die keimende Liebe Salvadors zu Lydia nicht unlieb war . Wir werden sie später kennen lernen . Salvador eilte leichten Herzens auf seinen Posten . VII Wir müssen jetzt kurz dem Leser davon Rechenschaft geben , wie es zuging , daß Pater Angelikus noch einen so späten Besuch bei Ines machte . Er - nämlich der Leser - wird sich erinnern , daß der ehrwürdige Herr , nachdem er sich vom Fürsten getrennt hatte , über die Ferdinandsbrücke schritt , um sich nach Hause zu begeben . Als er jedoch an dem jenseitigen Ufer angelangt war , fiel ihm ein , daß er von Alicen keinen Abschied genommen , indem er , sobald der Fürst sie verlassen hatte , die geheime Treppe hinab , über den Hof geeilt und durch die Seitenstraße in die Wollzeile einbog , gerade in dem Augenblicke , wo der Fürst das Haus verlassen wollte . Es fiel ihm , wie gesagt , ein , daß er von Alicen keinen Abschied genommen . Das war unartig , es war wahr : es war undankbar , und vor allen Dingen : es war unklug . - Was mußte Alice daraus schließen ? sie , vor deren Klugheit er einen gewissen Respekt hatte - - und das wollte bei Angelikus viel sagen . - Würde sie nicht auf die Vermuthung kommen , daß er mehr ahne , als ihr lieb sei ? Daß er vielleicht mit dem Fürsten gesprochen und von diesem durch unschuldig scheinende Fragen mehr erfahren , als ihr zweckdienlich scheinen mochte ? Und würde diese Vermuthung ihm nicht ihr Mißtrauen , ihren Haß zugezogen haben ? - Der Pater war empfindlich gegen diesen Haß , er fürchtete die Feindschaft dieser Frau nicht nur deshalb , weil er ihrer nothwendig bedurfte , sondern auch darum , weil sie ihm , das heißt : seinen Plänen gefährlich werden , ja sie vollständig vernichten konnte . Er wandte also seinen Schritt dahin , woher er gekommen , zu Alicens Wohnung . Unterwegs durchleuchtete ein neuer Gedanke sein grübelndes Gehirn . Er wollte Alicen einen ihm mit Leib und Seele ergebenen und verschwiegenen - Begleiter mitgeben : Salvador . Es paßte sich vortrefflich , daß Lydia den Schwarzkopf schon kannte und , wie es schien , Vertrauen zu ihm gefaßt hatte . Er würde also von dieser Seite keinen Einwand zu bekämpfen , ja vielleicht Beistand bei seinem Antrage zu erwarten haben . Zugleich entfernte er dadurch den leidenschaftlichen Jungen aus der Nähe des Fürsten , da ihm - aus Gründen , die später deutlicher sich darlegen werden - Alles daran gelegen war , daß der Fürst für ' s Erste unangetastet blieb . Während er diese Reflexionen machte , war er bei Alicen angelangt , deren forschenden Blick er glücklich zu ertragen wußte . In Bezug auf seine Bitten wegen des Knaben kam ihm Alice auf halbem Wege entgegen . Sie ahnte die Schlinge nicht , die ihr damit gelegt wurde . Nachdem noch das Nähere und Weitere verabredet war , und Angelikus versprochen hatte , Salvador des Morgens früh , eine Stunde vor ihrer Abreise , bei ihr einzuführen , empfahl er sich und eilte , froh darüber , die doppelte Verlegenheit so schnell und leicht überwunden zu haben , zu Ines . Wir kehren nunmehr zu unserm jungen Nachtwandler zurück . Mit schnellen Schritten eilte er dem Stephansplatze zu . Hier wurde sein Gang langsamer , bis er endlich das bezeichnete Haus erreicht hatte . Es war ganz dunkel , nur das äußerste Eckfenster des zweiten Stocks war erhellt . Des Knaben Phantasie brachte ihn sofort zu der Ueberzeugung , daß dies ihr Fenster sei : und wirklich hatte er diesmal recht . Die beiden Frauen mochten mit Einpacken beschäftigt sein , denn Salvador sah häufig bald einen bald zwei Schatten auf den weißen Rouleaux , welche zum Schutz gegen neugierige Blicke der gegenüberliegenden Etagen niedergelassen waren , hin und her gleiten . Salvador setzte sich auf einen Prellstein an der Ecke eines gegenüberstehenden Hauses , und sah unverwandten Blickes zu dem Fenster empor . Mitternacht war längst vorüber ; dumpf hallte die Glocke des Stephansthurms die erste Stunde des Morgens durch die schweigende Nacht . - Salvador hatte seinen Blicken noch keine andere Richtung gegeben . - Wieder war eine Stunde vorüber . Es schlug zwei : der Knabe rührte sich nicht . » Merke genau « - hatte der Pater gesagt - » zwei Uhr und zwanzig Minuten . « Salvador hatte es vergessen . Aber als die Wellen des letzten Schlages in die reine Luft verflossen waren , wollte es ihm bedünken , als ginge eine Veränderung in dem Zimmer vor . Es wurde plötzlich lichter als zuvor , dann trat die frühere matte Helligkeit wieder ein , aber bald darauf erhellten sich zwei an der andern Seite des Gebäudes gelegene Fenster in derselben Etage . - Da kam Salvador zum Bewußtsein ; er raffte sich empor und besann sich darauf , daß es zwei Uhr geschlagen . Zugleich fielen ihm die Worte des Paters ein : Zwei Uhr und zwanzig Minuten . Er zog seine blaue Jacke , die er über die Livree gezogen , fester um sich , drückte seinen Strohhut tiefer ins Gesicht und begann jetzt , langsam die Straße auf und niederzuschreiten , indem er rings spähende Blicke umherwarf , die jedoch zuweilen auch das Eckfenster trafen . Sein Herz klopfte , als sollte er ein Verbrechen begehen , stärker und stärker , je näher es dem festgesetzten Zeitpunkt kam . Endlich sah er eine tief in den Mantel gehüllte männliche Gestalt vom Stephansplatz her die Wollzeile heraufschreiten . Er erkannte sogleich den Fürsten , und ging ihm schlendernden Ganges , und als bemerke er ihn gar nicht , entgegen . Der Fürst eilte an ihm vorüber , ohne ihn zu beobachten . Jetzt mußte er an der Hauptthüre sein ; Salvador wandte sich um : die Thüre öffnete sich - der Fürst war verschwunden . Salvador nahm wieder