eine Dampfmaschine , gilt nicht . Wer am Längsten am Schreibtisch sitzt , ohne leberkrank - und am Längsten : » Rechts um ! links um ! « kommandirt , ohne brustkrank zu werden - wem die Augen nicht übergehen und die Geduld nicht ausgeht - der kann was werden , kann es zu etwas bringen , wie man sagt . Aber da ich glaube , daß man es leichter auf seine eigene Hand , als in Reih ' und Glied zu etwas bringt : so würbe ich gern Deserteurs , Ueberläufer , und sie wissen - das ist schimpflich . « » Ach , Gräfin , « sagte Clemens aus voller Brust , » Sie sind unbeschreiblich liebenswürdig . « » Die ächte Liebenswürdigkeit ist immer unbeschreiblich , « entgegnete sie , » denn sie besteht aus den Elementen , die nicht mit Worten wiederzugeben sind . « » Ja , das fühlt man Ihnen gegenüber ! Nehmen Sie es nicht übel ! ich weiß wol , man sagt nicht so geradezu Complimente , aber ich denke , Sie wissen recht gut , daß ich Ihnen keine sagen will , - sondern mehr , weit mehr ! oder weniger - wie Sie es betrachten wollen . « Faustine ließ die Unterhaltung fallen . Nächsten Tags schrieb sie an Andlau : » Anastas , ich bin traurig ! die Tage laufen mir wie Wasser zwischen den Fingern durch : es bleibt nichts davon zurück , und wovon nichts zurückbleibt , das lebt man ja nicht , man träumt es höchstens , und ach ! ich lebe so gern ! Wie ich mich fürchte , sterben zu müssen , ohne gesehen , gekannt , erkannt zu haben ! Was ? wirst Du fragen . Alles , Lieber ! Vergangenheit , Gegenwart , Zukunft ! ja , die Zukunft sogar . Müßte man sie nicht eben so gut aus ihren beiden Gefährtinnen beurtheilen können , wie der Arzt die Diagnose einer Krankheit stellt . Freilich gehört dazu tiefe Wissenschaft und ernster Scharfblick , und nicht alle Leute sind Aerzte , und nicht alle Aerzte sind geschickt und glücklich . So tröste ich mich selbst . Doch die Sehnsucht bleibt . Dann sehe ich mit unaussprechlichem Erstaunen Menschen an , die so gar nichts davon empfinden . Zuweilen beneide ich sie , und denke , eine unendliche Fülle von Glück mache sie unempfindlich für das , was außerhalb ihrer Sphäre liegt . Aber wenn ich mich besinne , so sehe ich wol ein , daß ein enger Gesichtskreis nur für den taugt , dessen Auge darauf eingerichtet ist , und dann erstaune und beneide ich nicht mehr . Wollte ich zu meinem Schwager sagen : » ich möchte gern die Zukunft wissen « - so würde er mir antworten : oben im Dorfe wohnt eine Kartenschlägerin ; aber glauben sie denn das dumme Zeug ? - Er ist sehr brav , mein Schwager , tüchtig , redlich , rechtschaffen , kränkt und betrügt niemand , und meine Schwester ganz eben so , beide wie nach einem Muster zugeschnitten , was zwei Menschen wol sein müssen , um glücklich mit einander zu leben . Wir sind uns auch Alle recht gut ; allein , müßte ich mein Leben hier beschließen , so glaub ' ich , es würde sehr bald beschlossen sein : ich langweilte mich todt . Mein Gott , was habe ich denn bei Dir für Unterhaltung von außen ? da leb ' ich ja auch zuweilen Tage und Wochen ganz einsam , ganz still - aber nie beschleicht mich diese seelenabspannende Mattigkeit . Immer giebt es etwas zu denken für uns . Hier giebt es immer nur etwas zu thun . Du weißt , es giebt eine Krankheit , den Veitstanz , so ansteckend , daß wer die Verrenkungen sieht , Lust bekommt sie nachzumachen . Sehe ich hier das Treiben und Arbeiten vom Morgen bis zum Abend , so ist mir bisweilen zu Muth , als müsse ich in der allgemeinen Thätigkeit und zum allgemeinen Besten meine Händ ' und Füße schwenken , so gut wie alle Uebrigen - aber die wunderlichen Glieder wollen sich bei mir nicht anders brauchen lassen als zu nichtsnutzigen Dingen . O Anastas , wie dank ' ich Dir , daß Du nicht auf meine Schultern die Last eines solchen betriebsamen , sorglichen , schaffenden Lebens gewälzt hast . Ich würde gar nicht wissen , wie ich mich dabei benehmen sollte . Adele sagt zwar : das lernt sich ! - aber ich kann nur die Dinge lernen , die ich schon weiß . Adele interessirt sich für nichts , als für ihre Wirthschaft und für ihre Kinder , was gewiß sehr achtungswerth ist ; wenigstens scheint mir , es gehöre die größte Selbstverleugnung dazu , für diese kleinen unbändigen Geschöpfe in steter Aufmerksamkeit zu sein und nichts zu beachten , als was mit ihnen in Verbindung zu bringen ist . Daher red ' ich auch nur über ihre Kinder mit ihr . Kinder sind etwas allgemein Menschliches , für die Jedermann sich interessirt ; aber um für diese eine besondere Zärtlichkeit zu hegen , muß man eben Vater und Mutter sein . Ich gebe zuweilen Erziehungsansichten zum Besten , nicht weil ich glaube , daß sie Nutzen stiften könnten , sondern lediglich , um aus den persönlichen Beziehungen heraus zu kommen ; Einmischung in Erziehung seiner Kinder verträgt Niemand , und hat Recht zu glauben , daß kein Dritter diesen Punkt so überdacht hat . Ansichten über die Oekonomie hab ' ich aber gar nicht , und muß mich bei solchen Gesprächen schweigend und hörend verhalten , was auf die Dauer nicht amüsant ist . Dafür räche ich mich an Clemens Walldorf ; mit dem rede ich und er hört mir zu ; von Antworten ist nicht viel die Rede . Antworten nach meinem Sinn giebt mir niemand , als Du . Ich sehne mich sie zu hören . Sie zu lesen - bin