, daß ja die Mama , von der die Leute schon damals gesagt hätten , sie sähe aus wie ein Engel , nun auch droben im Himmel sei und jeden Augenblick ihre kleine Fee sehen könne . Dann streichelte er zärtlich das Köpfchen des Kindes , das aufs neue in krampfhaftes Weinen ausbrach . 8 Am anderen Morgen hallte das Ausläuten der Glocken feierlich über die Stadt . Die schmale , steile Gasse hinauf strömten die Andächtigen nach der hochgelegenen Barfüßerkirche . Samt und Seide und auch minder kostbare , aber doch sonntägige Stoffe wurden in die Kirche getragen , nicht allein zur Ehre Gottes , sondern auch um der Augen des lieben Nächsten willen . Aus dem stattlichen Eckhause am Marktplatze schlüpfte eine kleine , schwarz umhüllte Gestalt . Niemand hätte unter dem großen , plumpen Umhängetuche , das eine Nadel unter dem Kinne zusammenhielt , die feinen , graziösen Formen der kleinen Felicitas zu entdecken vermocht . Friederike hatte der Kleinen das häßliche , grobe Gewebe mit den wichtig betonten Worten umgelegt , daß die Madame ihr das schöne Tuch zur Trauer schenke ; dann hatte sie die Hausthür geöffnet und dem hinauseilenden Kinde streng anbefohlen , ja nicht etwa , wie sonst , in den Familienkirchenstuhl zu gehen - es sei Platz für sie auf den Bänkchen der Schulkinder . Felicitas drückte das Gesangbuch unter den Arm und schritt hastig um die Ecke . Es war unverkennbar , sie strebte ungeduldig vorwärts zu kommen ; aber da drüben schritten feierlich gemessenen Ganges drei schwarzgekleidete Gestalten , deren Anblick sofort ihre Schritte verlangsamte ... Ja , dort ging sie , die große Frau inmitten ihrer zwei Söhne , und alle Menschen , die vorüberkamen , neigten sich tief und respektvoll . Sie hatte zwar das ganze Jahr über fast für niemand einen guten Blick , und der Mund sprach oft unbarmherzig zu denen , die Hilfe suchten ; und dort der kleinere Knabe an ihrer Linken schlug die Bettelkinder , die sich ins Haus wagten , und trat mit Füßen nach ihnen . Er log auch abscheulich und schwur dann heilig und teuer , daß er nicht gelogen habe - aber das schadete alles nicht . Sie gingen jetzt in die Kirche , setzten sich in den streng abgeschlossenen Kirchenstuhl , hinter vornehme Glasscheiben , und beteten zum lieben Gott , und er hatte sie lieb , und sie kamen in seinen Himmel : denn - sie waren ja keine Spielersleute . Die drei Gestalten verschwanden in der Kirchenthür . Das Kind folgte ihnen mit den ängstlichen Augen , dann huschte es vorüber , vorüber an all den offenen Thüren , aus denen bereits der Orgelklang scholl , und die einen Blick gewährten in das magische Düster der Kirchenhalle , über die dichtgedrängten Reihen der Andächtigen . An das trotzig empörte , heftig pochende Kinderherz aber , das da draußen vorübereilte , schlug der Orgelton vergeblich . Es konnte heute nicht zum lieben Gott beten ; er wollte ja nichts wissen von dem armen , erschossenen Mütterchen , er litt es nicht in seinem großen , blauen Himmel - es lag einsam draußen auf dem Gottesacker , und da mußte das Kind hin und mußte es besuchen . Felicitas bog ein in eine zweite Gasse , die noch steiler den Berg hinauflief , als die drunten neben dem Hause . Dann kam das häßliche Stadtthor mit dem noch viel häßlicheren Turme , der auf seinem Rücken dräute , aber durch die Thorwölbung leuchtete es grün . Da schlangen sich die prächtigen , wohlgepflegten Lindenalleen in wunderlichem Kontraste um alte , geschwärzte Stadtmauern , wie ein frischer Myrtenkranz um einen ergrauten Scheitel ... Wie war es so feierlich still hier oben ! Das Kind erschrak vor seinen eigenen Schritten , unter denen der Kies knirschte - es ging ja auf verbotenem Wege . Aber es lief immer rascher und stand endlich , tief Atem schöpfend , vor dem Eingangsthore des Gottesackers . Noch nie hatte Felicitas diesen stillen Ort betreten - sie kannte jene kleinen , gleichförmig nebeneinander liegenden Felder noch nicht , jene Schlußsteine , unter denen das vielgestaltige Leben urplötzlich verbraust und verklingt . Neben dem schwarzen Eisengitter der Thür streckten zwei große Holunderbüsche die Zweige hervor , gebeugt von der Last ihrer schwarzen , glänzenden Beerendolden , und da seitwärts erhob sich das graue Gemäuer einer alten Kirche - das sah düster aus : aber dort hinüber dehnte sich ein weiter Plan , bunt besät mit Blumen und Büschen , auf denen das Gold der milden Herbstsonne lag . » Wenn willst du denn besuchen , Kleine ? « fragte ein Mann , der in Hemdärmeln an der Thür des Leichenhauses lehnte und blaue Wolken aus seiner Tabakspfeife in die klare Luft blies . » Meine Mama , « entgegnete Felicitas hastig und ließ ihre Augen suchend über das große Blumenfeld gleiten . » So - ist die schon hier ? - Wer war sie denn ? « » Sie war eine Spielersfrau . « » Ah , die vor fünf Jahren auf dem Rathause umgekommen ist ? ... Die liegt da drüben , gleich neben der Kirchenecke . « Da stand nun das kleine , verlassene Wesen vor dem Fleckchen Erde , das den Gegenstand all seiner süßen , sehnsüchtigen Kindesträume deckte ! ... Ringsum lagen geschmückte Gräber ; die meisten waren mit buntfarbigen Astern so völlig bedeckt , als habe der liebe Gott alle seine Sterne vom Himmel schneien lassen . Nur der schmale Streifen zu des Kindes Füßen zeigte dürres , verbranntes Gras , gemischt mit üppig wuchernden Queckenranken . Unachtsame Füße hatten bereits einen Weg darüber gebahnt ; die anfangs lockere , von Regengüssen durchwühlte Erde war tief eingesunken , und mit ihr der weiße , schmucklose Stein zu Füßen des vernachlässigten Grabes - » Meta d ' Orlowska « stand in großen , schwarzen Lettern dicht am Erdrande ... An diesem Steine kauerte sich Felicitas nieder , und ihre kleinen Hände