sie ihre Spaziergänge aus . Am Johannistag wanderten sie nach Kraftshof und zum Irrhain der Pegnitzschäfer . Die Wege zu vermeiden , die er einst mit Lenore gegangen , war Daniel unbewußt bestrebt . Nicht selten machte ihn Dorotheas überschäumende Laune still und schwer , und er spürte seine Jahre hypochondrisch als Last . War es Schicksalsrache , daß er bisweilen , wenn ein Hügelanstieg kam , den Schritt verlangsamen mußte , während Dorothea vorauseilte und lachend oben wartete ? Sie sah keine Blumen , keine Bäume , keine Tiere , keine Wolken ; aber wenn Menschen sichtbar wurden , geschah immer eine Wandlung in ihr ; da war immer eine Gebärde mehr ; oder ein Zusammenraffen , ein Hinüberspielen . War es auch bloß ein Bauernbursch oder ein Landstreicher , sie drehte sich in den Hüften und lachte um einen Ton höher empor . Die Jugend ist ihr wie Wein zu Kopf gestiegen , dachte Daniel dann . Einmal brachte sie eine Tüte Schokoladeplätzchen mit , und als sie sich satt gegessen hatte und Daniel nichts nehmen wollte , warf sie , was übrig war , achtlos auf die Wiese . Daniel tadelte sie deshalb . » Warum soll ich mich schleppen ? « war ihre unbefangene Antwort ; » wenn man an einer Sache genug hat , wirft man sie weg . « Sie zeigte ihre Zähne und sog gierig die Luft ein . Daniel betrachtete sie . Die ist gefeit , sagte er sich , die ist unverwundbar in ihrer Wunschkraft und Lebensfülle . Und es wollte ihm scheinen , als sei sie von der Art seiner Eva , der Art jener Lichtelfen , deren Heiterkeit manchmal etwas Grausames an sich hat . Aber nun nahm er sich vor , nicht mehr das tückische Ungefähr walten zu lassen , sondern die Hand auszustrecken , wenn es not tat . » Wann werden Sie endlich erzählen ? « fragte Dorothea ; » ich muß , ich muß es wissen , « fügte sie mit Glut des Ausdrucks hinzu , » es gibt mir Tag und Nacht keine Ruhe . « Das war die Wahrheit . Um in seine Vergangenheit einzudringen , die sie sich von bunten und leidenschaftlichen Begebenheiten erfüllt vorstellte , hätte sie alles getan , was er von ihr gefordert hätte . Daniel weigerte sich stumm . Er glaubte , den reinen Sinn des Mädchens zu trüben , ihre Ahnungslosigkeit zu gefährden . Und er hatte Furcht davor , die Schatten heraufzubeschwören . Eines Tages plauderte sie in ihrer leichten Weise , und im Plaudern verstrickte sie sich . Sie hatte begonnen , ihm von den Männern zu berichten , mit denen sie sich abgab , und war dabei unversehens in den Ton gefallen , in welchem sie darüber zu ihrem Onkel Carovius sprach . Als sie ihrer Unvorsichtigkeit inne wurde , stockte sie verlegen . Daniels ernste Fragen zwangen ihr Geständnisse ab , die sie freiwillig nie gemacht hätte ; da kam dann viel Trübes und Häßliches zutage , und es war schwer für sie , sich ganz unschuldig und als Opfer hinzustellen . Zuletzt , da sie nicht mehr entrinnen konnte , mischte sie die Farben zum grellsten Bild und wartete ängstlich und angenehm erregt auf die Wirkung . Daniel schwieg eine Weile , dann bewegte er die flache Hand , als schnitte er etwas entzwei und sagte schroff : » Weg von denen , Dorothea , oder weg von mir ! « Dorothea senkte den Kopf und sah ihn scheu von unten her an . Die Entschiedenheit , mit der er sprach , war ihr neu , mißfiel ihr aber keineswegs . Ein wollüstiger Schauer lief über ihre Glieder . » Ja , « flüsterte sie magdhaft , » ich will ein Ende machen . Ich hab ja gar nicht gewußt , was das alles eigentlich bedeutet . Sei ' n Sie mir nur nicht böse . Nicht bös sein , gelt ? « Sie trat näher zu ihm heran ; ihre Augen waren feucht umschleiert . » Nicht zornig sein , « bat sie noch einmal , » die arme Dorothea kann ja nichts dafür . « » Wie ist ' s denn möglich ! « sagte Daniel ; » hat Ihnen denn nicht geekelt bis ins Herz ? Wie ist ' s möglich , mit dem Gedanken an solche Hyänen unter Gottes freiem Himmel zu wandeln ? Mädchen , in mir zweifelt alles . « » Was hätt ich tun sollen , Daniel , « antwortete sie , und zum erstenmal nannte sie ihn beim Vornamen , mit einer tiefberechneten Mischung von Unterwürfigkeit und Kühnheit , die ihn bezauberte und rührte ; » was hätt ich tun sollen ! Sie kommen , sie reden , sie spinnen einen ein , zu Haus ist ' s so traurig , das Herz ist so öd , der Vater ist so schlecht mit einem , man hat niemand , keinen Menschen auf der Welt ! « Sie setzten ihren Weg fort . Es war ein Waldtal , durch das sie gingen , rechts und links standen hohe Fichten , auf deren Kronen die Abendsonne lag . » Das Schicksal läßt nicht mit sich spaßen , Dorothea , « sagte Daniel ; » es verstattet uns keine Sudeleien und Manschereien , wenn wir in unserer Seelenkraft vor ihm bestehen wollen . Unbestechlich führt es Buch über unser Soll und Haben , und alle Schulden , die wir machen , müssen irgendwo und -wann bezahlt werden . « Dorothea fühlte , daß er im Zuge war , daß nun das Große , Beglückende kam . Sie blieb stehen , breitete ihren Schal auf die Erde und setzte sich in anmutig aufmerksamer Haltung hin . Daniel warf sich neben ihr ins Moos . Und er erzählte , ins Moos hinein , wo kleine Tiere krochen . Er erhob das Auge nicht , die Stimme nicht . Manchmal mußte Dorothea den Kopf niederbeugen , um besser zu hören