Ich würde , ohne zu verweilen , an Herrn Rochester ’ s Zimmer vorübergegangen sein ; aber da mein Herz an der Schwelle auf einen Augenblick zu schlagen aufhörte , sah sich mein Fuß genöthigt , auch anzuhalten . Kein Schlummer war dort : der Bewohner ging ruhelos von einer Wand zur andern ; und wiederholt seufzte er , während ich horchte . Wenn ich wollte , war in diesem Zimmer ein Himmel — ein zeitlicher Himmel für mich : ich durfte nur hineingehen und sagen : " Herr Rochester , ich will Sie lieben und bis in den Tod mit Ihnen leben , " und meine Lippen wurden zu einer Quelle des Entzückens . Der Gedanke kam mir in den Sinn . Dieser gütige Herr , der jetzt nicht schlafen konnte , wartete mit Ungeduld auf den Anbruch des Tages . Am Morgen mußte er nach mir schicken : und dann war ich fort . Ich sah ihn , wie er mich vergebens suchte , wie er sich verlassen fühlte und seine Liebe zurückgewiesen sah - wie er litt , vielleicht zur Verzweiflung getrieben wurde . Auch dies fiel mir ein . Meine Hand erhob sich zu dem Schlosse : ich zog sie zurück und schlich weiter . Gedankenlos ging ich die Treppe hinunter : ich wußte , was ich zu thun hatte , und that es mechanisch . Ich fand den Schlüssel zu der Hinterthür in der Küche , ich suchte auch ein Fläschchen mit Oel und eine Feder und bestrich Schlüssel und Schloß damit . Ich genoß etwas Wasser und Brod , denn vielleicht hatte ich weit zu gehen und meine Kraft , die in der letzten Zeit sehr erschüttert war , durfte nicht schwinden . Dies Alles that ich , ohne Geräusch zu machen . Ich öffnete die Thür , ging hinaus und machte sie leise wieder zu . Die graue Dämmerung schimmerte auf dem Hofe . Das große Thor war verschlossen ; aber das Nebenpförtchen war nur eingeklinkt . Durch dieses ging ich ; auch dieses wurde wieder zugemacht , und nun war ich außerhalb Thornfield . Eine Meile entfernt , jenseits der Felder , befand sich ein Weg , der nach der entgegengesetzten Richtung von Millcote führte ; auf diesem Wege war ich nie gegangen , hatte ihn aber oft bemerkt und gedacht , wohin er wohl führen möge ; dorthin richtete ich meine Schritte . Kein Nachdenken war jetzt erlaubt : kein Blick durfte zurück noch vorwärts geworfen werden . Kein Gedanke durfte der Vergangenheit oder der Zukunft geweiht werden . Die erstere war ein Blau , so himmlisch lieblich - so tödtlich traurig — daß mein Muth dahingeschwunden und meine Kraft gebrochen wäre , hätte ich nur eine Zeile davon lesen wollen . Die letztere war eine schauerliche Einöde gleich der Welt nach der Sündfluth . Ich ging um Felder , durch Hecken und Gänge , bis nach Sonnenaufgang . Ich glaube , es war ein lieblicher Sommermorgen : meine Schuhe , die ich angezogen , als ich das Haus verlassen , waren bald vom Thau naß . Doch ich sah weder nach der aufgehenden Sonne , nach dem lächelnden Himmel , noch nach der wiedererwachenden Natur . Wer herausgeführt wird , um durch eine schöne Scene zur Schaffot zu gehen , denkt nicht an die Blumen , die lächelnd an seinem Wege stehen , sondern nur an den Block und das Beil ; an die Trennung von Knochen und Adern , an das klaffende Grab am Ende : und ich dachte an traurige Flucht und heimathlose Wanderung - o ! mit Seelenqual dachte ich an das , was ich verließ ! ich konnte es nicht vermeiden . Ich dachte an ihn jetzt - in seinem Zimmer — wie er den Sonnenaufgang beobachtete , — wie er hoffte , ich würde bald kommen und sagen , ich wolle bei ihm bleiben und die Seine sein . Es verlangte mich , die Seine zu sein ; ich sehnte mich nach der Rückkehr ; es war nicht zu spät : ich konnte ihm noch den bittern Schmerz der Beraubung ersparen . Noch hielt ich mich überzeugt , daß meine Flucht unentdeckt sei . Ich konnte zurückkehren und seine Trösterin werden — sein Stolz — seine Retterin vom Elende — vielleicht vom Untergange . O ! diese Furcht der seiner in Verlassenheit - weit schlimmer als meine eigene Verlassenheit — wie quälte sie mich jetzt ! Sie war wie ein Pfeil in meiner Brust , der mich noch stärker verwundete , wenn ich ihn herauszuziehen versuchte , und der mich krank machte , , wenn die Erinnerung ihn weiter eindrückte . Die Vögel begannen zu singen in Busch und Wald ; die Vögel waren ihren Genossen treu ; die Vögel waren Sinnbilder der Liebe . Und was war ich ? Mitten in meiner Herzensqual und der wahnsinnigen Anstrengung meiner Grundsätze verabscheute ich mich und die Selbstbilligung gewährte mir keinen Trost : auch die Selbstachtung nicht . Ich hatte meinen Herrn beleidigt - verwundet - verlassen . Ich war mir verhaßt in meinen eigenen Augen . Dennoch konnte ich nicht umkehren und keinen Schritt zurückthun . Gott muß mich weiter geführt haben . Leidenschaftlicher Kummer hatte meinen Willen mit Füßen getreten und die Stimme des Gewissens erstickt . Ich weinte heftig , als ich auf meinem einsamen Wege weiterging : doch rasch , rasch ging ich weiter , wie im Fieberwahne . Eine Schwäche , die innerlich begann und sich auf meine Glieder erstreckte , bemächtigte sich meiner und ich fiel hin : ich lag einige Minuten am Boden und drückt mein Gesicht auf den nassen Rasen . Ich hatte einige Furcht - oder Hoffnung - daß ich hier sterben würde , doch ich war bald wieder auf , kroch auf Händen und Füßen weiter , stellte mich dann wieder auf die Füße und war eben so begierig wie entschlossen , die Straße zu erreichen . Als ich dort ankam , war ich genöthigt , mich