert . Und nun hatte ein Dieb ihm Alles über Nacht geraubt . Nein , nicht ein Dieb . Was war der einzelne Mensch , der einzelne Fall ! Was galt das ihm ! Prüfte er seine Gefühle und sondirte seine Motive , so mußte er sich gestehen , daß er weder jenen großen Unbekannten haßte noch das Weib selber , sondern daß ihm wiederum wie von je das erstickende Bewußtsein mit neidischer Wuth die Brust beklemmte , wie ohnmächtig der arme Künstler mit seinem Anspruch auf Genuß der Welt gegenüberstehe . Der nichtigste Geselle , der Lieutenant mit der glatten Taille und der Assessor mit dem Wirbelscheitel - von dem parfümduftenden Ladenschwengel und dem goldklimpernden Banquier ganz zu