welche in der allgemeinen Erschlaffung und Zerrüttung sonst rathlos untergehen würden ! Solche Erlösung haben Sie mir gebracht ; solche Erlösung werden Sie noch Vielen bringen ! « » O Egoismus der Männer ! Auch die besten denken nur an sich selbst ! « entgegnete die Oburn scherzend . Der Abend war drückend schwül geworden ; ein schweres Gewitter war am Horizont heraufgezogen , einzelne Blitze zuckten durch grauschwarze Wolken , denen kein kühlendes Naß enttropfte . Es ging ein stummer , drückender Schmerz durch die Natur , und das Auge des Himmels schien fast krampfhaft seine Thränen zurückzuhalten . Die Blitze fuhren hin und her , angstvoll , wie prophetische Boten eines nahen Unheils , und unheimlich dumpfe Ahnungen bemächtigten sich der Gemüther der Menschen . Schweigend ritt Madame Oburn mit ihrem Begleiter wieder dem imposanten Carlsbad zu . Sie war sehr ernst geworden . Ihre Brust hob sich unter tiefen Seufzern , und ihr Auge folgte den kreuzenden Blitzen in stiller Melancholie . Stein sah nichts außer ihr . Fast verzückt , mit der Inbrunst des Sünders , der die verklärte Himmelsköniginn um Gnade fleht , hingen seine Blicke an ihrem Antlitz , an der jugendlich idealen Gestalt , und nahmen dies Bild in sich auf , unvergeßlich , unverlöschbar ! Er suchte ihre Gedanken zu enträthseln und erkannte wohl an dem schmerzlichen Ausdruck ihrer Züge , daß sie nicht von Liebe träumte ; denn die Liebe mußte diese Züge ja wunderbar lichten und erhellen , wie die Frühlingssonne die Erde nach starrem Winter ! Mit einer ihr nur eigenen , holden Biegung des Halses sah die Oburn jetzt zu ihrem Begleiter herüber : » Ich bin maßlos langweilig , lieber Stein , vergeben Sie mir ! Ich gab meinen Gedanken Audienz ! Wie wechselvoll ist doch das Innere des Menschen ! Früher erfaßte mich stets eine große Bangigkeit während des Gewitters ! Um den Blitz nicht zu sehen , verbarg ich als Kind mein Köpfchen in den Schooß der Mutter , als wäre ich hier gegen jede Gefahr gefeit . Heute weitet sich meine Brust bei dem Rollen des Donners , mein Auge labt sich an den feurigen Strahlen , die so keck , wie junge , lebensfrische Gesellen , den Wolkenvorhang zerreißen , als wollten sie der Natur in ' s Herz sehen . Ja , ich kann es mir schön denken , zu verglühen , von diesen Strahlen getroffen ! O , die Welt mit ihren Freuden ist mir oft zu verächtlich ! « Auf diese Worte aus dem Munde einer ein und zwanzigjährigen , schönen , gefeierten Frau wußte der junge Mann nichts zu erwiedern , und stumm langten Beide in dem Wiesenthale an . » Mögen die guten Geister der Liebe Sie in dieser Nacht umschweben ! « rief der Baron bedeutungsvoll zum Abschiedsgruß . Kaum war Madame Oburn unter ihr schützendes Dach getreten , als sich das Gewitter gewaltig entlud . Frau Meier , als gute Katholikinn , lag vor ihrem Crucifix , das auf einer Art Betpult im Schlafzimmer stand , auf den Knieen . Sie betete ihr Ave Maria , flehte die Mutter Gottes um Schutz an , zankte dann wieder mit ihrer Therese , und wechselte so mit himmlischen und irdischen Gedanken . Sobald die Heftigkeit des Donners etwas nachgelassen , öffnete sie die Hausthüre und sah sich rings mit spähenden Blicken um . Endlich gab ein heftiger , großtropfiger Regenguß dem krampfhaft zusammengezogenen Gewölk , das in schwüler Spannung am Himmel lagerte , und den durch Angst zusammengepreßten Menschenherzen die ersehnte Erleichterung . Frau Meier wünschte der Madame Oburn , wie sie es gewöhnlich zu thun pflegte , eine sanfte Nacht , versicherte » Dero Gnaden , « das Gewitter sei vorüber ; sie brauche sich nicht zu ängstigen , und solle es ja wiederkehren , so schlafe sie dicht neben Madame und sei zu jedem Dienst bereit . Hierauf öffnete sie noch einmal die Pforte , um den Himmel zu observiren , und ließ dabei leise eine hohe , dicht in den Mantel gehüllte Gestalt hereinschlüpfen . Dann verrichtete sie ihr übliches Nachtgebet und entschlief mit dem stolzen Bewußtsein , einen wichtigen Tag verlebt zu haben . Madame Oburn hingegen ging unruhig im Zimmer auf und ab . Endlich öffnete sie die Fenster wieder und sah in die schöne , nun stille Nacht hinaus . Die Luft war prächtig frisch und kühl geworden . Die Oburn konnte dem Verlangen nicht widerstehen , noch im Freien umherzuwandeln . Rasch warf sie über das leichte Nachtkleid eine Mantille , steckte die zarten Füßchen in feste Schuhe , und huschte gedankenleise zum Saal hinaus . Es war gerade die reichste , üppigste Blüthenzeit des Jahres ; tausend erschlossene Blüthen strömten süß betäubenden Duft aus , der wie ein magisches Netz die Sinne gefangen hielt . Von Rose zu Rose ging die junge Frau , trank mit durstigen Lippen aus jedem Kelch die frischen Regentropfen , und nachdem sie so erquickende Frische eingesogen , brach sie noch tyrannisch die beraubten Blüthen und warf sie zerpflückt den Wellen der Eger zu . Einzelne helle Sterne lauschten dem kindischen Spiel und blickten doch so heilig ernst dazu , als begriffen sie des Spieles tiefe Bedeutung . » Ich bin mild gegen euch , ihr schönen , schönen Blumen ; ich vernichte euch in eurer Schönheit ; ich erspare euch den Schmerz nach und nach verwelken zu müssen ! Ich bin gerechter als die Natur , die auch uns nur so kurze Zeit das Recht auf Glück und Liebe ertheilt , und uns dann , wenn die Tage der Jugend vorüber , zu den Qualen langer Entsagung verdammt ! « So wühlte die junge , schöne Frau gedankenvoll in den unheimlichen Tiefen des Lebens . Am Ufer des Flusses stehend , sah sie starr in das Wasser hinein , so lange , bis es ihr unheimlich wohl ward und die Fluth sie lockend herab zu ziehen drohte ! Da eilte sie rasch fort ,