das ich nie zuvor empfunden , das eine wunderbare Mischung von Ahnung und Erinnerung , nicht bloßes Wohlgefallen an der Kunst war . Als die Musik geendigt hatte , führte Nanette den Sänger zu mir , und stellte mir ihn als ihren sehr nahen Verwandten vor , der eben jetzt von einer kleinen Reise zurück gekommen sei . Ich erinnerte mich nun , daß ich sie unter dem Namen Eduard schon mehrmals hatte von ihm sprechen und vieles von ihm erzählen hören . - Unser Gespräch lenkte sich natürlich auf den nächstliegenden Gegenstand , die Musik , und gewann gar bald Leben und Bedeutung , besonders da wir mit Vergnügen in unserm Geschmack viel Uebereinstimmendes bemerkten . Nanette horchte einige Zeit mit muthwilliger Miene zu , aber bald , des ernstern Gesprächs überdrüßig , unterbrach sie es mit einer Neckerei , nahm Eduard am Arm , und hüpfte mit ihm weg . Sie beschäftigte sich auch den ganzen Abend sehr angelegentlich mit ihm , und schien in seiner Unterhaltung unendlich viel Vergnügen zu finden . Ich fühlte mich weniger theilnehmend wie sonst ; doch freute ich mich im Stillen an dem anmuthsvollen Wesen , das in Allem , was Eduard sagte und that , sichtbar ward . Warum besitze ich nicht die Kunst , Dir sein Bild durch einige genievolle Züge lebendig vor Augen zaubern zu können ? - - Sicher würdest Du mit Lust darauf verweilen , und Dich von diesem Auge , aus welchem Dir eine Welt von schönen Gefühlen entgegen strahlt , dieser hellen , geistvollen Stirn , diesem ganzen ausdrucksvollen Gesicht nur mit Mühe wieder wegwenden können . Auch Albret schien von dem ersten , allgemeinen günstigen Eindruck , nicht ausgenommen . Doch als ich ihn schärfer beobachtete , bemerkte ich bald , daß er etwas , dem jungen Mann nachtheiliges , in seinem Gemüth verschloß , so sehr er es auch mit seiner gewöhnlichen Feinheit zu verdecken wußte ; denn er hat sich so sehr in seiner Gewalt , daß nur sein Auge denen , die ihn genau kennen , die wahre Stimmung seiner Seele ahnen läßt . Wie bewundrungswürdig ist doch dieser Ausdruck des Auges , und worinnen besteht er eigentlich ? - Hier ist alles unendlich zärter , feiner , geistiger als in den übrigen Theilen des Gesichts , wo sich das , was in der Seele vorgeht , durch Röthe oder Blässe , oder Zusammenziehen der Haut entweder leicht verräth , oder bei festen Muskeln geschickt verheelen läßt . Aber das Auge ist unter allen das , was zunächst an Begeisterung , ans Unbeschreibliche gränzt - es ist hier , wo die Seele am unmittelbarsten zu wirken scheint . Doch , ist es nicht seltsam , daß ich im engen Zimmer sitze und schreibe , indeß mich im Freien alles zum fröhlichsten Leben und Empfinden einladet ? - Lebe wohl , und freue Dich , Du theilnehmendes Wesen , daß Deiner Freundin heute ein sehr heit ' rer Tag aufgegangen ist . Da der Brief noch nicht fort ist , muß ich Dir noch einmal schreiben . Ich habe diesen ganzen Tag allein zugebracht ; selbst Nanetten habe ich nicht gesehen , und doch war mir so wohl , doch fühle ich mich so glücklich , meine Julie ! - Eine leichte duftige Sommernacht schwebt ' über der Landschaft . Der Himmel mit allen seinen glänzenden Augen blickte heiter herab . Der Mond strahlt mit halbem Antlitz , und wirft ein leichtes Nebelmeer zwischen die Berge hin . Kleine Johanniskäfer fliegen wie herabgefallene Sterne durch die dunkeln Büsche . Eine neue , muntre Welt umgiebt mich ; alle Verhältnisse scheinen mir leicht , von freundlichen Genien gewoben . Die Gegenwart begränzt meine Wünsche , ich erwarte , ich verlange nichts . Und wenn ich mich frage , woher diese Stimmung , weiß ich es ? - woher - doch ich kann dies nicht verschweigen - ja ! ich habe ihn heute gesehen . Meinem Garten gegenüber liegt eine kleine , anmuthige Anhöhe , da gieng er in der lieblichen Abendkühlung . Er blieb stehen und betrachtete rings die Gegend , und zuletzt , da ihn das einsame Plätzchen anzuziehen schien , warf er sich auf den frischen Rasen nieder ; halb verbarg ihn ein blühendes Gesträuch , und ich sah , daß er ein Buch hervorzog . - Es ist nichts , ich weis es ; leicht möglich , daß er nicht einmal bemerkte , wer ihm gegenüber stand , aber ich fühle , daß meine heitre Stimmung durch dies Nichts gewonnen hat . Elfter Brief Eduard an Barton Ich beklagte mich in meinem letzten Brief über Dein Schweigen , und nun gebe ich Dir Ursache über das Meinige zu klagen . Aber sind wir uns gleich ? - Du kannst meine Briefe entbehren , Du liesest sie vielleicht nur um meinetwillen ; mir sind die Deinigen unentbehrlich , ja sie machen einen Theil meines Lebens aus . Ich habe seit ich Dir zuletzt schrieb , Nanettens Freundin , die sie mir in ihrem Brief schilderte , kennen lernen , und in ihr jene Unbekannte wieder gefunden , die ich in den ersten Tagen meines Hierseins , neben dem ältlichen Mann im Wagen schlummern sah , und deren unbefangene Schönheit ich Dir schilderte . Eine nähere Bekanntschaft hat mich nur noch mehr zu ihr hingezogen , und ich überlasse mich willig den Eindrücken die sie auf mich macht , - unbekümmert , ob sie meine flüchtige Neigung wird fesseln können , oder nicht . Du selbst riethest mir oft , mich dem verfeinerten Theil der Weiber , der gleichsam ein andres Geschlecht ausmacht , zu nähern , und ich hätte es gern gethan , wenn mich nicht meine natürliche Ungeschicklichkeit immer davon zurückgehalten hätte . Doch jetzt fühle ich lebhafter als je den Wunsch , von diesem wunderbaren Wesen mehr zu erfahren , und ihre mächtige Einwirkung auf unsere Bildung und Zufriedenheit an mir selbst zu empfinden . Glaube jedoch nicht ,