vorher noch einen Blick in den Spiegel warf , um sich von der Ordnung ihrer Toilette zu überzeugen . In der That hatte sie zu einer so ängstlichen Flucht keine Veranlassung , denn das sehr reizende Morgenhäubchen , welche das kindlichreine Oval ihres Gesichts umschloß , war eben so untadelhaft , wie das lange faltige , blendend weiße Morgenkleid , das bis hoch über die Schulter hinaufreichte . - Nachdem sie noch die Vorsicht angewendet , das letztere unter dem Halse mit Hülfe einer Nadel zu einem festeren Anschluß zu zwingen , wobei sie abermals erröthend die Augen niederschlagen mußte , weil ihr einfiel , wie gering der Zeitraum war , welcher zwischen dem Erscheinen des vorhererwähnten Paares und dem Fall der Thräne , die sie aus ihrer Träumerei erweckt hatte , lag - trat sie abermals an das Fenster , um endlich einmal ihr Geschäft zu vollenden . Diesmal wurde sie von Niemandem beunruhigt . Nachdem die Laden befestigt waren , begann sie die in die Stube gestellten Töpfe wieder an ihren früheren Platz zu stellen , als sie zwischen den beiden mittelsten Töpfen der unteren Reihe ein zusammengewickeltes Blatt Papier bemerkte . Sie zog es neugierig hervor , und öffnete es . Da erblickte sie auf der Einlage ihre eigene Schrift . Als sie das Blatt entfaltete , erkannte sie ein Billet , das sie vor einigen Tagen an ihren Verlobten geschrieben . Um so neugieriger ergriff sie nun das andere Blättchen , in dem jenes eingeschlagen war , und las unter wachsendem Erstaunen folgende mit Bleifeder geschriebenen Worte : Unsere Freuden sind wie Stäubchen , die von den Rädern des Lebenswagens fliegen , um sich einen Augenblick in der Sonne zu spiegeln . Eine ihr selbst unerklärliche Angst ergriff Lydia bei diesen Worten ; es war ihr , als sei ein großes Unglück geschehen , und doch hatte sie keine Vorstellung davon , was es eigentlich sei , das sie so in Furcht setzte . Es lag in den Worten des Zettels - das fühlte sie wohl - etwas Düsteres , Unheil Andeutendes , das sie zur Resignation und Fassung aufforderte . Zuweilen schien ihr eine Art melancholischen Trostes darin zu liegen , für einen großen unbekannten Verlust , der ihr drohte , oder der sie gar schon betroffen hatte . - Eine unnennbare Unruhe ergriff sie . Sollte sie die mit Bleistift geschriebenen Worte mit dem Inhalt des Billets in Verbindung setzen , das sie an ihren Verlobten geschrieben ? Oder hatte den Letzteren ein Unfall getroffen ? Der Gedanke trieb alles Blut nach ihrem Herzen . Wieder und wieder las sie die räthselhaften Worte , ohne den tieferen Sinn , den sie darin vermuthete , zu begreifen . Sie eilte in das Nebenzimmer , um zu sehen , ob ihre Mutter , zu der sie ein unbedingtes , schrankenloses Vertrauen hatte , schon wach geworden . Diese wollte sie um Rath fragen . » Liebes Kind « - sagte die würdige und liebenswürdige Frau , nachdem sie mit Aufmerksamkeit beide Zettel durchlesen - » Du beunruhigst Dich , wie es mir scheint , mit Unrecht . Was sollte Berger widerfahren sein ? Vielleicht haben die Worte , die Dir solche Angst machen , schon auf dem Zettel gestanden , ehe ihn der unbekannte Finder des Billets zum Umschlag für das Letztere gebraucht . Auch muß es wohl ein Bekannter sein , denn wer anders , als ein solcher , kennt Deinen Vornamen und Deine Wohnung ? - Vielleicht ist es auch ein Scherz von irgend Jemand . Alles dies scheint mir der Wahrheit näher zu liegen , als Deine gänzlich unbegründete Ahnung von irgend einem Unglück . Beruhige Dich deshalb . - Heute Nachmittag wirst Du ja ohnehin Berger sehen , denn er versprach uns ja zu einem Spaziergang abzuholen . Theile ihm dann offen die Thatsache , aber auch nur diese , mit . Er wird Dir gewiß genügende Erklärung darüber geben können . « Die Ruhe , mit der die Mutter sprach , wirkte auf Lydia wohlthätig ein . Sie wurde ebenfalls ruhiger und begriff zuletzt nicht , wie sie sich einer so kindischen Furcht habe hingeben können . Bald war von der ganzen Unruhe weiter kein Gefühl in ihr zurückgeblieben , als das der Erwartung und Neugierde , wie sich bei Bergers Erscheinen die Sache aufklären würde . Sie eilte leichten Schrittes in den Garten hinter dem Hause hinab , um die Blumen zu tränken , ehe die Sonne zu hoch gestiegen . Mit einem halb wehmüthigen , halb freudigen Blicke sah ihre Mutter ihr nach . Sie war keineswegs so ruhig und unbesorgt , als sie es Lydien gegenüber geschienen hatte . Denn seit einigen Tagen war sie durch verschiedene Aeußerungen einiger Badegäste , die das Verhältniß Lydiens zu Berger nicht kannten , oder nicht zu kennen sich den Anschein gaben , aufmerksam auf das Betragen des Letzteren geworden . Es hatte ihr geschienen , als würde sein Name nicht selten in Verbindung mit dem einer vor einigen Tagen angekommenen Dame genannt , die durch ihre eigenthümliche Stellung in der Welt , da sie nur in Begleitung einer jungen Dienerin zu reisen schien , so wie durch die Freiheit und Selbstständigkeit ihres Benehmens allgemeines Aufsehen erregte . Sie hatte bisher ihre Vermuthungen und Befürchtungen vor Lydia verborgen , weil sie zuvor klar sehen wollte , ehe sie das harmlose Kind beunruhigen wollte . Es war zwar möglich , daß Berger auf seiner Reise nach Italien , die er seiner künstlerischen Ausbildung wegen unternommen , Frau von Rosen irgendwo kennen gelernt und nur die Bekanntschaft , die vielleicht ganz oberflächlicher Natur war , wieder aufgenommen hatte . Aber diese Vermuthungen lösten die Bedenken , welche der Mutter Lydiens aufgestiegen waren , nicht ; vielmehr gewannen die letzteren durch den Umstand , daß Berger bisher noch mit keiner Sylbe seiner neuen Bekanntschaft erwähnt hatte , in ihr ein so großes Gewicht , daß sie zuletzt sogar auf den Verdacht fiel , das Zusammentreffen