nun , gleichsam von der Pike an bis zur Hausfrau hinauf zu dienen . Keine Arbeit war ihr dabei so niedrig oder so schwer , daß sie sie nicht mit eigenen Händen angegriffen hätte , jedem Dienstboten lernte sie die Kunstgriffe seines besonderen Amtes ab , und gelangte so sehr bald dazu , sich sowohl den klaren Überblick über das Ganze wie die genaue Kenntnis aller Einzelheiten zu verschaffen . Ich denke , es war nach Jahresfrist , daß sie sich selbst das Zeugnis ausstellen konnte , Herrin der Situation geworden zu sein . Und nun folgte der zweite energische Schritt : die gesamte Dienerschaft , von der obersten bis zur letzten Stufe , wurde mit einem Schlage entlassen , und durch eine ganz neue und fremde Schicht ersetzt . Denn keiner im Hause sollte die Herrin als Schülerin gekannt haben , vielmehr sollte der alleinigen Autorität eben dieser durch Kenntnis des Voraufgegangenen kein Abbruch geschehen . Sofort ging es jetzt ans Befehlen und Selbstregieren , und kein Feldherr hat wohl je seinen Kommandostab sicherer geführt , als diese echte Soldatentochter . Bald war ihr Haushalt als der Musterhaushalt der Gegend bekannt , und alle jungen Frauen auf den Rittergütern erholten sich Rat bei ihrer unbestrittenen Autorität . Dabei war ihr Haus bald das gastlichste in der durch ihre Gastlichkeit berühmten Gegend , und hielt doch gleichzeitig den einfachen Charakter der Zeit sowohl in der Ausstattung der Zimmer als auch im Hinblick auf die zwar stets überreichliche , aber nie künstlich verfeinerte Bewirtung fest . Zu Tisch ward man per carte auf eine › freundschafeliche Suppe ‹ geladen , die sich dann freilich zu einer Masse von Gängen und Schüsseln erweiterte ; aber immer nur treffliche Hausmannskost . Ein einziger alter Diener ( Christoph ) war das Faktotum des Hauses , und gebrach es an bedienenden Händen , so griffen die Hausmädchen zu . Mit patriarchalischer Naivetät benachrichtigte die treffliche Frau ihre Nachbarn und Nachbarinnen von den bevorstehenden Wasch- und Schlachttagen , um in diesen ganz von ihr geleiteten › großen Aktionen ‹ durch keine Besuche gestört zu werden . Ja dem Wurstmachen räumte sie sogar ihre sehr einfach ausgestatteten Wohnstuben ein . Als ich die treffliche Frau kennenlernte ( die auch mir später eine mütterliche Ratgeberin wurde ) , muß sie schon hoch in den Siebzigern gewesen sein , aber sie zeigte sich noch in voller , rüstiger Lebenskraft , alle Jüngeren durch ihre Tätigkeit beschämend . Sie war immer die Erste , die im Hause erwachte , ging umher , um alle Dienstboten aus dem Schlafe zu wecken , und erst wenn das tägliche Uhrwerk im Gange war , legte sie sich noch einmal auf ein Stündchen zur Ruh . Sie war von kleiner , kräftiger , untersetzter Gestalt , dem › alten Zieten ‹ auf dem Wilhelmsplatze wie aus den Augen geschnitten . Der Ausdruck von Klugheit und Energie , der ihr eignete , war durch den einer großen Freundlichkeit und Herzensgüte gemildert , wie ich denn auch nie gehört habe , daß sie ihre Autorität im Hause durch Strenge oder gar Härte unterstützt hätte . Sie regierte vielmehr ausschließlich durch Ernst und Konsequenz , vor allem aber durch ihr Beispiel , und war von ihren Untergebenen , wie von allen Nachbarn und Freunden , ebenso geliebt als verehrt . Von ihrer Frömmigkeit , dem schönen Erbteil ihres gottseligen Vaters , machte sie keine Worte , und alle Liebeswerke wurden in der Stille geübt . Bei aller häuslichen Tätigkeit vernachlässigte sie nicht die Bildung ihres Geistes und ging stets mit der fortschreitenden Zeit , deren Erscheinungen sie mit dem lebendigsten Interesse verfolgte . Walter Scotts Romane zählten zu ihrer Lieblingsunterhaltung , und oft erinnerte sie mich selbst an einzelne poetische Gestalten darin , besonders wenn sie mit einem wahren Feuereifer von dem Besuche Friedrich Wilhelms III. und der reizenden Königin Luise in Ganzer erzählte , als wäre es ein Vorgang von gestern gewesen . Eine lila Flachsstaude im Garten , die die Königin Luise für ihre Lieblingsblume erklärt hatte , wurde , fast ein halbes Jahrhundert hindurch und von einem eisernen Korbgeflecht umfangen , sorgsam gepflegt und jedem Besucher gezeigt . Ihre Unterhaltung war belebt und belehrend , und oft vom originellsten Humor gewürzt , wie sie denn durch und durch ein naturwüchsiges Original war . Wenn man sich ihrer Kräfte bei allen Anstrengungen verwunderte , versicherte sie , das rühre von einem starken Beisatz von Schwefel in ihrem Blute her , und rieb sich , zum Beweise , die Hände , wobei ich indes von dem verheißenen Schwefelgeruch niemals etwas wahrgenommen habe . Die Frische und Jugendlichkeit aber , die sie sich bis ins hohe Alter bewahrte , gipfelte besonders in ihrer fast anbetenden Liebe zu ihrem Manne , der dieselbe mit großer Treue und etwas kühler Verehrung erwiderte . Bei Tische horchte sie nur auf seine Stimme , und wenn irgendein scherzhaftes Wort seines Mundes zu ihr herüberklang , so rief sie , wie in unwillkürlichem Entzücken und mit strahlender Miene : › Himmlischer Jürgaß ! ‹ › Göttlicher Karl ! ‹ Nie werde ich den Zustand vergessen , in dem wir die Achtzigjährige fanden , als sie die Nachricht erhalten hatte , daß ihr Karl , während eines Besuches bei seinem Bruder in Berlin , heftig erkrankt sei , und sie nicht zu ihm dürfe ! Mit Tränen überströmt , an allen Gliedern zitternd , ganz aus ihrer gewohnten festen und kräftigen Haltung hinausgeworfen , stand die alte Frau da , wie das Bild der Leidenschaft jugendlichster Liebe . Einst gestand sie mir , daß sie , an jedem Jahrestag ihrer Vermählung , in aller Stille immer ihr Hochzeitskleid unter ihrem einfachen Hausrock anlege , und daß ihre große Halskrause dann den Schmuck und die Perlenschnur des Hochzeitsstaates vor aller Augen berge . Sogar der Beisatz der Eifersucht fehlte dieser leidenschaftlichen Liebe nicht ; doch richtete sie sich auf den unschuldigsten Gegenstand , auf den von sieben andern einzig übriggebliebenen Bruder ihres Mannes ,