Gewohnheit , mit zerrissenem Herzen zu arbeiten , machte es mir möglich , die Geschäfte zu beendigen . Endlich konnt ' ich Athem holen , eilte dann , sobald die zwey peinlichen Stunden der Mittagstafel überstanden waren , in die Gärten . Lange irrt ' ich umher , ohne mit mir selbst einig zu werden ; doch blieb der Gedanke : Maria , was es auch koste , zu retten , der Erste und Letzte . Sie erschrak , da ich zu ihr eintrat . Ich hatte in der Bestürzung das verhaßte Staatskleid nicht gewechselt , wollte es nun - die Zeit war kostbar - vergessen ; aber Mariens Aengstlichkeit machte es unmöglich . Ich sah , der Abend würde verloren gehen , eilte fort , und kehrte nach wenig Minuten in meiner gewöhnlichen Kleidung zurück . Jetzt flog mir Maria mit lautem Freudengeschrey entgegen , ich empfing sie mit offnen Armen , und - als wäre mit dem verhaßten Kleide Alles , was uns trennte , hinweggeschaft - mein Mund berührte den ihrigen . » O Gott ! « - rief Maria - » mein Traum wird erfüllt ! « ( Ich gestehe , daß diese , gerade jetzt wie eine fürchterliche Prophezeihung klingenden Worte , mich auf das heftigste erschütterten . ) » Maria ! « - sagte ich , sie mit bebender Hand zum Sofa leitend - » hören Sie mich ! Oft haben Sie gewünscht zu wissen , was ich denke . - Wohlan ! so mögen Sie es nun ohne Rückhalt erfahren . Ich wollte Ihr Vater seyn , wollte es bleiben , wollte keiner andern Empfindung Raum geben . - Ich vermochte es nicht . Ich liebte Sie früher , als Sie mich . « » Nein ! « - rief sie , und wollte mir wieder zu Füßen sinken ; aber ich hielt sie fest gedrückt an meiner Brust , und fuhr fort : » Als Ihr Herz nur für alles Große und Schöne , und keiner vorzüglich lebhaften Empfindung für mich empfänglich war , schon da liebte ich Sie , und war schwach genug , Raphael um seine Rosen zu beneiden . Doch vermochte diese Schwäche nicht , mich zu eigentlicher Ungerechtigkeit zu verleiten . Ihre Freyheit blieb mir heilig , und meine Liebe tief in meinem Herzen verschlossen . Eigennutz lag gleichwohl dem Allen zum Grunde . Ich wollte Alles aufgeben , um Alles zu gewinnen . Ihre Liebe sollte ein durchaus freyes Geschenk werden , und nur dann wollt ' ich Sie für das höchste irdische Gut erkennen . Aber dieser feine Eigensinn , diese eigensinnige Feinheit machte mich dennoch ungerecht . Ich forderte Liebe , ohne als Mann um Liebe zu werben . So forderte ich dann das Opfer des Heiligsten , das Opfer der Weiblichkeit . Ich wurde bestraft , vielleicht härter , als ich verdiente . Indem ich mich über menschliches Streben , über menschliche Begierde erhob , verlor ich menschliches Glück , erntete , was ich säete : Achtung , Bewunderung ; aber nicht Liebe . « » O mein Vater ! « - rief Maria , da ich einen Augenblick , von Empfindung überwältigt , einhielt - » ist das auch wahr ? « - Ich drückte einen zitternden Kuß auf die Engelstirn und fuhr fort : » Wäre es nicht wahr , müßte es nicht wahr werden ? Darf ich um Liebe werben ? Darf ich geliebt werden ? - Iwanova trägt verschmähte Liebe im brennenden Herzen , will hassen , weil sie nicht lieben soll . Aber ich bin ein freyer Mann , kann mich ihrem Hasse entziehen . So dacht ' ich vormals . Darf ich auch jetzt so denken , da ein ganzes Volk die Hände flehend zu mir erhebt ? mich Retter nennt ? Da ich täglich überzeugter werde , daß ich es bin ? Da ich vergebens unter Allen , die Pflicht und Vaterland im Munde führen , Einen suche , der den Sinn dieser Worte zu fassen , der die Hälfte von dem , was auf mir liegt , zu tragen vermöchte ? Und so heißt dann die Losung nicht mehr Liebe , oder Haß ! Freyheit , oder Zwang ! sondern : Liebe , oder Pflicht ! - Wenn Maria entscheiden dürfte , was würde sie sagen ? « Liebe und Pflicht ! Iwanova kann hier nur gerecht , oder verabscheuungswürdig seyn . Wie , wenn sie das Letzte wäre ? - Maria staunt mich an ? - Wer war es , der mir schrieb : Iwanova beschließt unser Verderben ! Wer war es , der da fragte : Ist keine Rettung möglich ? - O Gott ! Ja sie ist möglich ! sie soll möglich seyn ! Maria wird , muß gerettet , muß glücklich werden . Wie ? Graf Perçy liebt Maria . Sein Alter paßt besser zu dem ihrigen . Das hat sie selbst im Traume gefühlt . O mein Vater ! Ja ! Alexander bleibt Mariens Vater . Und so liebt sie ihn , wie sie ihn immer geliebt hat , vielleicht lieben kann . Und was wird dann aus Maria ? Graf Perçy führt sie als Gemahlin nach England , und sie ist für immer gerettet . Gerettet ! Maria gerettet ? Wenn sie nach England geführt wird ? - Wo bleibt Mariens Vater ? Hier , wo Pflicht und Vaterland ihn binden . Und Maria in England ? Nimmermehr ! Maria wird nicht Graf Perçy ' s Gemahlin . Warum nicht ? Weil Maria keinen Mann lieben kann , der ihr gleich ist . Der ihr gleich ist ? - Ja ! Graf Perçy ist nicht mehr werth als Mann , wie Maria als Mädchen . Er kann Mariens Gespiele , nie ihr Gemahl werden . Maria ist gewohnt , das über sich zu sehen , was sie liebt . Sie würde in schlaffe Unthätigkeit versinken , entrisse man ihr den sichtbaren Gott , durch den sie lebt und empfindet .