mit ihr Walter Scotts Lady of the Lake zu lesen . Die Amme , welche diesmal , wie immer in solchen Fällen , die Stelle der Gouvernante bei der jungen Prinzessin vertrat , war eben im Begriffe , in ihrem weichen bequemen Armstuhle hinter dem großen Ofenschirme in sanften Schlummer zu gerathen , als ebenfalls weit früher als gewöhnlich , und augenscheinlich etwas verdrießlich , Eugen zu ihnen sich gesellte . Sitzt Ihr doch da , als befändet Ihr Euch selbst auf einer unbewohnten Insel mitten in See , rief er , nachdem er einen Blick auf das Gedicht , welches sie mit einander lasen , geworfen ; ist es hier doch so still , so heimlich , so ruhig ; und keine funfzig Schritte von Euch tobt der langweiligste Saus und Braus , den man sich denken kann . Arme , kleine Helena , ich habe mich fortgeschlichen , um mich ein Stündchen bei Dir zu erholen , aber hier ist es doch gewaltig einsam und still ! setzte er sich dehnend , mit schlecht verhehltem Gähnen hinzu ; sage mir nur , was in aller Welt hat seit einiger Zeit unsre Mama bewogen , Dich wieder in die Kinderstube zu versetzen ? Helene versicherte , sich dabei sehr wohl zu befinden , auch Richard meinte , es wäre doch sonst fast zu lebhaft hier zugegangen , Eugen aber wollte das Alles nicht gelten lassen . Warum müssen denn meine Freunde aus Deiner Gegenwart , Schwester , gänzlich verbannt sein ? fragte er : warum treffe ich sogar Deine Freundinnen niemals mehr bei Dir an ? warum darfst Du von ihnen nur förmliche Visiten annehmen und erwiedern ? Was sind das alles für Neuerungen , und was ist der Grund davon ? Sind doch alle Freuden , die sonst hier herrschten , uns wie abgeschnitten ! Scherz und Spiel ! Lachen und Tanz und Herzenslust ! wo seid ihr hin ! setzte er mit komischem Pathos , tragirend und deklamirend hinzu . Das geht nicht mehr so , wie Du es wohl meinst ; ich habe keine Zeit zu verlieren , wenn ich noch alles lernen soll , was ich lernen muß . Glaube mir , Bruder , die Langeweile plagt mich nicht , ich habe vom Morgen bis zum Abend vollauf zu arbeiten : erwiederte Helene , und sah ganz allerliebst altklug dazu aus . Das alles ist wahr und gut ; aber man muß doch auch nach der Arbeit seine Erholungsstunden haben : sprach Eugen . Auch an diesen fehlt es mir nicht , wie Du siehst , erwiederte Helene , indem sie lächelnd auf Richard und das vor ihnen liegende Buch deutete . Ich seh ' es wohl , rief Eugen halb lachend , halb ärgerlich , Richard ist nun einmal der Auserwählte ; aber warum können denn wir , ich und meine übrigen Freunde , nicht eben so . gut als er , uns mit Dir erholen ? Ich weiß es wohl und sag ' es nicht , erwiederte Helene mit lächelndem Trotz , kreuzte die runden weißen Arme über einander , und lehnte , ein Liedchen summend , im Sofa sich zurück . Kleines eigensinniges Ding , Du sagst es nicht ? aber ich erfahre es doch , lachte Eugen , und holte mit schmeichelnder Gewalt die Amme aus ihrer dunkeln Ecke hinter dem Ofenschirme hervor . Mütterchen , liebe Alte , bat er , komm Du unser alles wissendes Hausorakel ; komm , setze Dich hieher zu uns , weise , vielerfahrne Pythia , und beantworte mir die Fragen , auf welche der kleine Trotzkopf nicht antworten will . Aber so thut doch nur die Augen auf , so könnt Ihr Eure Fragen Euch selbst gar leicht beantworten , sprach lachend die Amme ; schaut Euch selbst nur an , und meine junge Gebieterin dazu ; seid Ihr aus den beiden kleinen Bübchen , die mir mein Herzenskind oft genug umgerannt haben , nicht ein paar stattliche , junge Herren geworden ? und meint Ihr , mein Prinzeßchen wäre hinter Euch zurückgeblieben ? Urtheilt selbst , ob es für ein junges erwachsenes Fräulein sich wohl schicken würde , mit Euresgleichen Ball- und Pfänderspiel zu spielen . Oder soll sie etwa auch , wie ihre Schwester Natalie , in der großen Tanzstunde ihr Herzchen verlieren ? wer kann wissen ob der , welcher es etwa aufnähme , den Eltern so genehm wäre , als Fürst Konstantin zum Glück es ist ; und da hätten wir des Herzeleids genug ; setzte die Amme , über ihre eigne Übereilung augenscheinlich erschreckend , hinzu . Darum also ? etwas mag daran sein , erwiederte Eugen langsam gedehnt . Nun , Freund Richard , setzte er hinzu , mache Dich also nur darauf gefaßt , nächster Tage wirst auch Du verbannt . Das wird er nicht , gewiß nicht ; fiel Helene sehr lebhaft ein . Nicht ? und warum er allein nicht ? fragte Eugen . Warum ? das ist mir nicht recht klar ; aber wäre das auch , ich sagte es doch nicht ; übrigens weiß ich es gewiß , antwortete Helene . Ich weiß es auch , nebst dem Grunde dazu , aber ich sage es ebenfalls nicht ; mir ist als hätte ich schon zu viel gesagt ; sprach mit bedenklichem Kopfschütteln die Amme . Der Gouvernante Ankunft beendete dieses Gespräch , und Eugen begab sich mit seinem ziemlich nachdenklich gewordenen Freunde wieder zur Gesellschaft zurück . Schon am folgenden Tage ließ Richard sein Nicht-Erscheinen an der Tafel mit einem unbedeutenden Unwohlsein entschuldigen ; dennoch wieß er alle ärztliche Hülfe von sich ab . Trübe und einsam weilte er mehrere Tage lang in seinem Zimmer , ohne dasselbe zu verlassen ; und sogar dem Einzigen , dem er den Zutritt nicht versagte , weil er sich nicht abweisen ließ , sogar seinem Freunde Eugen gelang es nicht , ihm ordentlich Rede abzugewinnen . Mit allen Bitten und Fragen war nichts weiter aus Richard