Sie werden uns das nicht anthun . Ich führe Sie in die Schlafstube , ein halb Stündchen Ruhe , ich kenne ja Ihre Seelenstärke , und Sie haben sich erholt , wenn Sie uns gut sind . « » Beste Geheimräthin , « erwiderte die Lupinus , » ich erkenne Ihre himmlische Güte , aber glauben Sie mir , die Luft erdrückt mich . « » Im Speisesaal ist sie ganz anders . Es ist gedeckt . Wir warten nur auf den interessanten Fremden , den Legationsrath v. Wandel , Sie haben doch schon von ihm gehört , er ist sehr begütert in Thüringen . Mein Mann sagt , ein Mann von eminenten Gaben . Ich hatte es mir so hübsch vorgestellt , er sollte Sie zu Tisch führen . Wo konnte ich ihm eine geistreichere Nachbarin verschaffen . Er ist nur zu einer Audienz bei Prinz Louis Ferdinand ganz plötzlich beschieden , aber er muß den Augenblick hier sein . « » Ich einen Mann von Geist unterhalten ! Sie spotten meiner . Ach aber es ist nicht das . - Mein armer Mann - er sitzt noch bei der Studirlampe - ich sehe ihn wieder , verzeihen Sie , theuerste Freundin , es presst mich , es sprengt mir die Brust - ja , mir ist , als wenn jetzt ein großes Unglück zu Hause geschähe . Nicht mir , meines guten Mannes wegen verzeihen Sie die Störung . « » Es ist recht schade , daß die Frau Geheimräthin an Visionen leidet , « bemerkte die Hofräthin am Spieltisch , der man die Zufriedenheit ansah , daß die Baronin die Karten übernommen hatte . » Es ist doch mit dem Nervensystem etwas Singuläres . Und es stört mancherlei . « » C ' est le temps ! « bemerkte Bovillard , der inzwischen hinzugetreten . » Un peu mystique , un peu clair-obscur , un peu clairvoyance et un peu de vérité , voilà tout . Es ist wie mit dem Schnupfen . Man glaubt ihn los zu sein , da kommt er wieder . « » Herr Jemine , « rief die Baronin , als sie ausspielen sollte . » Ich kann ja nicht , ich habe meinem Manne seine Karten gesehen . « Das sah Jeder ein . Die Hofräthin öffnete vor Schreck den Mund , fast wie vorhin die junonische Frau . Die Partie war wirklich zerstört . Da übernahm der wirkliche Geheimrath die Karten . Er blieb der Gott des Abends . Man sprach noch nach Wochen in den Kreisen von der Liebenswürdigkeit dieses Staatsmannes . - Er ist später gestürzt ; die Hofräthin hielt fest am Glauben . Sie versicherte noch nach langen Jahren , es sei nur die schwärzeste Kabale , die einen solchen Mann stürzen können . Unten im Hausflur wartete Johann . Er zitterte noch immer . Indem er der Geheimräthin die Enveloppe umgab , ging die Hausthür auf , ein verspäteter Gast trat ein . Als er den Mantel abwarf und seinem Diener Anweisungen wegen des Abholens gab , erkannte sie in ihm den Fremden , dem sie vorhin auf der Hintertreppe begegnet war . Die Blässe seines Gesichts war durch die schwarze , seine Hoftracht nicht gemindert . Ein Mann in mittleren Jahren und stattlicher Figur , stieg er leicht mit den Bewegungen vornehmer Sicherheit die Treppe hinauf . Ein Ordensband und Kreuz schien unter der Halsbinde versteckt . Ein Band am Knopfloch deutete auf ein anderes Ehrenzeichen . Der Fremde hatte die Geheimräthin , die im Schatten der aufgehenden Thür stand , nicht gesehen . Einen Augenblick schien sie im Zweifel , ob sie nicht umkehren solle . Sie fühlte sich wieder wohl . Die frische Luft im Flur hatte wahrscheinlich gut gewirkt . Aber - es schickte sich nicht . Sie saß im Wagen . Die Thür schlug zu . Sie lehnte sich in die Ecke und - weinte . Weil es sich nicht schickte ! - Darum ? - » Und das heißt leben , « fuhr sie auf , » unter diesen langweiligen , nüchternen , abgeschmackten Puppen wandeln , sich kleiden , sprechen , die Gefühle und Gedanken zusammenhalten , damit ja nichts entschlüpft , was sich nicht schickt . Und darum leben wir ! « Der Herr Geheimrath sind noch auf , hörte sie , im Hause angelangt , aber Sie haben befohlen , es soll Sie Niemand stören , Sie sind in einer wichtigen Untersuchung . Zum ersten Mal , seit wie langer Zeit ! fühlte die Geheimräthin ein Verlangen , ihren Mann zu sehen . Er war doch etwas anders , als die Larven in der Gesellschaft . Er liebte die Menschen in seinen Büchern ; im Vergleich mit Jenen war er ein freier Mann , denn von dem Gesetz des Sichschickens , was diese tyrannisirte , hatte er sich losgemacht . Hatte er doch auch , als sie vor langen Jahren nach Italien reisten , geschwärmt , wie er es konnte , wenn nicht für Kunst und Natur , doch in dem reichen Trümmerlande für die Wege , welche Horaz geschildert , für die Ruinen , welche die Sage nach ihm nennt . Das waren nun längst vergangene Dinge . Die Geheimräthin schwärmte nicht mehr für Italien . Sie wäre einmal gern nach London oder Paris gereist ; jetzt auch vielleicht nicht mehr . Berlin war ihr unausstehlich , aber sie wusste nicht , wohin sich wünschen . Sie wollte ihren Mann sehen , irgend etwas mit ihm sprechen , was sie nicht an die Gesellschaft erinnerte . Vielleicht traf sie doch auf einen Ton , wo ihre Seelen zusammenklangen . Er sah nicht auf , als sie eintrat . Er hörte auch nicht die leis geöffnete Thüre , nicht das Rauschen ihres Kleides . Den Lichtschirm vor den Augen , die Feder im Munde , saß er zwischen zwei Folianten , in denen seine Finger als Zeichen lagen , um die Varianten in jedem Augenblick aufschlagen zu