hat sie nur hervorgehoben , um dadurch die Wallfahrten selbst zu verdächtigen und diese ächt katholische Lebensäußerung zu unterdrücken , weil sie mit dem öden Begriffswesen moderner Humanität nicht zusammenstimmen wollte . In dem Einerlei des mühseligen , sorgenschweren Alltaglebens braucht der Mensch aber zeitweise eine Erfrischung , eine Aufrichtung , ein Vergessen der irdischen Nöten und Arbeiten . Er will einmal einige Tage der Freiheit und der Ruhe haben und ungestört seinen teuersten und höchsten Interessen sich hingeben . Das sind unstreitig die ewigen , denn sie umschließen den ganzen Menschen mit allen seinen Verhältnissen und Pflichten gegen den Nächsten und gegen Gott . Da verläßt er denn auf einige Tage sein Haus und begibt sich nach einem jener uralten Gnadenorte , wo seit einem halben oder ganzen Jahrtausend Millionen von Menschen gebetet und Trost gefunden haben . Auf dem Hinweg sammelt er sich in seiner Seele und bedenkt all ' den Wust , der sie drückt : so viel Sünden , so viel Torheit und Verkehrtheit , so viel Leid und Gram und Kummer , so viele Wünsche , Hoffnungen , Bestrebungen , Das überlegt er alles und teilt es ein : die Sünden mit ihrem Gefolge von Reue und guten Vorsätzen für das Bußsakrament und die Bitten , die Klagen , das Flehen für das Altarssakrament ; und dann wendet er sich an die Fürsprache der großen Freunde Gottes , der seligsten Jungfrau Maria , der heiligen vierzehn Nothelfer , oder stellt sich unter den Schutz und vertraut auf die Kraft des heiligen Blutes oder der Not Gottes , oder wie sonst das Geheimnis heißen möge , dessen Verehrung der Gnadenort geweiht ist : und in dieser Stimmung bringt er dort einen Tag zu oder zwei , manchmal auch nur einige Stunden , und geht dann heim , versöhnt mit Gott , erquickt in seiner Seele , voll guter Entschlüsse , getröstet und aufgerichtet - oft für sein ganzes Leben , und macht sich dann wieder an sein mühseliges Tagewerk . O mein lieber Damian , scheint Dir das wirklich ein großer Skandal zu sein ? Ich meines Teils wünschte recht oft ihn zu machen und ihn zu erleben . « » Sie sind ein Idealist , Onkel Levin ! « rief Damian . » Sie haben immer das Ideal im Herzen und vor Augen ! Aber ich wette darauf , daß all ' jene guten Wallfahrer , die sich da drüben schieben , drängen und stoßen , sehr weit davon entfernt sind . « » Gott allein sieht in ' s Herz , lieber Damian , und so wollen wir ihm das Urteil über jene braven Leute anheimstellen , die bei ihrer Andacht auch noch das Unbehagen des Gedränges in den Kauf nehmen müssen . Übrigens hält die Kirche uns allen , für all ' unser Tun und Lassen , in der christlichen Vollkommenheit das Ideal vor , das wir immer vor Augen haben sollen . Bemühen wir uns nicht , das Geringste mit möglichster Vollkommenheit zu tun , so werden wir es bald ganz schlecht machen . « » Lieber Onkel ! « rief Damian , » warum werden Sie nie ärgerlich , da ich Sie doch manchmal mit meinen Bemerkungen recht sekkiere . « » Weil ich Dich lieb habe , mein Damian . « » Ach nein , Onkel , das glaub ' ich nicht ; sondern weil Sie Gott lieben und in ihm auch mich . « » Das versteht sich : Gott ist der Urgrund jeder wahren Liebe . « » Zuweilen denk ' ich , wären alle Priester wie Sie , Onkel Levin , so wäre die ganze Welt , auch die katholische , gut katholisch . « » Wären wir Priester dem Ideal des kreuztragenden Heilandes näher , so stände es ohne Zweifel besser mit der Welt ; darin hast Du ganz Recht , « sagte Levin demütig und freundlich . » Aber die ganze Last lasse ich mir nicht aufbürden . Um gut katholisch zu sein , muß man es auch sein wollen . Drei und dreißig Jahre hatten die Juden Christus vor Augen mit all ' seinen Wundern und göttlichen Beglaubigungen , und wie wenige schlossen sich ihm an ! Ohne den Willen kein Glaube und keine Tugend , darauf verlaß Dich . « Kunigunde reiste nach Altötting , das gewiß eine der merkwürdigsten Stätten der Erde ist - so irdisch reizlos und so unirdisch reizend . Eine halbe Stunde vom Inn entfernt , flach , baumlos , unmalerisch , liegt auf der weiten Ebene zwischen München und Passau der kleine Marktflecken Altötting , der aus ein paar Straßen und einem freien Platz besteht . An diesem Platz , der weit und unregelmäßig ist , liegen drei Kirchen und verschiedene größere und kleinere Häuser : die Pfarrkirche , die Kapuzinerkirche mit dem daranstoßenden Kloster , und Kirche und Haus der Patres Redemptoristen . Das übrige sind Privathäuser . Alles ist ohne Schönheit der Architektur , ohne Pracht , so ungemein einfach und schmucklos , daß man , wenn man an Loretto oder Einsiedeln in ihrer großartigen Majestät denkt , ganz vergebens nach der Wallfahrtskirche mit dem Heiligtum sich umsieht , während man dort nichts anderes sieht . Dann liegt mitten auf dem freien Platz eine kleine Kapelle , achteckig , mit spitzem Dach und vor dem Achteck , das man auch den Chor nennen kann , ein Langschiff ; das Ganze umgeben von einem schwerfälligen , niederen Bogengang , der Schutz gegen Regen und Sonnenschein gewährt . Welch ein seltsames kleines Gebäude ! Aber sieh ! alles Gemäuer des Bogenganges ist mit Votivtafeln bedeckt und schwere Kreuze , welche büßende Pilger getragen haben , stehen an den Pfeilern ; denn dies unscheinbare , ja dürftige Gebäude , so unansehnlich und gering wie die Grotte von Bethlehem , ist die Gnadenkapelle . Auch im Innern ist etwas von der Dunkelheit , der Stille , dem Geheimnisvollen und Feierlichen jener Grotte . Das kleine Langschiff , 36 Fuß lang