Gesicht in frischem Wasser ; dann öffnete sie das Fenster und sah hinunter in den Hof . Dort saß Sabine unter einem Birnbaum , mit dem Butterfasse beschäftigt . Das ganze Hühnervolk hatte sich um sie geschart und sah erwartungsvoll zu ihr empor , denn von dem großen Butterbrote , das neben ihr auf dem Steintische lag , warf sie dann und wann einige Brocken auf den Boden , wobei sie nicht unterließ , die Unverschämten zu schelten und die Unterdrückten zu trösten . Als sie das junge Mädchen erblickte , nickte sie freundlich und rief hinauf , alles , was im Forsthause Hände und Füße habe , arbeite seit sechs Uhr droben im alten Schlosse . Auf Elisabeths Vorwurf , weshalb man sie nicht geweckt , entgegnete sie , das sei auf den Wunsch der Mama geschehen , weil ihr Töchterlein sich in den letzten Wochen weit über seine Kräfte angestrengt habe . Sabines gutes , friedvolles Gesicht und die frische Morgenluft beruhigten Elisabeths Nerven augenblicklich und führten die Wirklichkeit zurück , die sich ja gerade jetzt so hell und so rosig gestaltete ... Sie gab sich unsägliche Mühe , sich selbst auszuschelten , daß sie , der väterlichen Ermahnung des Onkels entgegen , gestern bis um Mitternacht am Fenster gelehnt und über die mondbeglänzte Wiese in den schweigenden Wald hinausgesehen hatte . Allein der angeregten Phantasie gegenüber spielt der Verstand oft eine klägliche Rolle . Mitten in der Untersuchung verschwinden plötzlich Ankläger und Zeugen , er sieht sich allein auf seinem Richterstuhle und muß es sich sogar gefallen lassen , daß er hinter die Kulissen gesteckt wird , während um und neben ihm die Spektakelstücke der Phantasie von vorn anheben . Deshalb verstummten Elisabeths ärgerliche Betrachtungen auch sehr bald vor dem Bilde , das sich in einem Nu vor ihrem inneren Auge aufrollte und sich noch einmal den ganzen Zauber einer Mondnacht im Walde nachempfinden ließ . Nachdem sie sich angekleidet und rasch ein Glas frische Milch getrunken hatte , eilte sie den Berg hinauf . Der Himmel war bedeckt , aber nur mit jener hellen , hohen Wolkenschicht , die zwar keinen goldenen , aber einen desto frischeren Frühlingstag verheißt . Deswegen dauerte auch heute das Morgenkonzert der Vögel etwas länger , und die Tautropfen schaukelten sich noch so voll in den Blumenkelchen , als sei ihr zartes Dasein für heute unantastbar . Als Elisabeth in das weit offene Hauptthor des Schlosses trat , fiel ihr sogleich ein ungeheurer grüner Hügel neben dem Brunnen ins Auge . Es waren Distelbüsche , Farnkrautbündel und Brombeerranken , die , ihrem alten , trauten Wohnplatze , dem Garten , entrissen , hier ihr lustiges Leben verhauchen mußten . Der Weg durch den gewölbten Thorbogen des zweiten Hofes bis zur Gitterthür war mit verzetteltem Grünzeuge bestreut , als solle ein fröhlicher Hochzeitszug durch die Ruine wandeln , und sogar an dem Sims eines hohen Fensters , das droben in seinem Spitzbogen eine prächtige durchbrochene Steinrosette mit Resten bunter Glasmalerei zeigte , hatten sich im Vorübertragen einige Ranken gehängt und legten ihr lebendiges Grün traulich neben die steinernen Kleeblätter der heiligen Dreifaltigkeit , die nicht verkennen ließen , daß der dunkle , wüste Raum da drinnen einst die Schloßkapelle gewesen war . Der Garten , in welchem man gestern nicht zwei Schritt weit vordringen konnte , erschien dem jungen Mädchen völlig verwandelt . Ein beträchtliches Stück lag aufgedeckt und zeigte nun die Reste zierlicher Anlagen . Elisabeth konnte auf einem ziemlich gesäuberten Hauptwege , über den erschreckte Eidechsen blitzschnell huschten , bis nach dem grünen Damme gelangen , den man gestern von der Ferne aus entdeckt hatte . Zu beiden Seiten des langen , berasten Erdaufwurfs führten breite , ausgewaschene Steintreppen in die Höhe bis zu einer niedrigen Brüstung , über die man in den Wald und da , wo die Bäume ein wenig auseinander traten , hinunter in das Thal sehen konnte , wo das Forsthaus mit seinem blauen Schieferdache voll weißer Tauben behaglich auf der grünen Wiese lag . Zu Füßen des Walles , gerade da , wo der Hauptweg endete , befand sich ein kleines Bassin , in das eine grünbemoste Gnomengestalt einen starken , kristallhellen Wasserstrahl spie . Zwei Linden wölbten sich über dem rauschenden Brunnen und warfen ihren wohlthätigen Schatten auf die zarten Vergißmeinnicht , die hier massenhaft aus der feuchten Erde sproßten und das Bassin in dunkler Bläue umfingen . Dem Damme gegenüber lag der Zwischenbau ; er sah mit seinen zurückgeschlagenen Fensterläden und der großen , offenen Thür im Erdgeschosse heute so hell und gastlich aus , daß sich Elisabeth freudig dem süßen Gefühle hingab , hier auf heimischem Boden zu stehen . Sie überblickte den Garten und dachte an ihre Kinderjahre , an jene Momente voll unbezwingbarer Sehnsucht , wo sie beim Spaziergange hinter den Eltern zurückblieb und , ihr Gesicht an das festgeschlossene Gitter gepreßt , in fremde Gärten hineinsah . Dort tummelten sich glückliche Kinder ungezwungen auf den Rasenplätzen ; sie durften die aufgeblühten Rosen am Stocke in ihre kleinen Hände nehmen und sich an dem Dufte erquicken , solange sie wollten ... Und was mußte das für eine Lust sein , den kleinen Körper unter einen vollen Strauch zu ducken und gerade so im Grünen zu sitzen , wie die großen Leute in einer Laube ! Damals blieb es bei Wunsch und Sehnsucht . Nie öffnete sich eine der geschlossenen Thüren vor dem Kinde mit den bittenden Augen , und es wäre doch schon zufrieden gewesen , wenn man durch das Gitter einige Blumen in seine kleinen Hände gelegt hätte . Während Elisabeth auf dem Walle stand , erschien der Oberförster an einem der oberen Fenster des Zwischenbaues . Als er das junge Mädchen erblickte , wie es , die zarte Gestalt an die Brüstung gelehnt und den schönen Kopf halb nach dem Garten gewendet , sinnend vor sich hinsah , da überflog ein unverkennbarer Ausdruck von Wohlgefallen und stiller Freude sein Gesicht . Auch Else wurde den Onkel gewahr ,