still ihr Leben fort ; Lotti war von ihrer ersten und einzigen Liebe so vollkommen geheilt , daß sie die Nachricht von Halwigs Verheiratung , die Gottfried eines Tages brachte , mit unbefangener Heiterkeit aufnahm . Vor drei Jahren hatte sich ' s ereignet , und Lotti besann sich heute noch des verstörten Gesichts , mit dem Gottfried damals bei ihr erschienen war , der Verlegenheit , der unnötigen Schonung , mit denen er , nach langem Hin- und Herreden seine Neuigkeit plötzlich hervorgestoßen und dabei so beschämt und elend ausgesehen , als ob er eben eine schändliche Handlung begangen hätte . » Ich muß es dir sagen « , entschuldigte er sich , » du hättest es vielleicht auf eine unangenehme Art erfahren können ... unvorbereitet vielleicht ... « Lotti sah ihn freundlich an und sagte : » Nun - was hätte das gemacht ? « » Wenn du ihnen aber begegnet wärest wie ich - ganz unerwartet - beim Biegen um eine Ecke ... Arm in Arm . « » So hätte es mich gefreut « , sagte Lotti . » Hätte es ? ... « Sein Gesicht hatte sich verklärt , er geriet in Begeisterung , und jetzt kam es heraus , daß er schon seit einigen Tagen von der Verheiratung Halwigs unterrichtet war , daß er auch gehört hatte , die junge Frau sei arm , vornehm und schön . » Das Letztere kann ich bezeugen « , sprach Gottfried mit gedämpfter Stimme , als ob er ein Geheimnis anzuvertrauen hätte , » du und ich , wir haben nie etwas Schöneres gesehen . Sie ist groß - um ein Haar vielleicht größer als du , und so zart , so ätherisch , als wäre sie aus Mondesstrahlen gewoben ... aber nein , das Bild paßt nicht ; die Strahlen des Mondes sind kalt , und sie sieht aus wie das junge , rosige Leben ... Ein Kind , sag ich dir , und hat doch schon etwas in den Augen ... Ich war eilig und ging in Gedanken so hin , wäre beinahe an sie angerannt ... Er rief : Holla ! und sie blickte mich mit diesen prächtigen , sonderbaren Augen unaussprechlich verwundert an , als ob sie sagen würde : Geben Sie doch acht ! Ich bin es ja ! ... so , daß ich außerordentlich erschrocken stehenblieb und den Hut rückte . Da bemerkte ich erst , daß er den seinen abgenommen hatte . Gesprochen wurde nichts , wir haben beide nur getrachtet , so bald als möglich fortzukommen . « Gottfried nahm seinen gewohnten Platz in der Fensterecke , dem Arbeitstisch Lottis gegenüber , ein , und sie begann von anderen Dingen zu sprechen . Sie erzählte mit einer Art Entrüstung , daß der Uhrenliebhaber , der einst für ihre Sammlung jenes hohe Angebot gemacht , das Feßler bereute von der Hand gewiesen zu haben , sich wieder melde . Von Amerika aus , wo er lebte - er war ein Deutscher , der dort Glück gemacht - , erneuerte er seinen Antrag in einem Briefe , den sein Agent Lotti überbrachte . Sie sann jetzt über ihre Antwort nach , konnte nicht Worte finden , scharf und bestimmt genug , um ihren unerschütterlichen Vorsatz , sich nie von ihrer Sammlung zu trennen , auszudrücken . Sie hatte Lust , dem » Amerikaner « mitzuteilen , was bisher niemand außer Gottfried wußte , daß der Hausschatz nämlich im Testamente Lottis dem Museum ihrer Vaterstadt vererbt sei , wo er unter dem Namen » Feßlersche Sammlung « auf die Nachwelt übergehen sollte zum Nutzen und zur Freude künftiger Generationen . Gottfried gab ihr , etwas zerstreut , in allem recht , sprang aber plötzlich von dem Gegenstand ihres Gespräches ab und sagte : » Findest du es nicht verwegen von ihm , ja sehr verwegen , in seinen doch schon reifen Jahren ein Mädchen zu heiraten , wie gesagt , fast noch ein Kind und so wunderschön ? « » Von - ihm ? ... du sprichst von Halwig - « erwiderte sie mit einem verweisenden Blick . - Die sanfte Lotti war gegen Gottfried ausnahmsweise immer ein wenig streng . » Das muß man wissen ... Reife Jahre ? Ach was ! Künstler bleiben immer jung , nur wir altern , wir Arbeitsleute . « So hatte sie vor drei Jahren die Kunde von Hermanns Verheiratung aufgenommen und seitdem nichts mehr von ihm gehört . Und jetzt , nachdem sie alles verschmerzt , vieles vergessen , kam ein Bote aus der langentschwundenen Zeit und weckte sie aus ihrer tiefen Ruhe . Sie staunte selbst über die Gewalt des Eindrucks , den sie plötzlich empfangen hatte , über die Pein , welche er verursachte . Doch versuchte sie nicht , sich ihr zu entziehen , dazu kannte sie sich zu gut . Ihre Leiden wollten völlig durchlebt sein , bevor sie sterben konnten . Da half kein Wegschieben , keine Überredungskunst , sie forderten ihr ganzes Recht und wichen erst , nachdem es ihnen geworden . Sie nahm ihre Arbeit vor . Gleichförmig wie immer spann ihr Tagewerk sich ab . Nachmittags besuchte sie Gottfried in seinem Gewölbe . Allein , was sie auch tat und sprach , unablässig summten ihr die Worte : » Aus Leichtsinn oder Not « im Ohr , und der Gedanke an Halwig verließ sie nicht eine Sekunde . Sie durchwachte eine böse Nacht . Am nächsten Morgen kam Gottfried und mahnte sie noch einmal , die bei ihr bestellten Arbeiten dem früheren Meister heute selbst zu überbringen . Sie versprach es , lehnte aber Gottfrieds Antrag , sie zu begleiten , auffallend hastig ab . » Wie du willst « , sagte er und verabschiedete sich ohne eine Spur von Empfindlichkeit . Sie blickte ihm eine Weile nach . » Der beste Mensch ! « murmelte sie leise vor sich hin und begann ganz gegen ihre Gewohnheit müßig , mit gekreuzten Händen , im Zimmer auf