Welch ein Fest gab das in unserem Hause ! ein neues Leben ging für uns alle auf . Ich war damals vierzehn , Du noch nicht viel über acht Jahr alt , aber wie innig schlossen wir uns aneinander ! Es war nicht der Begriff der Blutsverwandtschaft allein , was mich so an Dich kettete , ob wir uns gleich beide längst im stillen eine Schwester gewünscht und diese nun ineinander fanden . Meine Eigentümlichkeit trug vieles zu unserem zärtlichen Verhältnisse bei . Es war eine Eigenheit an mir , daß die Gesellschaft der Mädchen meines Alters mir selten zusagte ; viel lieber hörte ich den Gesprächen ernsthafter Männer zu oder spielte mit den kleineren Mädchen , welche sich durch diesen Vorzug sehr geschmeichelt fühlten und mit anbetender Liebe an mir hingen . Alle Kinder in unsern Dörfern versammelten sich liebkosend um mich her , wo ich mich blicken ließ , und ich wurde ihres frohen Getümmels niemals müde , nie müde , ihre kindischen Fragen zu beantworten . Mit liebender Sorgfalt nahm ich mich ihrer an , belehrte sie , schmückte sie und wußte ihnen hunderterlei kleine Freuden zu bereiten . Kurz , nächst der Ideenwelt zog mich die Kinderwelt am meisten an . Nun erschienst Du , das schönste Kind , welches ich jemals gesehen . Dein blaues Auge , Deine goldenen Locken und die zarte weiße Gesichtsfarbe unterschied Dich von allen unsern provenzalischen Mädchen . Der kalte , englische Ernst hatte in Dir die französische Lebhaftigkeit zur sanftesten , einnehmendsten Heiterkeit gemäßigt . Uns allen kamst Du vor wie ein Engel auf einem Gemälde . Deinerseits fandest Du wieder die höchste Freude an unserm südlichen Leben , Dir war , wie den Kindern sein mag , welche man lange gewickelt und denen man nun auf einmal ihre Bande löst . Dir schienen , wie Deine Mutter sich ausdrückte , Flügel gewachsen zu sein . Hättest Du doch immer bei uns bleiben können ! Aber so waren es nur drei kurze Jahre , welche wir vereint blieben , unzertrennlich diese ganze Zeit über . Deine Mutter ging nach Paris und knüpfte dort , nach dem Willen Deines Vaters , viele ihrer alten Bekanntschaften wieder an ; Du bliebst unterdessen in unserm Hause , wo Du ganz als zweite Tochter behandelt und geliebt wurdest . Du hast es kennengelernt , unser glückliches Haus ; Dir brauche ich es nicht zu wiederholen , wie Liebe und Zufriedenheit darin herrschten . Du kennst des Vaters freundlichen Ernst , seine belehrenden Gespräche , seine launigen Scherze , wenn er die oft zu geschäftige Mutter mit Gutmütigkeit neckte . Du weißt , wie sorgsam die treue Mutter war , wie sie Dich liebgewann und manche kleine Vernachlässigung nachsahe , wenn ich sie um Deinetwillen beging . Du hast den herrlichen Emil gesehen , wenn er während der Ferien uns zu besuchen kam . Du weißt , mit welcher grenzenlosen Freude er empfangen wurde , nachdem er schon mondenlang vorher den Tag , fast die Stunde seiner Ankunft bestimmt hatte . Du weißt , mit welchem Jubel die Dienstleute , Einwohner und die Kinder des Dorfes herbeieilten , um den Allgeliebten zuerst zu begrüßen . Wie war er da unaufhörlich bemüht , uns Vergnügen zu bereiten , unsre Spiele und Tänze zu beleben , unsre Gesänge mit seinem rührenden Flötenspiel zu begleiten . Er war die Seele unsres jugendlichen Kreises . Du wurdest bald das Ideal seines jungen Herzens , und Dein Bild hat ihn bis zum letzten Schritte begleitet . Oh , daß das Herrliche und Schöne so schnell vergänglich ist ! während das Gemeine und Schlechte alle Stürme überdauert . Treffliche Menschen sind gleich zarten Blumen , sie können dem glühenden Strahle des Mittags und dem eisigen Hauche des Nordens nicht widerstehen . Das Unkraut wuchert fort . Welch ein Unkraut muß Deine Virginia sein , daß sie den Verlust all ihrer Lieben überleben konnte ? Sie steht da wie die einsame Distel auf Schottlands öder Heide , welche der verlassene Sänger der Vorzeit so rührend in der Nacht seiner Schwermut besingt . Ich kann über jenen Zeitraum sehr kurz hinwegeilen , Du hast damals alles gemeinschaftlich mit mir erlebt , auch war es in bezug auf uns nicht viel Merkwürdiges . Unsre Tage flossen gleichförmig und fröhlich dahin ; unsre Herzen schlugen ruhig , ungeachtet Du anfingst , in das jungfräuliche Alter hinüberzugehn , welches ich schon angetreten hatte . Dank sei meinem Vater , dessen Sorgfalt unserm Geiste immer einen erhabenen Vorwurf zu geben wußte , so wie er unseren Vergnügungen die Kindlichkeit zu erhalten verstand . Deine Mutter kehrte nach einiger Zeit zu uns zurück , sie hatte weder Neigung noch Geschick , für die Plane Deines Vaters zu wirken . Sie war in Paris auf das beste empfangen , man gedachte allgemein ihrer Auswanderung nicht , weil der Kaiser , aus wohlwollender Rücksicht für meinen Vater , es so zu wollen schien . Die ehemalige Herzogin von Rochefoucauld , eine ihrer Jugendfreundinnen , stellte sie der neuen Kaiserin vor , und die gütige Josephine nahm sie mit all der Liebenswürdigkeit auf , welche in ihrem schönen Gemüte lag . Sie war im Herzen tief gerührt von der erfahrnen zarten Behandlung und äußerte dies in ihren Erzählungen so mannigfaltig . Gegen Deinen Vater hat sie dies aber in ihren Briefen nicht gewagt . Sie suchte ihn nach ihrer Art dadurch zu besänftigen , daß sie in seine Vorstellungsart einging , wohl wissend , wie sehr es ihn aufbringen würde , daß sie seine Zwecke meist verfehlt . Seine Antwort , welche erst spät und , wegen des wieder ausgebrochenen Krieges , auf Umwegen zu uns gelangte , atmete Zorn und Mißmut . Er befahl Deiner Mutter , unverzüglich mit Dir zurückzukehren . Gern hätte die gehorsame Gattin Folge geleistet , aber alle Verbindung mit England war auf das strengste gehemmt ; selbst Briefe dahin zu befördern war mit großer Schwierigkeit verknüpft . So verzögerte sich , zu unsrer Freude