dafür bezahlen lassen , besteht darin , daß sie zu wissen glauben was sie nicht wissen , ich hingegen weiß , daß ich nichts weiß . Offenherzig zu reden , scheint er sich in diesem Punkte zuweilen ein wenig zu täuschen , und die Geringschätzung gewisser spekulativer Wissenschaften , deren Nutzen nicht sogleich in die Augen fällt , oder vielleicht erst künftig noch entdeckt werden mag , weiter zu treiben , als er thun würde , wenn er sich seiner Unwissenheit immer bewußt wäre . Uebrigens , und wenn er auch mit einigen Fächern des menschlichen Wissens zu wenig bekannt ist , um ein vollgültiges Urtheil über ihren Werth fällen zu können , so ist er hingegen desto gelehrter in den Künsten und Handwerken , die im gemeinen und bürgerlichen Leben von anerkanntem Nutzen sind . Er spricht mit einem jeden sehr verständig von seiner Profession und gibt ihnen nicht selten Anleitung oder Winke , wie sie dieß oder jenes besser einrichten oder ihre Fabricate und Kunstwerke zu einer größern Vollkommenheit bringen könnten ; benimmt sich aber so geschickt dabei , daß er , indem er sich mit ihnen über ihre Kunst bespricht , vielmehr das Ansehen eines Unwissenden hat , der durch bescheidene Fragen von ihnen belehrt zu werden sucht , als eines Klüglings , der sich anmaßt den Meistern Lehren zu geben . Er hat sich in verschiedenen Feldzügen als einen guten Soldaten bewiesen , versteht sich auf alles was zum Kriegsdienst zu Wasser und zu Lande gehört , und weiß im Nothfall das Steuerruder so geschickt zu führen als der erfahrenste Schiffer . Schwerlich gibt es irgend ein Geschäft , das durch ruhige Besonnenheit , unerschütterliche Festigkeit , ausharrende Geduld , Nüchternheit , Wachsamkeit , Gleichgültigkeit gegen Vergnügen und Schmerz , gegen Hunger und Durst , Frost und Hitze , mit Einem Worte , durch alle Eigenschaften und Tugenden , die einen ächten Mann von Marathon ausmachen , und nur durch diese wohl gelingen kann , schwerlich gibt es ein solches Geschäft im Frieden oder im Krieg , womit er nicht zu seiner Ehre zu Stande kommen würde ; und ich bin gewiß , wenn die Götter den armen Kechenäern zu einem so klugen Einfall verhelfen wollten , wie der wäre , wenn sie , anstatt ihre Kriegsobersten zu Duzenden aus dem Glückstopf zu ziehen , ihn zu ihrem Oberfeldherrn machten , ihre Angelegenheiten sollten gar bald eine bessere Gestalt gewinnen . Mit Einem Wort , Freund Kleonidas , Sokrates ist ein - tugendhafter Mann im höchsten und vollständigsten Sinne des Wortes , und darin besteht sein eigenthümlicher Charakter , Werth und Vorzug vor allen seinen Zeitgenossen . Er taugt zu allem wozu ein Mann taugen soll , kann alles was jedermann können sollte , weiß gerade so viel als niemand ohne seinen Schaden nicht wissen kann , und ist , in jedem Verhältniß des Lebens , was man seyn muß , um ein Vorbild für alle zu seyn . 8. An Kleonidas . Daß Sokrates , wenn er mit andern philosophirt , sich nur zweier Methoden , der Induction56 und der Ironie zu bedienen pflege , hat seine Richtigkeit ; wenigstens habe ich nie gesehen , daß er in seinen Gesprächen , es sey nun daß sie auf Belehrung oder auf Widerlegung abzielen , einen andern als einen dieser beiden Wege eingeschlagen hätte . Diese sonderbare Art zu philosophiren scheint mir deine hohe Meinung von ihm nicht wenig herabgestimmt zu haben . » Die Induction kann mich , sagst du , nichts lehren als was ich entweder bereits wußte , oder mir vermittelst eines kleinen Grades von Besinnung selbst sagen konnte ; und wie ein so weiser Mann die Ironie für eine taugliche Methode die Wahrheit ausfindig oder einleuchtend zu machen halten könne , ist mir vollends unbegreiflich . « - Ueber beides , lieber Kleonidas hoffe ich dich ins Klare zu setzen , wenn ich dir sage , bei welchen Personen und zu welcher Absicht Sokrates von der einen und der andern Gebrauch zu machen pflegt . Die Personen , mit welchen er sich am meisten abgibt , sind ( außer seinen nähern Freunden und Günstlingen ) entweder solche , die von ihm belehrt zu werden wünschen , es sey nun daß sie ihre Unwissenheit in der Sache , wovon die Rede ist , anerkennen , oder so schwach an ihrer bisherigen Meinung hangen , daß sie immer bereit sind sie mit einer bessern zu vertauschen ; oder es sind naseweise Klüglinge und eingebildete Allwisser , die er , da sie Belehrung weder suchen noch anzunehmen aufgelegt sind , bloß beschämen und wenigstens zum stillen Bekenntniß ihrer Unwissenheit nöthigen will . Bei den erstern bedient er sich der Induction als einer Lehrart ; gegen die letztern der Ironie als einer sowohl zur Vertheidigung als zum Angriff gleich bequemen Waffe . Die Athener verbinden mit dem Worte Ironie ungefähr denselben Begriff ( der Verspottung ) wie wir und alle andern Griechen ; nur daß sich ihm durch den gemeinen Gebrauch ein Nebenbegriff bei ihnen angehängt hat , der aus einem besondern Zug ihres Nationalcharakters zu entspringen scheint . Der Athener pflegt nämlich seine Meinung nicht leicht so kurz und geradezu herauszusagen , wie der Spartaner oder Böotier ; nicht etwa aus vorsichtiger Zurückhaltung ( wie ich dieß an den Korinthern bemerkt zu haben glaube ) , sondern weil es ihm , wenn er spricht , selten oder nie so viel um Wahrheit oder um die Sache selbst zu thun ist , als um das eitle Vergnügen mit der Feinheit und Gewandtheit seines Witzes und der Geläufigkeit seiner Zunge zu prunken , und den andern entweder seine Ueberlegenheit fühlen zu lassen , oder , falls es ein höherer an Stand und Rang oder ein Mann von vorzüglichen Verdiensten ist , die beiden großen Geburtsrechte des Attischen Bürgers , Freiheit und Gleichheit gegen ihn zu behaupten , indem er ihm zu verstehen gibt , er dünke sich nicht geringer , und mache sich wenig aus Vorzügen die er