sie ein beschriebenes , von Tränen durchnäßtes Blättchen an ihre hochgerötete Wange gedrückt . Am nächsten Morgen fragte Bozena wohl : » Was war das für ein Brief ? « Aber sie bekam eine ausweichende Antwort , und begnügte sich damit . » Wie mögen Sie die Rosa quälen ? « sagte sie zu ihrem Herrn . » So eine erste Liebelei , das ist wie Märzenschnee ... « So rein , meinte sie , und so vergänglich . Von Ahnungen und Träumen nährt sich die junge Liebe , ist fern von ihrem Gegenstand glücklich durch den Gedanken an ihn ; wenn sie weint , so freut sie sich ihrer Tränen , und wenn sie leidet , ist sie stolz auf ihren Schmerz ... Was bedeutet die unschuldige Schwärmerei eines Kindes gegen die lodernde Höllenglut im Herzen Bozenas ? 6 Heißenstein erschien eines Tages in ungewöhnlich guter Stimmung im Familienzimmer . Er hatte zwei angenehme Nachrichten erhalten . Die erste lautete , das Regiment des Leutnants von Fehse sei im Begriffe , in eine neue Garnison zu marschieren ; die zweite hatte ein Brief gebracht , die Antwort auf das Schreiben , das er nach seiner Unterredung mit dem Offizier nach Wien geschickt . Sie lautete : » Wohledler Herr ! Euer Wohledlen zeige ich hiermit an , daß mein Sohn Joseph sich im Verlaufe der nächsten Woche die Ehre geben wird , Euer Wohledlen persönlich aufzuwarten . Derselbe ist vor wenigen Tagen aus England hier eingetroffen , allwo er die ihm aufgetragenen Geschäftsangelegenheiten zu gedeihlichem Abschlusse gebracht hat . Meine angenehme Hoffnung ist es jetzo , daß es ihm auch reüssieren möge , sich die Wohlgeneigtheit und die gute Gesinnung Euer Wohledlen und deren werter Familie zu erwerben , und kann keineswegs umhin zu versichern , daß mein innigster Wunsch befriedigt wäre , wenn mir heut über ein Jahr die Gelegenheit geboten und die Satisfaktion gewährt würde , in großväterlichem Kometenwein ( grünes Siegel ) die Gesundheit des ersten Frohburg-Heißenstein ausbringen zu dürfen . Der ich verharre , Euer Wohledlen dienstwilliger Frohburg . « Während der Mahlzeit sprach Heißenstein wiederholt von seinem ehemaligen Jugend- und jetzigen Geschäftsfreunde Frohburg . Er lobte dessen wohlgeratene Kinder , er lobte vor allen dessen zweitgeborenen Sohn Joseph , den er zum letztenmal vor fünf Jahren in Wien gesehen hatte . Der Jüngling war damals zwanzig Jahre alt und berechtigte zu den schönsten Hoffnungen . In gut bürgerlichen Verhältnissen erzogen , zur Arbeit und Pflichterfüllung angehalten , hatte er sich zu einem tüchtigen Manne herangebildet . Wohl dem Vater , der sich eines solchen Sohnes rühmen darf , wohl der Frau , die er einst mit seiner Hand beglückt ! - Heißenstein kündigte den bevorstehenden Besuch Josephs an und trug Frau Nannette auf , das Gastzimmer zu seinem Empfange auf das beste herstellen zu lassen . » Ich hoffe und wünsche , daß er sich heimisch fühle bei uns ! « setzte er hinzu , und die Drohung : Weh euch , wenn er sich nicht heimisch fühlt ! klang aus seinem Tone . Obwohl Frau Nannettens stummes Kopfnicken die einzige Antwort war , die er erhielt , obwohl sich nicht die leiseste Einwendung gegen seine Behauptungen und Befehle erhob , hatte er sich in eine Gereiztheit hineingeredet , die nur hartnäckiger Widerspruch erklärt haben würde . Oder wurde sie vielleicht durch Rosas bleiches Gesicht hervorgerufen ? - durch den verhaltenen Schmerz , mit dem sie ihre Lippen biß ? - durch die Blicke , die sie ihm aus glühenden Augen zuwarf , die in der letzten Zeit dunkler geworden schienen und in jenem feuchten und feurigen Glanze leuchteten , den vieles Weinen jungen Augen verleiht ? ... Las er die Gedanken von ihrer Stirn ab ? Lag ihr Herz offen vor ihm ? Sie hatte ihn verstanden und schauderte . So wenig kannte sie der alte Mann ? Er meinte sie zwingen zu können zu einer ihr widerstrebenden Ehe ? Wäre ihr Herz auch frei gewesen , niemals hätte sie sich zwingen lassen . Und jetzt , da sie liebte , da er es wußte , glaubte er für sie wählen zu können ? ... Welch ein Abgrund klaffte zwischen ihm und ihr , wie fremd stand sie mitten unter den Ihren , wie allein im Vaterhaus ! Mit welcher bitteren Qual empfand sie die traurigste von allen Einsamkeiten , die unter Menschen , die uns die nächsten sein sollten . Unzufrieden mit sich selbst verließ Heißenstein das Gemach . Er hatte sich übereilt . Er hätte noch schweigen , noch nichts verraten sollen von seinen Zukunftsplänen , hätte einen Monat oder zwei ins Land gehen lassen sollen , bevor er den Geschäftsfreund an die längst schon zwischen ihnen genommene Verabredung mahnte . Er machte einen Gang durch die Stadt und besann sich , daß im Kontor die Arbeit seiner warte . Er begab sich in das Kontor und sah bald ein , daß er unfähig war , auch nur zwei zusammenhängende Zeilen niederzuschreiben . Endlich versuchte er , sich mit Mansuet in ein Gespräch einzulassen . Aber der war schweigsam und niedergeschlagen und gab nur einsilbige Antworten . » Wissen Sie schon ? die Ulanen marschieren « , fragte der Chef unter anderm . » Weiß « , brummte Mansuet und spitzte die Ohren , wie in die Ferne lauschend . » Sie kommen schon hier vorbei ! « rief der zweite Kommis und sprang auf , » man hört die Musik ! « Heißenstein verließ das Kontor und stieg zum Zimmer seiner Tochter empor . Als er die Tür des weitläufigen Gemaches leise öffnete , sah er Rosa in der Fensternische halb sitzend , halb liegend hingestreckt . Sie hatte die Arme über ihren Arbeitstisch geworfen und das Gesicht in die Linnen vergraben , die ihn bedeckten . Ihr ganzer Körper bebte unter den Erschütterungen eines heftigen Schluchzens , das sich schmerzlich emporrang aus der Tiefe ihrer Brust . Von einem flüchtigen Mitleid ergriffen , blieb ihr Vater , ohne ein