sei ' s , um den Kavalier der Zukunft für diese tief gesunkene erbärmliche Welt heranzubilden . Im Winter behielt der Chevalier gewöhnlich die Oberhand im pädagogischen Wettstreite . Die lieblichere Zeit des Jahres war , dem alten Comenius zum Trotz , selbstverständlich auch die Zeit der lieblicheren Belehrung . Da wurde allerdings dann dem Kinde vieles klargemacht , was dem Herrn von Glaubigern in alle Ewigkeit dunkel blieb , und umgekehrt wurde manches in Nebel und Dunst gehüllt , was der Ritter eben erst mit vieler Mühe dem Kinderkopfe in ein helle res Licht gerückt hatte . Wenn der Herr von Glaubigern auch das Bewußtsein des Standes und des durch den Stand bedingten Interesses im höchsten Grade besaß , so war er doch zu verständig und billig , um nicht einzusehen , daß die Welt sich doch nicht ganz seit dem Untergang des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation zum Schlechten verändert habe . Trotz aller Sehnsucht nach verlorenen bessern Zuständen konnte er auch den gegenwärtigen Tag gelten lassen und hielt es unter seiner Würde , die Gegenwart durch jenen bekannten , mehr oder weniger geschickt und feierlich verhängten Standesegoismus hinter das Licht zu führen . Er konnte sich immer noch an der Lebendigkeit , der Bewegung des Tages freuen , und wo er ihn nicht mehr verstand , da suchte er den Widerspruch lieber im stillen zu verdauen , als daß er sich mit seiner harmlosen Umgebung in einen zwecklosen und unfruchtbaren Kampf darüber eingelassen hätte . Er sagte sich , daß von Krodebeck aus die Weltenuhr sich wahrscheinlicherweise nicht vor- oder zurückstellen lassen werde , und verdiente somit die Verachtung des Frölens im vollsten Maße . Mit Verachtung blickte das Frölen selbst auf den Kürassierharnisch , welchen der gute Ritter bei Ligny trug und über welchem er mit so heißen Tränen die Arme gekreuzt hatte , als er in der Nacht verwundet auf dem Schlachtfeld lag und der Rückzug seines Volkes an ihm vorüberrauschte . Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin , Gräfin von Pardiac und allen möglichen und unmöglichen andern Grafschaften , hielt es unter allen Umständen für ihre Pflicht , selbst da nein zu sagen , wo niemand verlangte , daß sie ja sage . Einmal in jedem Jahre wallfahrtete sie sicher nach Blankenburg , um auf dem Schloß und am Fuß der Teufelsmauer eine stille Andacht zu halten . Auf dem Schloß hatte ja Seine geheiligte Allerchristlichste Majestät der König Ludwig der Achtzehnte , leider recht bescheiden , selbst hofgehalten , und an der Teufelsmauer zeigte man eine Felsenfratze , welche dem dicken Herrn wie aus dem Gesichte geschnitten war und die bourbonische Nase sowie das bourbonische Kinn in wahrhaft genialer Weise zur Schau trug ; wobei übrigens die Bemerkung gestattet sein wird , daß man in Deutschland kaum eine größere Felsenpartie bereisen kann , ohne daß die Reisehandbücher und die Führer aus der bourbonischen Physiognomie Kapital schlagen : vorzüglich in Gegenden , wo der Sandstein vorherrscht . Vor dieser Blankenburger Felsennase betete das Fräulein im vollsten Sinne des Wortes an und versank in eine Verzückung , welche den Schwarzen braunschweigischen Jägeroffizieren , die es zuerst auf das loyale Naturwunder aufmerksam gemacht hatten , großen Spaß bereitete . Daß der junge Hennig von Lauen sehr bald an diesen Wallfahrten teilzunehmen hatte und auch ein großes Vergnügen dran fand , war vorauszusehn . Es wurde ihm der Glaube an noch ganz andere Wunder zugemutet , und da er sich in jener Lebensepoche befand , in welcher man vorzüglich gern an alles Wunderliche und Wunderbare glaubt , so hatte er häufig einen größern Genuß davon als von dem grimmigen Amos Comenius , jedoch nicht immer . Den ausgezeichneten Jüngling Télémaque zum Beispiel haßte er viel ausbündiger als den Comenius . War aber nicht der Klang der Fanfaren und Pansflöten von Marly und Versailles am Fuße dieser Harzberge ein Wunder , welches die junge Seele mit Lust und Behagen erfüllen mußte ? Mit Begeisterung folgte Hennig dem Ritter von Glaubigern auf die wirkliche Hasenjagd ; allein der barocke Zauberspuk des achtzehnten Jahrhunderts , welchen Adelaide heraufzubeschwören wußte , hatte gleichfalls seine innigen Reize . Ehe der Junker von Lauen die ersten Hosen aufgetragen hatte , war er zeitweise vollständig in einen Kreis gebannt , um welchen der Chevalier ängstlich genug herumtrippelte und von welchem aus er , d.h. Hennig , vorzüglich jenes ekle Grauen vor den ungewaschenen , lärmenden Erscheinungen der Wirklichkeit - das Grauen der Unmündigen und - der verzogenen und verzärtelten Erwachsenen empfand . Mit Ekel , Abscheu und ohne die geringsten Gewissensbisse hatte sich das Fräulein von Saint-Trouin von dem Elendskarren der einst so schönen Marie Häußler und ihrem armen Kinde abgewendet ; Furcht und Ekel erweckte das Bild dieser drei » Gegenstände « dem Junker von Lauen am Frühstückstisch auf dem Lauenhofe . Sogar die Neugier , welche das kindliche Alter allen Dingen entgegenträgt , wurde hier durch die Furcht überwogen , und mit heftigem Mißbehagen horchte der Knabe auf das , was die Mutter und der Ritter über die Leute im Siechenhause zu sagen hatten , während das Fräulein appetitlos , mürrisch-weinerlich dasaß und in allem , was gesprochen wurde , eine tiefe Kränkung seiner eigenen Persönlichkeit fand . Der Herr von Glaubigern und die Frau Adelheid nahmen allerdings auf die Gefühle und Anschauungen des Fräuleins keine Rücksicht . Der Chevalier setzte auseinander , was geschehen könne , um die Aufregung des Dorfes Ober die heimgekehrte Gemeindegenossin so schnell als möglich zu verwischen . Er sprach sehr nüchtern von den Bauern von Krodebeck und gab sich darüber keinen Täuschungen hin ; allein er sprach jeden falls wie ein guter Mann , der ein unter seinen Augen begangenes Unrecht , welches er nicht verhindern konnte , nach Kräften auszugleichen bestrebt ist . Daß er bei seinen Vorschlägen und Ratschlägen nicht die Malteserin ansah , sondern lieber seinen Teller , war sicherlich ebenfalls ein Zeichen eines gutmütigen und feinfühlenden Herzens . Die gnädige Frau blickte auf den grauköpfigen braven Hausgenossen mit den hellsten , glänzendsten ,