wies dabei auf die vier hölzernen Stricknadeln , die , wie sich von selbst versteht , nach dieser scherzhaften Reprimande nur um so eifriger zu klappern begannen . Endlich wurde es ihr zuviel . Sie verfärbte sich und resolvierte kurz : » Meine Grönländer können nicht warten . « Da wir nun im langen Verlauf unserer Erzählung nirgends einen Punkt entdecken können , der Raum böte für eine biographische Skizze unter dem Titel » Tante Schorlemmer « , so halten wir hier den Augenblick für gekommen , uns unseres Pflicht gegen diese treffliche Dame zu entledigen . Denn Tante Schorlemmer ist keine Nebenfigur in diesem Buche , und da wir ihr , nach flüchtiger Bekanntschaft in Flur und Kirche , an dieser Stelle bereits zum dritten Male begegnen , so hat der Leser ein gutes Recht , Aufschluß darüber zu verlangen , wer Tante Schorlemmer denn eigentlich ist . Tante Schorlemmer war eine Herrnhuterin . Eines Tages , das lag nun dreißig Jahre zurück , war ihr , der damaligen Schwester Brigitte , Mitteilung gemacht worden , daß Bruder Jonathan Schorlemmer , zur Zeit in Grönland , eine eheliche Gefährtin wünsche , bereit , ihm in seinem schweren Werke zur Seite zu stehen . Sie hatte diesem Rufe gehorsamt , ihre Wäsche gezeichnet und war mit dem nächsten dänischen Schiff von Hamburg aus gen Norden gefahren . An einem Tage , der keine Nacht hatte , war sie in Grönland gelandet , Bruder Schorlemmer hatte sie empfangen und ihren Bund persönlich eingesegnet . Die Ehe blieb kinderlos , dessen sich jedoch beide in christlicher Ergebung getrösteten . So vergingen ihnen zehn glückliche Jahre . Zu Beginn des elften starb Jonathan Schorlemmer an einem Lungenkatarrh und wurde in einem mit Seehundsfell beschlagenen Sarge begraben . Seine Witwe aber , nachdem sie die Bevölkerung mit allem , was sie hatte , beschenkt und jedem einzelnen versichert hatte , ihn nie vergessen zu wollen , kehrte mit dem Grönlandschiff zunächst nach Kopenhagen und von dort aus in die deutsche Heimat zurück . In die deutsche Heimat , aber nicht nach Herrnhut . Auf der weiten Rückreise Berlin berührend , wo ihr einige Anverwandte lebten , beschloß sie , im Kreise derselben zu verbleiben , und bezog in jenem Stadtteile , der fünfzig Jahre früher den einwandernden Böhmischen Brüdern und Herrnhutern als Wohnplatz angewiesen worden war , ein bescheidenes Quartier . In diesen kleinen Häusern der Wilhelmsstraße würde sie ihr stilles und treues Leben sehr wahrscheinlich beschlossen haben , wenn ihr nicht eines Tages ein Blatt ins Haus geflogen wäre , auf dem sie das Folgende las : » Eine ältere Frau , am liebsten Witwe , wird zur Führung eines Haushaltes auf dem Lande gesucht . Eine Tochter von zwölf Jahren soll ihrer besonderen Obhut anvertraut werden . Bedingungen : Verträglichkeit und Christlichkeit . Anfragen sind zu richten an : B.v.V. , poste restante Küstrin . « Tante Schorlemmer schrieb ; alles Geschäftliche erledigte sich schnell . Um Weihnachten 1806 traf sie in Hohen-Vietz ein , in dessen Herrenhause gerade damals ein trübes Christfest gefeiert wurde . Man trat sich gegenseitig vertrauungsvoll entgegen , und nach wenig Wochen schon begann der Einfluß unserer Freundin sich geltend zu machen . Nicht das Glück , aber Ruhe und Friede waren in ihrem Geleit . Renate hing ihr an , Lewin verehrte ihre Fürsorge , Berndt von Vitzewitz hatte einen tiefen Respekt vor ihrem Herrnhutertume . Und darin unterschied er sich freilich von seinen Kindern . Diese beugten sich wohl vor der Aufrichtigkeit , aber nicht vor der Tiefe von Tante Schorlemmers christlichem Gefühl . Ihre Leidenschaftslosigkeit , die dem Vater so wohl tat , erschien den Geschwistern einfach als Schwäche . Nach Ansicht beider gebrauchte sie ihr Christentum wie eine Hausapotheke ; und darin lag etwas Wahres . Für alle mehr gewöhnlichen Fälle hatte sie das Sal sedativum einer frommen Alltagsbetrachtung , wie » Rechte Treu kennt keine Scheu « oder » So dunkel ist keine Nacht , daß Gottes Auge nicht drüber wacht « ; für ernstere Fälle jedoch griff sie nach dem starken und nervenerfrischenden Sal volatile irgendeines Kraftspruches : » Was will Satan und seine List , wenn mein Herr Jesus mit mir ist . « Das unterscheidende Merkmal zwischen den schwachen und starken Mitteln bestand im wesentlichen darin , daß in den letzteren jedesmal der Böse herausgefordert und ihm die Nutzlosigkeit seiner Anstrengungen entgegengehalten wurde . Alle diese Sprüche aber , ob schwach oder stark , wurden ebensosehr im festen Glauben an ihre innewohnende Kraft wie mit der äußersten Seelenruhe vorgetragen . Und da steckte die Schuld oder doch das , was den Geschwistern als Schuld erschien . Diese Seelenruhe , die sich neben dem Maß geforderter Teilnahme oft wie Teilnahmlosigkeit ausnahm , reizte die jungen Gemüter und stellte ihre Geduld auf manche harte Probe . Berndt verstand dies stille Christentum besser und hatte an sich selbst erfahren , daß der Trost aus dem Worte Gottes mehr war als der Wortetrost der Menschen . So war Tante Schorlemmer . - Das Scherzen über ihre vorgeblich freie Stellung zum dritten Gebot hatte sie einen Augenblick ernstlich verdrossen ; Lewin aber , ohne dessen zu achten , fuhr in seinen Neckereien fort : » Unsere Freundin scheint übrigens keine Ahnung zu haben , welch hoher Besuch inzwischen vor dem Herrnhuter Gemeindehaus gehalten hat . « » Wer ? « riefen die beiden Mädchen . » Niemand Geringeres als Napoleon selbst . In der Nacht vom elften zum zwölften . Und die Herrnhuter haben wieder versäumt , sich heroisch in die Weltgeschichte einzuführen . Sie haben den Kaiser angegafft , soweit es bei Nacht und Schneetreiben möglich war , und haben ihn weiterfahren lassen . Das macht , weil der herrnhutische Mut im Auslande lebt , in China , in Grönland , in Hohen-Vietz . Überall ist er , nur nicht daheim . Tante Schorlemmer , dessen bin ich gewiß , hätte ihn verhaften und als Weltfriedensbrecher vor Gericht stellen lassen . « Die