dem eigenwilligen Geschöpf keinerlei Gefahr läufst , — nun erst hat sie uns ganz getrennt , ich habe Dich verloren , und Alles , was ich Euch verdanke , ist die Erkenntnis , daß ich nicht für diese Welt tauge und daß ich elend bin ! “ Johannes stand bleich und stumm vor ihr , aber in seiner hochaufgerichteten Gestalt prägte sich sein reines Bewußtsein aus . Ernestine wagte nicht , ihn anzusehen , sie zerpflückte mit den zitternden Händen einen Zweig , den sie von einem Busche am Wege gerissen . „ Wir sind nach dieser Erklärung fertig mit einander , “ begann er , und es war , als falle jedes dieser Worte wie geschmolzenes Eisen von seinen Lippen in ihr Herz . Er schöpfte Atem , wie um sich von einer schweren Anstrengung zu erholen . Dann fuhr er fort : „ Die Anklagen , mit denen Du mich und meine Mutter überhäufst , beantworte ich nicht , sie tun mir wehe für Dich , sie sind Deiner großen Seele unwürdig ! Ich habe an Dir gehandelt , wie es unsere Begriffe von Ehre geboten . Ich habe Dir gesagt , was ich meiner innersten Überzeugung nach für das Glück der Ehe erforderlich halte ! Daß Du mir das verlangte Opfer weigerst , weigern kannst , beweist mir , daß Du mich nicht liebst . Dies ist der Grund , der uns trennt . Auch bitte ich Dich , zu bedenken , daß ich nicht für mich allein sorge , da ich vorsichtig handle . Ich muß als ein rechtschaffener Mann vor Allem prüfen , ob das Weib , das ich heimführe , auch dereinst fähig sei , den teuern Wesen , denen sie vielleicht das Leben schenkt , im wahren Sinne Mutter zu sein . “ Seine Stimme ward weich bei diesen Worten . „ Du hast die Prüfung nicht bestanden — Dein Herz ist noch nicht reif für die große hingebende , selbstvergessende Liebe , die allein den schweren Pflichten der Ehe genügen kann . Ob es je dazu reifen wird ? Wer weiß ! Vielleicht erntet einst ein Anderer , was ich in Schmerzen gesäet . Ich mache Dir keinen Vorwurf , wie könnte ich ! “ Er legte seine Hände auf ihr Haupt , die Tränen rieselten ihm über die Wangen . Er sah sie an und schwieg , vom Schmerz überwältigt . Sie brach unter diesem Blicke innerlich zusammen , ihre künstliche Fassung verließ sie , ein Schrei entrang sich ihren Lippen . Jetzt erst erkannte sie , was sie getan in ihrem Hochmut und ihr Herz erbebte unter der Last , die sie ihm aufgebürdet , bevor sie einen Begriff von ihrer Schwere hatte . Johannes strich ihr milde über die Stirn . Ihre Erschütterung gab ihm seine Haltung wieder „ Du bist gut , Ernestine . Du fühlst , daß Du mir wehe getan , und nun ergreift Dich das Mitleid . Das ist so Frauenart — und diese kleine Schwäche gereicht Dir zur Ehre in meinen Augen . Ich bitte Dich , fasse Dich , Du siehst , auch ich bin wieder ruhig . “ Er wollte ihr seine Hand entziehen , sie hielt sie fest und schaute ihn mit jenen bittenden traurigen Augen an , die schon in ihrer Kindheit einen Zauber auf ihn ausgeübt . „ Verlaß mich nicht ganz ! “ flüsterte sie mit halb erstickter Stimme . „ Nein , so wahr ich wünsche , daß Gott mich nicht verlasse — so wahr werde ich Dich nicht verlassen . Ich werde Dich nicht fliehen wie ein Feigling , der dem unerreichbaren Gute den Rücken kehrt , um sich die Entsagung leicht zu machen und vergessen zu lernen . Du bedarfst eines Freundes , der Dich schützt und vertritt in Deiner zweifelhaften Lage , der Welt und Deinem Oheim gegenüber . Dieser Freund will ich Dir bleiben — bis Du — einen besseren findest ! Fürchte nicht , daß Du ein Wort der Liebe oder Klage ferner von mir hören wirst — ich werde allein mit meinem Schmerz fertig werden . Dein Glück soll meine einzige Sorge sein . Leb wohl — und wenn Du meiner bedarfst , so rufe mich . “ Er drückte noch einmal ihre Hände und schritt , ohne sich umzuwenden , von dannen . Ernestine sah ihm nach , wie er dahin ging in seiner männlichen Hoheit , sie schaute und schaute , bis er um eine Ecke bog und verschwand . Dann sank sie in die Knie und rief mit ausbrechendem Schmerz : „ Hab ’ ich denn das wirklich zu tun vermocht ? ! “ — Lange konnte sie so unter den schattigen Kirschbäumen gelegen haben , als das Rollen eines Wagens vom Schlosse her sie aufscheuchte . Es war ihr Oheim . Er ließ halten und stieg aus . „ Du kannst wieder ausspannen , “ rief er dem Kutscher zu . „ Ich fahre nun nicht in die Stadt . “ Der Angeredete kehrte um und fuhr nach Hause zurück . Leuthold stand stumm vor Ernestinen und folterte sie mit seinem durchdringenden , forschenden Blick . Er hatte von Frau Willmers mit Ausnahme der Beziehungen , welche schon länger zwischen Ernestinen und Johannes bestanden , Alles erfahren , was sich gestern zugetragen . Kaum acht Tage war er fort und schon war ihm sein Schützling entflohen , — entflohen mit einem wildfremden Manne ? Das war unmöglich . Ernestine war nicht feige , ein Haufe betrunkener Bauern hätte das spröde Mädchen nicht dem nächsten besten Unbekannten in die Arme getrieben . Sie mußte den großmütigen Ritter schon gekannt haben . Er hielt nun Verhör nach allen Seiten hin , aber die übrigen Dienstboten , die ihn haßten und zur Willmers hielten , beharrten darauf , sie wüßten von nichts , — das Fräulein müsse den Herrn nur im Schulhause kennen gelernt haben , denn dort gehe der Fremde aus und ein . Das genügte Leuthold , um