und das Schloß mit seiner langgestreckten , glatten Fassade nur ein räumliches Wohnhaus , das - abgerechnet seine breiten , sich zum Flusse niedersenkenden Gartenterrassen - ebensogut in einer städtischen Straße hätte stehen können . Die Schäden des Krieges waren selbst von außen nur oberflächlich an ihm ausgeheilt , denn es blieb unbewohnt , seitdem es zu Anfang des Jahrhunderts aus den Händen der im Mannesstamme erloschenen , reichbegüterten sächsischen Familie der Werben als Tochtererbe in die der preußischen von Hartenstein übergegangen war . Auch die Pächterwohnung , die mitten im Schloßhofe lag , war zwar umfänglicher , aber weniger ansehnlich als manches Bauernhaus im Dorfe ; das Dach mit Schindeln gedeckt , der Fußboden mit Estrich ausgegossen , das runde Fensterglas in Blei gefaßt ; das vorspringende Deckengebälk hätte ein Mann vom Schlage des Schäfers Frey mit der Hand erreichen können . Der reiche Mehlborn aber fühlte sich heimisch in diesem bescheidenen Vaterhause und bewirtschaftete von ihm aus das Gut , obgleich er es ebenso leicht von dem besser erhaltenen Hofe Unterwerbens , ursprünglich einem großen Vorwerk und Filialdorfe des Hauptgutes , hätte tun können . Es war dieses Talgut kurz nach dem Kriege käuflich auf ihn übergegangen ; nicht das einzige , auf welchem in diesen drangvollen Zeiten der Pächter zum Herrn des Edelhofes ward , auf welchem sein Vater als Großknecht gedient hatte . Lieferungen und Lasten werden unerschwinglich ; der Bodenwert sinkt , und der Hypothekenwert steigt ; nach dem Frieden droht , unverstanden oder mißverstanden , das neue Ablösungsgesetz ; das Inventarium eignet bestenteils dem Pächter , der indessen auf fremdem Boden geerntet und sein Heu ins trockene gebracht hat . So hier wie anderwärts . Ehren-Mehlborn , der überdies keinen verächtlichen Mahlschatz erheiratet hatte , würde schon dazumal auch das heiß von ihm ersehnte Hauptgut haben an sich bringen können , wenn die Generalin von Hartenstein sich zu der Entäußerung des Stammsitzes ihrer Familie hätte entschließen können . Heute , das heißt zehn Jahre später , lag diese Entäußerung vor den Augen ihrer Erben als unvermeidliche Perspektive . Bis zu dem Erwerb des Talgutes hatte Johann Mehlborn sich nicht mehr gefühlt als jeder andere emsige , zähe , reichgewordene Bauer . An dem Tage jedoch , wo Exzellenz von Hartenstein als Sachwalter seiner Gemahlin die geschäftliche Korrespondenz statt an den Pächter Mehlborn Edelgeboren an den Rittergutsbesitzer Herrn Mehlborn Hochwohlgeboren richtete , stach ihn zum ersten Male die bewußte nobele spanische Fliege . Hatte er sich bisher mit dem Haben begnügt , nun warf er sich nebenbei auch auf das Werden und Sein . Zunächst das Werden und Sein eines titulierten Mannes . » Denn siehst du , meine Röse , « sagte er zu seiner Frau , » Rittersleute wären wir nun ; richtiger Adel bis auf das kleine von , das aber auch nicht ausbleiben wird , zum wenigsten für unsere Kinder . So weit hätten wirs mit Gottes Hülfe gebracht . Jedennoch mich auf den Kreistagen und im Kreisblättchen schlechtweg als Herr Mehlborn traktieren zu lassen und dich von den Nachbarn als bloße Madame , das geht mir wider den Strich . Mittel sind da : ich kaufe mir den Amtmann , Röse . « Frau Röse nickte zustimmend mit dem Kopfe , ihr Johann kaufte sich für so und so viel hundert Taler den Amtmann und fühlte sich , was seine eigene Person anbelangt , mit dieser Würde allenfalls zufriedengestellt . Für seine Kinder aber wollte er höher hinaus , » dem Throne um ein paar Stufen näher « , und ein kluger Kopf , wie er war , faßte er das Ding auch beim richtigen Zipfel : er sparte für sie und ließ sie etwas lernen . Sie wurden daher der Dorfkameradschaft in Kantor Beyfußens Schulstube entrückt . Die Tochter , ein ungewöhnlich befähigtes Kind , bereiteten die kürzlich aus der Fremde herbeigezogenen Freunde in der Pfarre so weit vor , daß sie , die erste Bauerntochter unserer Gegend , nach ihrer Konfirmation in ein vornehmes Institut der Hauptstadt aufgenommen werden konnte . » Denn siehst du , Mutter , « so sagte der Amtmann zu seiner Amtmännin , » siehst du , was für die Grafentöchter in Bielitz drüben nicht zu gut ist , das ist für unsere Brigitte allenfalls gut genug . Sie erben von ihrem Alten einmal einen Sack voll Schulden , und unsere Brigitte erbt von mir zum allerwenigsten ein Rittergut . Aber unter einem Baron tue ich es einmal für sie nicht . « Mutter Rosine hätte bei dieser Schlußwendung freilich gern mit dem Kopfe geschüttelt , sie nickte aber doch , und ihr Amtmann brachte seine Brigitte zu den Gräfinnen in die » Institution « , bei dieser Gelegenheit aber auch unter die Augen der gutsherrlichen Exzellenzen , die bisher persönlich ihm unbekannt , durch gewisse Beziehungen zu seiner Tasche indessen erwünschtermaßen vertraut geworden waren , und da in dem Worte » Erbe « ein anzügliches Medium liegt , tat durch dieses persönliche Bekanntwerden die Vertrautheit einen mächtigen Vorwärtsschritt . Oder wäre Hilmar von Hartenstein , weil Geld und Gut ihm zu entschlüpfen drohten , nicht ebenso , wie Brigitte Mehlborn eine Erbin war , ein Erbe gewesen , ja mehr als ein Erbe , war er nicht im Genuß ? Im Genuß eines alten , stolzen Namens , des Glanzes , welcher von einem ruhmwürdigen Vater auf den einzigen Sohn zurückstrahlt , im Vollgenuß der traditionellen Stattlichkeit , Ritterlichkeit , Frohlebigkeit seines Geschlechts , ein Hartenstein par excellence ? Sind diese Erben eines Temperaments , welches die Gabe des Reichwerdens und selber des Reichbleibens auszuschließen scheint , nicht allemal auch die des Zaubers liebenswürdiger Unwiderstehlichkeit ? Und unchristliche , das heißt herzenshärtige Gottesgeschöpfe sind sie beileibe ja auch keineswegs . Naturphilosophinnen , wie Frau Hanna Blümel , wollen freilich behaupten , daß derlei kat ' exochén liebenswerte Lebeleute den Gegenbeweis liefern zu dem Gesetz , welches aus dem Schlimmen häufig ein Gutes erwachsen läßt und daß durch ihre kavaliere Liebenswürdigkeit weit mehr Übel