des Liebsten unter tausend Küssen stillschweigend abbüßet . Aber auch nicht einmal dieser leichten Seitensprünge halt ich Agnesen fähig ; wenigstens wär mir leid um das goldreine Christengelsbild , das ich mir so nach und nach von dem Mädchen konstruierte . Mord und Tod ! daß man doch gar , gar nichts in der Welt soll denken können , wobei einem der alte Verderber nicht wieder ein Eselsohr drehte ! Ich möcht mich in Stücke reißen vor Wut ! nicht um meinetwillen - für mich ist nichts mehr zu verlieren : nein , nur um Noltens willen , der so ehrlich , gut knabenartig sein Ideal in einer Dorflaube salviert glaubte und nun eben auch in faule Äpfel beißen soll . So geht ' s - ei , und am Ende haben wir ' s all nicht besser verdient . Aber laß sehen , es fragt sich ja immer noch - Verflucht ! was doch das Mißtrauen ansteckt ! Stand nicht bis den Augenblick mein Glaube an das Mädchen fest wie ein Fels ? und , sachte beim Licht besehn , steht er noch wie vor . So laß mich denn meine Maschinen getrost fortspielen ! meine Maskenkorrespondenz mit dem Liebchen mag dauern solang sich ' s tut . Bin ich durch diese sechs Monat lange Übung im Stil der Liebe , im Ausdruck und individueller Gedankenweise nicht so ganz und gar zum andern Nolten geworden , daß ich fast fürchten muß , das Mädchen , wenn heut oder morgen der Spuk an Tag käme , könnte sich in mich verlieben ? was denn ceteris paribus auch so übel nicht wäre . Doch , soviel ist gewiß , ich glaube für hundert galante Schurkereien , wozu ich ehedem meine gewandte Handschrift mißbrauchte , mir hinlängliche Absolution dadurch erworben zu haben , daß ich die Kunst , ehrlichen Leuten ihre Züge abzustehlen , endlich einmal für einen guten Zweck nütze . Du liebes betrogenes Kind ! und hast du denn niemals beim innigen vertieften Anschaun meiner Lügenschrift etwas Unheimliches verspürt , wenn du das Blatt mit dankbarem Entzücken an deine Lippen drücktest ? hat nicht der Engel deiner Liebe dir zugeflüstert : halt , eine fremde Hand schiebt der des Geliebten sich unter ? Nein doch ! dein Schutzengel wird sich ja eher mit mir verschwören , als daß er dich mit der unzeitigen Wahrheit betrüben sollte , die dir zugleich den Geliebten raubt ! Immerhin also laß mich gewähren . Und hat es mir zeither an Vorwänden nicht gefehlt , dich über das immer verschobene Wiedersehn deines Theobalds und die langentbehrte Umarmung zu trösten , so wird es mir , denk ich , noch gelingen , dir ihn bald als einen völlig Neuen entgegenzuführen , und du wirst nicht einmal wissen , daß es ein strafwürdiger , aber bekehrter Flüchtling ist , der zu deinen Füßen weint . « Dies war so ziemlich das bald leise , bald laute Selbstgespräch Larkens ' . Indem wir es wiederzugeben suchten , weihten wir den Leser in das Geheimnis ein , das ihm gegenwärtig vor allem am Herzen lag . Es versteht sich von selbst , daß er gleich beim Beginn seines wunderlichen Briefwechsels mit Agnes alle Vorsicht gebrauchte und jene namentlich unter irgendeinem Vorwand aufforderte , ihre Briefe immer unter der Larkensschen Adresse laufen zu lassen . Dies geschah indessen auch pflichtlich , nur das letzte Billett machte eine Ausnahme , weil Agnes die Gelegenheit durch die Freunde ohne Umschweif nützen zu können meinte , und so war das Papier wirklich zu anfangs nicht geringem Schrecken des heimlichen Korrespondenten in die Hände desjenigen gelangt , für den es am wenigsten gehörte , und dem sein Inhalt das ganze hübsche Gewebe hätte verraten müssen . Eine geschärfte Instruktion für die Briefstellerin war die einzige Folge dieser glücklich abgeleiteten Gefahr , aber einen weit wichtigern Grund , ungesäumt an Agnes , sowie auch an den Förster , zu schreiben , fand Larkens in der Ungewißheit über die bewußte Ehrensache . Er setzte sich noch in dieser Stunde nieder , doch mit dem Vorsatze , seine Sorge nur so gelinde als möglich reden zu lassen , und seine Erkundigungen ganz im Allgemeinen zu halten , damit nicht etwa ein Verstoß gegen frühere Verhandlungen , die ihm unbekannt waren , zum Vorschein komme . Um aber die Stellung Noltens gegen die Braut ganz anschaulich zu machen , müssen wir in der Zeit etwas zurückschreiten und Folgendes erzählen . Das Verhältnis der Verlobten stand in der wünschenswertesten Blüte , als Agnes durch eine heftige Nervenkrankheit dem Tode nahe gebracht war . Der kritische Zeitpunkt ging indessen gegen Erwartung glücklich vorüber , und mehrere Wochen verstrichen , ohne daß es mit der allmählichen Genesung des Mädchens irgendeinen auffallenden Anstoß gegeben hätte . Jetzt aber konnte es dem Vater , und wer ihn sonst besuchen mochte , nimmer entgehen , daß mit der Tochter eine Veränderung , und zwar eine sehr bedeutende , vorgegangen sei . Offenbar war sie tief am Gemüte angegriffen , auch körperlich bemerkte man die sonderbarste Reizbarkeit an ihr , im ganzen war sie sanft , meist niedergeschlagen , zuweilen ungewöhnlich heiter und gegen ihr sonstiges Wesen zu allerlei Possen geneigt . Oft machte sie ihrem Herzen durch heftige Tränen Luft , brach in Klagen aus um den entfernten Geliebten , den sie mit Sehnsucht zu sich wünschte . Zugleich äußerte sie eine leidenschaftliche Liebe zur Musik , verlangte nichts so sehr als irgendein Instrument spielen zu können , und setzte jedesmal hinzu , sie wünsche dies nur um Noltens willen , damit er künftig doch wenigstens ein Vergnügen von ihr haben möge . » Ich bin ein gar zu bäurisches einfältiges Geschöpf , und solch ein Mann ! O werden wir denn auch jemals füreinander taugen ? « Und wollte man sie nun beruhigen , setzte der Vater den schlichten treuen Sinn des Bräutigams recht faßlich auseinander , so konnte sie nur um desto heftiger ausrufen : » Das ist eben der Jammer ,