das kräftige Selbstbewußtsein bei aller scheinbaren Selbstverlorenheit , hielten in ihm eine immer glückliche Harmonie des Daseins aufrecht . Denn nachdem er auf dem Schlosse Dux bei dem Grafen von Waldstein , der Casanovas Goldmacherwissenschaft zu benutzen gedachte , endlich einen erwünschten Ausruhepunkt seiner Irrfahrten gefunden , dachte er an sein vergangenes Leben nicht mit Reue zurück , sondern mit Liebe und ernsthafter Betrachtung . Er bereute sein Leben nicht , sondern er schrieb es auf , wie er es gelebt hatte , und malte einen romantischen Sumpf , und ließ oben die Sterne darüber leuchten . In ernster Beschäftigung mit den Wissenschaften wurde er alt , und starb , von ihm kann man wohl sagen : lebenssatt , erst zu Anfang dieses Jahrhunderts . Den Achtzigern nahe , hatte er ein biblisches Alter erreicht und einen glänzenden Beweis für die epikuräische Behauptung geliefert , daß Lebensgenuß das Leben erweitert und stärkt , statt es abzuschwächen . Der fleißige Meusel hat seine Schriften verzeichnet . - - - Ich hielt hier inne , und sah mich nach meinem Zuhörer um . Er saß noch immer mit den eingewickelten Füßen , und seinem Reliquienknochen , da , und schien mir mit verwunderlicher Aufmerksamkeit gefolgt zu sein . Ich wartete erst ein wenig , ob er nicht etwas sagen würde , und stand dann auf , um mich zu empfehlen . Es war unterdeß Abend geworden , dämmernde Schatten fielen in des Schulmeisters kleines Zimmer , und draußen im Thal mußte der Sonnenuntergang Kühle gebracht haben . Ich machte also meinem versteinert dasitzenden Saturn einen Diener , bedauerte ihn seines Podagras wegen , das er für sein Theil gewiß nicht einem zu starken Lebens- und Weltgenuß schuldete , und griff dann nach der Thür . Nun winkte er mir mit der Hand , zu bleiben , und sagte , ich möchte ihm doch das Alles ein wenig aufschreiben , wovon ich so viel geredet . Es schien ihn also doch interessirt zu haben . Da öffnete sich hinter meinem Rücken die Thür , deren Klinke ich noch in der Hand hielt . Guten Abend , Vater ! sagte eine schöne helltönende Mädchenstimme . Es war mir , als müßte ich diese Stimme schon irgendwo gehört haben , ich blickte mich überrascht um . Aber seltsam , nicht den Klang dieser Stimme hatte ich schon vernommen , wohl aber das liebliche blasse Gesicht des Mädchens schon gesehn , dem sie angehörte . Kein Wunder aber , daß man den Gegenstand , der uns erst durch das Auge lieb und bedeutsam geworden , auch in sich gehört zu haben und durch das Gehör wiederzuerkennen glaubt . Denn man denke sich : es war meine Madonna ! Ich trat mit einem unwillkürlichen Ausdruck des Erstaunens einige Schritte zurück . Und aus der Bewegung , die sie machte , als sie meiner ansichtig wurde , schien mir ebenfalls hervorzugehen , daß ich ihr bekannt sei . Also sie die Tochter dieses alten Saturns ? Madonna ein Kind der Zeit ! Und sie war keine Heilige , die nur am heutigen Feiertage zur Belohnung der Frommen sich auf diese Erde niedergeschwungen ? Diese wunderbaren trunkenen Augen gehörten einer fühlenden Sterblichen an ? Und dieses feine , von Geist und Empfindung überschattete Antlitz , diese sinnende weiße Stirn , die mit tieferem Leid und Lust menschlichen Seelenlebens vertraut schien , diese zartbewegten Glieder der jungfräulichen Gestalt sollten in einer niedrigen Schulmeisterhütte ihre Heimath haben ? Unmöglich ! Ich sage , unmöglich ! Sie begrüßte mich mit einem so sichern , weltgebildeten Anstand , sie war , obwohl sie schüchtern den Kopf senkte , wie ein trauerndes Blumenglöckchen , doch so wenig verlegen , daß ich es ihr gegenüber fast zu sein schien . Sie nöthigte mir Ehrfurcht ab , sie war gewohnt , gehuldigt zu werden . Der alte Vater war sehr unfreundlich gegen sie . Du bist lange ausgeblieben , Maria ! schalt er in seinem brummenden Ton . Maria ! nannte er sie . Ich wurde immer verwirrter in meiner erhitzten Einbildungskraft . Madonna ! Maria ! Und wie ähnlich sah sie der von Rafael gemalten Madonna del Giardino , wenn man die Augen abnimmt . Rafael hatte schöne heilige Augen jener Madonna gegeben , die Augen dieser Maria waren weltlich . Weltlich , welttrunken , weltgroß . Wahrhaftig , ich wußte es nicht , welchen Augen der Vorzug gegeben werden müsse . Und nun stelle man sich vor , daß ich durch Casanova so sehr in die Gunst des Alten gekommen war ! Er lud mich nämlich ein , bei ihm zum Abendbrot zu bleiben . Am Fest von Mariä Heimsuchung sollte ich ein frugales christlich katholisches Abendbrot , wie er sich ausdrückte , bei ihm nicht verschmähen . Maria wurde von ihm ausgescholten , daß sie nicht schon Licht angezündet , da es dunkel sei . Sie entfernte sich , mehr gegen mich als gegen den Vater um Entschuldigung bittend , mit einer anmuthigen Bewegung aus dem Zimmer . Ich saß wieder bei ihm allein , und wußte nicht , was ich sagen sollte . Ihn zu fragen , ob er wirklich diese herrliche Tochter gezeugt , hatte ich nicht den Muth . Von etwas anderem , als von ihr zu sprechen , hatte ich nicht die Lust . Er bat nur immer , mit ihm vorlieb zu nehmen . Bald erschien sie wieder , mit einem Licht in der Hand , und beleuchtete sich selbst einen Augenblick lang in den lieblichsten Reflexen . Nun traf sie lächelnd Anstalt , den kleinen Tisch zu unserer Abendmahlzeit zu decken . Sie besorgte Alles selbst , und wußte sich mit dem Kleinsten eine zierliche Beschäftigung zu machen . Ich fand den beneidenswerth , dem auf diese Weise der Hausstand geführt würde , und begriff nicht , wie man in der beständigen Nähe einer so wunderthätigen Erscheinung , deren warmes Incarnat gewiß mehr Heilkraft in sich haben mußte , als ein ganzer Reliquienknochen , am Podagra leiden