einander keinen Zweifel trug . » Meine Nichte wird fürs Erste ohne ihren Gemahl hier sein , « fuhr sie fort , » da derselbe Güter übernimmt , welche er seit längerer Zeit besitzt , ohne sie zu kennen ; dann wird er uns auch auf einige Zeit seine liebe Gegenwart schenken , und später mit seiner Gemahlin das Hauptgut in Besitz nehmen , welches die Neugierde der jungen Frau zu reizen scheint . « Miß Eton wünschte der Gräfin Glück zu dieser angenehmen Aussicht , und schien lebhaft von dem Gedanken dieser neuen Bekanntschaft erregt zu sein - dann bat sie die Gräfin um Auskunft über den Unglücklichen , der sie gestern in so große Gefahr gebracht , und um einige Nachrichten über sein Schicksal . » Fürs Erste , « erwiederte die Gräfin , » kann ich Dir die Versicherung geben , daß seine Wunde nicht tödtlich ist : die Kugel ist aus der Schulter herausgelöst , und der starke Blutverlust macht seinen ganzen Zustand selbst bei dem unvermeidlichen Wundfieber milde und ohne die sonst gewöhnliche Gemüthsstimmung . Sein Schicksal wirst Du zum Theil aus seinen wahnsinnigen Reden errathen haben - doch wenige Worte werden Dir noch sagen , wie er zu den besten und ausgezeichnetsten Jünglingen in Ardoise gehörte . Leider hatte ihm die Natur ein allzuweiches , feinfühlendes Herz gegeben , und so unterlag er dem ersten großen Schmerze seines Lebens , der allerdings durch eine schreckliche Katastrophe über ihn herbeigeführt ward . Robert diente mir als Jäger im Schlosse - er war der Sohn des Kastellans . - Durch Tüchtigkeit und Brauchbarkeit erwarb er sich die zunächst aufgekommene Försterei von Ardoise , und entdeckte mir seine Liebe zu Jenny , einem sehr schönen jungen Mädchen , das unter der Aufsicht meiner guten Sulpice trefflich herangewachsen war . Da ihre Neigung gegenseitig , so freute ich mich der glücklichen Wahl , und als Robert die Försterei bezogen , setzte ich den Tag ihrer Hochzeit an . Jenny hatte wahrscheinlich auf seine Bitten eingewilligt , ohne Wissen ihrer mütterlichen Freundin Sulpice , ihren Bräutigam öfter im Walde beim Steinbruche zu sehen , und war , sich verspätend , dann besorgt und eilend den gefährlichen Weg zurückgekehrt . Ihr Wunsch , in das Thal hinabzusteigen , war stets von Robert verweigert worden , der sie mit einem bequemen Wege zu überraschen vorhatte . Dies sind alles nachher ausgeforschte Umstände , theils aus dem wahnsinnigen , sich um diese Punkte anklagenden Vorwürfen Roberts - theils aus nachher gemachten Entdeckungen anderer Dienstleute . Jenny versprach ihrem Geliebten den Tag vor der Hochzeit eine Zusammenkunft - Beide , durch Geschäfte aufgehalten , trafen sich erst spät ; Robert erwartete den Abend seine Aeltern in der Försterei , Jenny mußte zur bestimmten Stunde bei Sulpice sein . Sie trennten sich daher , ohne daß Robert , wie gewöhnlich , sie begleiten konnte . Es war schon dunkler , wie gewöhnlich , der Weg glatt von einem Gewitterregen - die näheren Umstände werden nie zu unserer Kenntniß gelangen - Jenny traf nicht ein - sie blieb auch die Nacht aus - und nun gerieth Alles in Unruhe . Man schickte nach dem Forsthause , sie aufzufinden , und da sie auch dort nicht war , wurden auf allen Wegen Nachsuchungen angestellt . Der unglückliche Jüngling , starr vor Angst und Besorgniß , gab endlich der entsetzlichen Ahnung nach , die ihn nach dem Steinbruche zog . Er hatte sich nicht geirrt ; als man sich der schroffen Stelle näherte - sah man sie zerschmettert in der Tiefe des Thales liegen . Hier auf ihrer Leiche verlor der unglückliche Jüngling seinen Verstand . - Die erste Zeit brachte er in den gefährlichsten Zuständen der Raserei in unserm Krankenhause zu , später milderte sich das Leiden bis zur tiefsten Melankolie , die ihn aber unschädlich machte . - Man gab ihm , gewöhnt an seinen gefahrlosen Zustand , die Freiheit wieder , wonach er sich unablässig sehnte , und der Steinbruch ist nun sein Ruheplatz , von wo aus er des Nachts ruhig nach dem Krankenhause zurückkehrt . Ich bin übrigens durch ihn aufmerksam gemacht worden und kann nicht läugnen , daß der Unglückliche nicht ganz Unrecht hatte , Dich mit seiner schönen Jenny zu vergleichen , denn allerdings gleichst Du ihr in Größe , Gestalt und Farbe . « Miß Eton war sehr bewegt von dieser Mittheilung , und beide Frauen machten an einander die Beobachtung , sich besonders traurig zu finden . Die Gräfin las noch ein Mal den Brief ihrer Nichte und versank dann in tiefes Nachdenken - Miß Eton lehnte mit großer Schüchternheit jeden Spaziergang , auch unter der sichersten Begleitung , ab , und nicht , wie sonst , floß die Unterhaltung in ununterbrochenem Reichthume dahin . Endlich hob die Gräfin lächelnd an : » So wirst Du denn den ältesten Sohn Deiner Freundin im Bilde kennen lernen - der Marquis d ' Anville ist der Sohn dieser schönen Braut . « Tief erröthend blickte Miß Eton vor sich nieder - kaum hörbar fragend , ob er ihr ähnlich sähe . » Nein , « antwortete die Gräfin , - » er gleicht seinem Vater - ähnlich sieht ihr der zweite Sohn , der Graf Leonce , den sie vorzüglich liebte , und dieser wird seine Schwägerin auch hierher begleiten . « Die Unterhaltung stockte wieder - und Miß Eton schien nicht bedacht , zu deren Wiederanknüpfung viel beitragen zu wollen , denn sie hatte ihre Knöpfel ergriffen und schien der entstehenden Spitzenweberei alle Aufmerksamkeit zu widmen . » Ich halte diesen Besuch gerade jetzt für sehr willkommen , da Du , mein armes Mädchen , wahrlich einer Zerstreuung bedarst - das böse Ereigniß hat Dich mehr erschüttert , als Du Wort haben willst und meine eigene trübe Nähe gut zu machen vermöchte . « » O , sagt das nicht ! « rief Miß Eton , und die Arbeit entsank ihrer Hand , als wäre sie gänzlich erschöpft -