Oswald an der verschlossenen eisernen Gitterthür . In dem Pförtnerhäuschen öffnete sich ein Fenster ; der Pförtner schaute heraus und fragte nach seinem Begehr . Oswald wünschte Doctor Birkenhain zu sprechen . Sind Sie schon gemeldet ? Ja . Ihr Name ? Oswald nannte seinen Namen . Der Mann blickte auf eine Tafel , welche die Namen der Angemeldeten enthalten mochte ; dann steckte er den Kopf wieder zum Fensterchen heraus : Nur gerade über den Hof nach der Hauptthür ; dort noch einmal zu klingeln . Die Thür that sich auf und schloß sich wieder hinter dem Eingetretenen . Oswald ging über den geräumigen , mit Kies bestreuten , hier und da mit Büschen und Bäumen bepflanzten Vorhof dem Hause zu . Auf einer Bank unter einem dieser Bäume saß in einer Gruppe von mehreren Personen ein junger , sehr wohlgekleideter Mann . Als Oswald an ihm vorüberschritt , erhob sich der junge Mann , trat auf ihn zu und sagte , indem er mit einer höflichen Verbeugung den Hut zog : Ich habe gewiß die Ehre , mit dem Kaiser von Fez und Marokko zu sprechen ? Als Oswald diese wunderliche Frage verneinte , schüttelte der junge Mann traurig den Kopf und sagte , indem er Oswald mit einem leeren Blick ansah : Es ist merkwürdig ; der Kaiser hatte es mir doch so fest versprochen , mich noch in diesem Sommer abzuholen , und der Sommer geht zu Ende und der Kaiser kommt nicht ; ich werde wohl bis nächsten Sommer warten müssen . Dann aber kommt er ganz gewiß . Meinen Sie nicht auch ? Ich zweifle keinen Augenblick daran , erwiderte Oswald . Ein schwacher Strahl von Freude zuckte über das blasse Gesicht des Unglücklichen . Er verbeugte sich abermals , setzte seinen Hut wieder auf und schritt zu seinem Platze auf der Bank zurück . Oswald gelangte zu der Hauptthür , klingelte und wurde von einem Diener , welcher öffnete und nach seinem Namen fragte , in ein Zimmer geführt , mit der Anweisung , ein wenig warten zu wollen , Doctor Birkenhain würde alsbald erscheinen . Es war ein hohes , schönes Gemach ; ausgezeichnete Oelgemälde schmückten die Wände ; zwischendurch antike Köpfe und Büsten auf Consolen : der Apoll von Belvedere , der Zeus von Otricoli , die Ludovisische Juno ; auf Tischen mitten in dem Zimmer Bücher und Kupferwerke - Alles athmete den heitern Genuß des Daseins ; nichts erinnerte daran , daß man sich in einem Hause der Krankheit und des Todes befinde . Nach einigen Minuten trat Doctor Birkenhain herein . Oswald hatte sich natürlich von diesem Manne , der in der letzten Zeit von einer so verhängnißvollen Bedeutung für ihn geworden war , ein Bild entworfen und war jetzt nicht wenig erstaunt , als er fand , daß von diesem Bilde auch nicht ein Zug paßte . Er hatte sich Doctor Birkenhain als einen Ehrfurcht gebietenden Greis vorgestellt , voll Gravität und Würde , und sah sich jetzt einem Manne gegenüber , der nicht viel älter sein konnte , als er selbst , zum wenigsten das dreißigste Lebensjahr schwerlich überschritten hatte - lang und dürr , mit schlichtem hellbraunen , nicht allzu dichtem Haupthaar und spärlichem Schnurr- und Kinnbart - ein mageres Gesicht von einer kränklich gelben Farbe , - eine hohe Stirn , große hellblaue Augen , denen man es auf den ersten Blick ansah , daß sie gewohnt waren , in der Seele des Menschen zu lesen und deren durchdringende Schärfe auf die Dauer fast unerträglich wurde . Nach der ersten Begrüßung und nachdem Doctor Birkenhain bedauert hatte , daß es ihm nicht vergönnt gewesen sei , die Bekanntschaft seines Collegen Braun zu machen , der sich durch seine Abhandlung über den Typhus mit einem Schlage einen Platz unter den ersten Pathologen Deutschlands erworben habe , sagte er : Ich habe Ihrem Besuch mit großer Spannung entgegengesehen , weil ich mir von Ihrem Wiedersehen mit Berger für den Letzteren sehr viel verspreche . Ich weiß durch Herrn Bemperlein , und auch aus Bergers eigenem Munde , daß Sie der vertrauteste Freund und so zu sagen der Liebling des unglücklichen Mannes sind - es wenigstens vor dem Ausbruch seiner Krankheit waren . Wenn Etwas im Stande ist , das bei Berger fast bis auf den letzten Funken erloschene Interesse am Leben wieder zu entfachen , so ist es die Liebe - nicht die allgemeine Menschenliebe , die nur ein anderer Ausdruck für Egoismus ist , sondern die ganz specielle Liebe für ein bestimmtes Individuum , an dessen Freuden und Leiden er einen sympathetischen Antheil nimmt . Die Liebe ist das realste aller Gefühle , ist das , welches sich am kräftigsten gegen die Vernichtung wehrt und alle anderen überdauert . Der größte Psycholog , der vielleicht je gelebt hat und dem wir Irrenärzte sehr viel verdanken , Shakespeare , läßt seinen Lear noch kurz vor dem Ausbruche des Wahnsinns zum Narren sagen : Mir blieb ein Stückchen vom Herzen noch und das bedauert Dich . Dies Stückchen vom Herzen ist der gesunde Punkt , von dem die Heilung ausgehen muß , auch bei Berger . Ich bitte Sie deshalb , Berger auf alle Weise für Ihr individuelles Schicksal zu interessiren . Erzählen Sie ihm von Ihren Plänen und Entwürfen , von Ihren Hoffnungen und Wünschen ; von Ihren Freuden und Leiden . Besonders von den letzteren , wenn Sie davon zu berichten haben und - verzeihen Sie dem Arzt die Indiscretion ! - ich glaube , daß Ihre Mittheilungen besonders nach dieser Seite hin ziemlich ausgiebig sein werden . Sie lächeln ? nun , vielleicht irre ich mich , und ein gewisses Etwas in Ihrem Gesicht ist der Ausdruck eines physischen und nicht psychischen Vorganges - aber , wie dem auch sein mag , verhüllen Sie vor Berger nicht die Schatten- und Nachtseiten Ihrer Existenz . Im Gegentheil : klagen Sie , und je eindringlicher , je schmerzlicher , desto besser ; aber klagen Sie wie ein