sich über diese Erscheinung lange nicht zufrieden geben . Sie fing an , die Tochter zu hüten . - » Sparen Sie die Mühe ! « sagte diese . » Ich kann das Gängeln nicht leiden . Auch der Eltern Marionette mag ich nicht seyn . Ein selbstständiges Wesen muß von allem sich berühren lassen , ohne etwas in sich aufzunehmen . Keiner muß seine Individualität um taube Nüsse aufgeben . « So betete sie ihren Lehrern nach . An einem Abend , wo bei der Königin ein großer literarischer Cirkel sich einfinden sollte , verirrte sich Gräcula in dem Park , über den kathegorischen Imperativ grübelnd und einen Satz , den sie irgendwo gelesen hatte , auswendig lernend , weil er noch diesen Abend als selbst erfunden vorgeführt werden sollte . Sie hatte sich so weit vom Schlosse entfernt , daß sie nicht die sinkende Sonne die goldnen Zinnen röthen und in die kristallnen Dachfenster glänzen sah ; zu ihren Füßen vernahm sie ein leises Rauschen und Zischen . Es kam von einer kleinen , bunten , wunderschönen Schlange , die sich in allerlei künstlichen Schlingungen zu ihren Füßen bewegte , vorwärts glitt , wenn sie ging , und still lag , wenn sie stehen blieb . Gräcula verfolgte dies Spiel so lange Zeit , daß die Dämmerung darüber eintrat . Sie wollte zurück ; aber wie seltsam wurde sie überrascht , als die kleine Schlange sich so kräftig um ihren Fuß wand , daß sie ihn nicht von der Stelle zu bewegen vermochte , und rings um sie her sich hohe , blühende Rosenhecken zogen , sie dicht einzuschließen . » Das sind gewiß die Wunder des elfenbeinernen Stäbchens der Alten ! « sagte die Prinzessin fest und schritt vorwärts ; denn die Schlange schoß von ihrem Fuß ab , einer Rosenlaube zu , wohin Gräcula ihr folgte . » Folge der Verführerin nicht ! « erscholl ' s aus der Luft ; sie betrügt dich . Da die Stimme der Erfahrung leicht zu erkennen war , so antwortete die Prinzessin mit edlem Trotze : » Ich gehe und will siegen ! « - » Gefahr meiden , ist sicherer , als sie suchen , « entgegnete die Stimme . - » Nur der Krüppel bedarf der Krücke ! « sagte die Prinzessin und ging . Jetzt trat aus einer Laube , geflochten von Rosen und Mirthen , ein Mädchen , von überirdischer Schönheit . Ihre üppigen Locken hielt ein Kranz von Tuberosen und Granaten . Um den vollen Busen und die entblößten Schultern schwebte ein durchsichtiger Schleier . Ihre Miene war lachend und einladend . Freundlich reichte sie der jungen Philosophin die Hand und sprach ; » Komm herein zu mir , schöne Königstochter ! Laß uns freundlich kosen ! Was vergeudest du die goldene Zeit der Jugend , die nie wiederkehrt , mit alten Perückenstöcken und unverständlichem Geschwätz . Träume , wenn du nicht anders kannst ; aber träume froh . Willst du Weisheit ? Raisonnement ? Sieh hier , hier ist , wie es deinem Alter zusteht ; es ist meine Lebensphilosophie . « - Ein Buch lag vor dem Mädchen aufgeschlagen , es hieß : das Paradies der Liebe . » Hier lerne leben und genießen ! « - Gräcula trat spröde zurück , und gab dem Mädchen ihre kälteste philosophische Prunkmiene zum Besten . Das Mädchen lachte und sprach : » Das kenne ich . Du wirst mir nicht entgehen . Deine Stunde ist da . Sei ein Mädchen , schöne Königstochter ! Begehe nicht den schwersten Raub an dir selbst ! Betrüge dich nicht länger um deine Jugend ; gieb den austrocknenden Plunder auf ! « » Noch einmal : wer bist du , wildes , ungezähmtes Mädchen ? Deine Gegenwart flößt mir unbekannte Schauer ein . Woher kommt das ? Wer bist du ? « » Die Mutter und die Zwillingsschwester des Menschengeschlechts . Die große Natur gehört zur Hälfte mir . Ich gebahr alle ; mit jedem Mutterkinde säugte ich den mütterlichen Busen . Mäßig genossen , segne ich meine Verehrer , die Unmäßigen lohne ich wie weiland Circe ihre Liebhaber , und überlasse sie meiner jüngern Schwester , die auch meine Tochter ist . « » Aber - wer bist du ? Wer ist diese seltsame Schwester ? « » Ich bin die Wollust ; meine Schwester die Üppigkeit . « » Nun denn , so hebe dich von mir ! Sollten meine intellektuellen Kräfte « - - » Still , Still ! Diese Wörter machen mir Kopfweh . Ziere dich nicht , Püppchen ! Komm hier und trink ' von meinem Wein ! Diesen Becher , der sich immer wieder schäumend füllt , schickt dir Frivolo . Er blieb sein Pathengeschenk dir schuldig . « Ein kleiner , Bacchus gestalteter Genius reichte Gräcula den vollen Becher hin . Sie nippte , nippte wie eine Braut im Beiseyn des Bräutigams . Voluptas trank und reichte ihr den Becher schäkernd wieder hin . Gräcula trank nun auch , wurde aber nur redselig , nicht fröhlich , und die schwerfälligen Sentenzen lößten sich jetzt wie Marmorblöcke vom Felsen aus ihrem Gehirn los . Voluptas lachte , und sagte : » Ist ' s mir doch , als wohnte ich einem Magisterschmause bei . Rolle mir deine schweren Sentenzen nicht über ' n Hals , sie erdrücken mich . Ich will dir ein Liedchen singen . Höre ! « Und die Wollust sang ein Lied , wie die Wollust es nur zu singen weiß . Es regte die geheimsten Triebe der Sinnlichkeit auf . Gräcula erröthete , ward aber immer freier und freier ; denn in all dem Plunder , womit sie den Kopf vollgepfropft hatte , fand sie kein Granchen Kraft , den Anregungen ihrer Sinnlichkeit zu widerstreben . Der ganze Maximenkram war kalt an dem Kiesel in ihrer Brust vorüber gestreift . Auf diese erste Zusammenkunft folgten viele andere ; und aus keiner kam sie ungeahndet zurück . Ihre Lehrer