vielleicht sein werde , ja , wie ich vielleicht , von allem Gelde entblößt , nicht einen einzigen Tag außerhalb der Mauern würde leben können . Der letzte Tag , den ich noch im Kloster zubringen wollte , war endlich herangekommen , durch einen günstigen Zufall hatte ich anständige bürgerliche Kleider erhalten ; in der nächsten Nacht wollte ich das Kloster verlassen , um nie wieder zurückzukehren . Schon war es Abend geworden , als der Prior mich ganz unerwartet zu sich rufen ließ . Ich erbebte , denn nichts glaubte ich gewisser , als daß er von meinem heimlichen Anschlage etwas bemerkt habe . Leonardus empfing mich mit ungewöhnlichem Ernst , ja mit einer imponierenden Würde , vor der ich unwillkürlich erzittern mußte . » Bruder Medardus , « fing er an , » dein unsinniges Betragen , das ich nur für den stärkeren Ausbruch jener geistigen Exaltation halte , die du seit längerer Zeit , vielleicht nicht aus den reinsten Absichten , herbeigeführt hast , zerreißt unser ruhiges Beisammensein , ja es wirkt zerstörend auf die Heiterkeit und Gemütlichkeit , die ich als das Erzeugnis eines stillen frommen Lebens bis jetzt unter den Brüdern zu erhalten strebte . - Vielleicht ist aber auch irgend ein feindliches Ereignis , das dich betroffen , daran schuld . Du hättest bei mir , deinem väterlichen Freunde , dem du sicher alles vertrauen konntest , Trost gefunden , doch du schwiegst , und ich mag um so weniger in dich dringen , als mich jetzt dein Geheimnis um einen Teil meiner Ruhe bringen könnte , die ich im heitern Alter über alles schätze . Du hast oftmals , vorzüglich bei dem Altar der heiligen Rosalia , durch anstößige entsetzliche Reden , die dir wie im Wahnsinn zu entfahren schienen , nicht nur den Brüdern , sondern auch Fremden , die sich zufällig in der Kirche befanden , ein heilloses Ärgernis gegeben ; ich könnte dich daher nach der Klosterzucht hart strafen , doch will ich dies nicht tun , da vielleicht irgend eine böse Macht - der Widersacher selbst , dem du nicht genugsam widerstanden , an deiner Verirrung schuld ist , und gebe dir nur auf , rüstig zu sein in Buße und Gebet . - Ich schaue tief in deine Seele ! - Du willst ins Freie ! « - Durchdringend schaute Leonardus mich an , ich konnte seinen Blick nicht ertragen , schluchzend stürzte ich nieder in den Staub , mich bewußt des bösen Vorhabens . » Ich verstehe dich , « fuhr Leonardus fort , » und glaube selbst , daß besser als die Einsamkeit des Klosters die Welt , wenn du sie in Frömmigkeit durchziehst , dich von deiner Verirrung heilen wird . Eine Angelegenheit unseres Klosters erfordert die Sendung eines Bruders nach Rom . Ich habe dich dazu gewählt , und schon morgen kannst du , mit den nötigen Vollmachten und Instruktionen versehen , deine Reise antreten . Um so mehr eignest du dich zur Ausführung dieses Auftrages , als du noch jung , rüstig , gewandt in Geschäften und der italienischen Sprache vollkommen mächtig bist . - Begib dich jetzt in deine Zelle ; bete mit Inbrunst um das Heil deiner Seele , ich will ein gleiches tun , doch unterlasse alle Kasteiungen , die dich nur schwächen und zur Reise untauglich machen würden . Mit dem Anbruch des Tages erwarte ich dich hier im Zimmer . « - Wie ein Strahl des Himmels erleuchteten mich die Worte des ehrwürdigen Leonardus , ich hatte ihn gehaßt , aber jetzt durchdrang mich wie ein wonnevoller Schmerz die Liebe , welche mich sonst an ihn gefesselt hatte . Ich vergoß heiße Tränen , ich drückte seine Hände an die Lippen . Er umarmte mich , und es war mir , als wisse er nun meine geheimsten Gedanken und erteile mir die Freiheit , dem Verhängnis nachzugeben , das , über mich waltend , nach minutenlanger Seligkeit mich vielleicht in ewiges Verderben stürzen konnte . Nun war die Flucht unnötig geworden , ich konnte das Kloster verlassen und ihr , ihr , ohne die nun keine Ruhe , kein Heil für mich hienieden zu finden , rastlos folgen , bis ich sie gefunden . Die Reise nach Rom , die Aufträge dahin schienen mir nur von Leonardus ersonnen , um mich auf schickliche Weise aus dem Kloster zu entlassen . Die Nacht brachte ich betend und mich bereitend zur Reise zu , den Rest des geheimnisvollen Weins füllte ich in eine Korbflasche , um ihn als bewährtes Wirkungsmittel zu gebrauchen , und setzte die Flasche , welche sonst das Elixier enthielt , wieder in die Kiste . Nicht wenig verwundert war ich , als ich aus den weitläuftigen Instruktionen des Priors wahrnahm , daß es mit meiner Sendung nach Rom nun wohl seine Richtigkeit hatte , und daß die Angelegenheit , welche dort die Gegenwart eines bevollmächtigten Bruders verlangte , gar viel bedeutete und in sich trug . Es fiel mir schwer aufs Herz , daß ich gesonnen , mit dem ersten Schritt aus dem Kloster ohne alle Rücksicht mich meiner Freiheit zu überlassen ; doch der Gedanke an sie ermutigte mich , und ich beschloß , meinem Plane treu zu bleiben . Die Brüder versammelten sich , und der Abschied von ihnen , vorzüglich von dem Vater Leonardus , erfüllte mich mit der tiefsten Wehmut . - Endlich schloß sich die Klosterpforte hinter mir , und ich war , gerüstet zur weiten Reise , im Freien . Zweiter Abschnitt Der Eintritt in die Welt In blauen Duft gehüllt , lag das Kloster unter mir im Tale ; der frische Morgenwind rührte sich und trug , die Lüfte durchstreichend , die frommen Gesänge der Brüder zu mir herauf . Unwillkürlich stimmte ich ein . Die Sonne trat in flammender Glut hinter der Stadt hervor , ihr funkelndes Gold erglänzte in den Bäumen , und in freudigem Rauschen fielen die Tautropfen wie glühende Diamanten herab auf tausend bunte Insektlein