vom Augenblick vollendet , auch wenn ihm gewandte Hände und nicht ungeübte Dschamikun zur Verfügung stehen . » Gefällt es dir , Effendi ? « fuhr Tifl fragend fort . » Gefallen ? Das ist zu wenig gesagt . Ich möchte täglich hier stehen und zu ihm aufwärts schauen . Es wohnt ein Wort in diesem Zelte , ein großes , ernstes , und unendlich vertrauensvolles Wort . Es fällt mir jetzt nicht ein ; ich muß es aber finden . « » Vielleicht weiß ich es und kann es dir sagen . « » Du ? « fragte ich verwundert und ungläubig . » Ja , ich ! Freilich bin ich nicht klug genug , hierüber nachzudenken und das Wort zu finden . Aber wahrscheinlich ist es dasselbe Wort , welches der Ustad sagte , als das Zelt fertig geworden war . Er bezeichnet es auch oft mit ihm . « » Welches Wort ist es ? « » Amen ! Wenn er von dem Zelte spricht , so nennt er es zuweilen unser Amen . Ich verstehe das nicht ; aber du wirst es begreifen . « Ja , ich begriff es . Amen ! Das war das richtige Wort . Nun ich es hatte , zeigte mir mein Auge die Bestätigung . Ich hatte bisher nicht auf einen Umstand geachtet , den ich erst jetzt bemerkte . Die Stelle , an welcher das Zelt stand , lag nämlich gerade über dem Etagenbau . Indem ich nun den Linien desselben folgte und sie bis oben weiterführte , sah ich , daß der unten auf der breiten Felsenbasis ruhende und aufwärts immer schmäler werdende Bau bei einer gedachten Weiterführung ein gleichschenkeliges Dreieck bilden mußte , dessen Spitze ganz genau das Zelt berühren würde . War dies Berechnung vom Ustad ? Jedenfalls ! Das Thema der vor mir in Stein erklingenden Predigt hatte mir der Felsengrund im tiefsten Tone heraufzurufen : » Wo warst denn du , o Mensch , als ich die Berge gründete ? Wo stecktest du , als ich die Sonnen einst entzündete ? Wo sind sie alle hin , die hier zum Berge kamen ? Bau auf mein ew ' ges Wort ; steig auf zur Sonne . Amen ! « So sprach der Fels , der einst aus der Tiefe stieg , um alles , was da lebt , emporzuheben . Und nun der Menschenbau ? Seine Lippe war längst erstarrt , hohl , leer und darum stumm sein Mund . Aber seine steinerne Leiche lag vor mir ausgestreckt in jener wortlosen und doch überwältigenden Beredsamkeit , die jedem von der Seele verlassenen Leibe eigen ist . Dann kam die leer gebliebene und also der Zukunft vorbehaltene Baustelle . Was sagte sie ? Sie sprach nur Fragen aus . Wer ist es , der da kommen wird ? Vielleicht einer , der niemals starb ? Der , welcher mitten unter ihnen ist , wenn zwei oder drei versammelt sind in seinem Namen ? Aber wenn er es thäte , würde er in der bisherigen Weise weiterbauen ? Sprach er nicht immer nur von seines Vaters Hause , in dem es viele Wohnungen gebe , und daß er hingehe , sie für uns vorzubereiten ? Warum also hier Stein auf Stein türmen , wenn wir gar nicht bleiben können ? Warum Häuser neben und über Häuser bauen , während für unsere kurze Wanderung ja doch ein Zelt genügt ? Da stand es oben , dieses Zelt , hell leuchtend an der Scheidelinie zwischen Himmel und Erde ! Jahrtausende haben da unten gebaut , stark und fest wie für endlose Zeiten , und doch und doch vergeblich für die Ewigkeit ! Und da kommst du , o Ustad , du Unbekannter , du , der du dem Auserwählten von Chaldäa gleichst , der dort sein Zelt abbrach , um es im Haine Mamre wieder aufzuschlagen . So schlugst auch du dein Zelt da oben auf . Du nennst es das Amen der unter ihm erklingenden Berg- und Felsenpredigt . Ich habe dich verstanden . Möchten doch auch andere dich verstehen ! - - - Ich hätte jetzt noch gern verschiedene Fragen an Tifl gerichtet ; aber da erklangen drüben , ganz unerwartet für mich , die Glocken , und ich sah die Dschamikun erscheinen . Sie bildeten einen Festzug , welcher mir hinter dem dichten Grün der Gärten verborgen geblieben war . Nun er die offene Matte erreichte , mußte ich ihn bemerken . Voran schritt der Pedehr . Ihm folgte eine Anzahl meist graubärtiger Männer , welche zusammenzugehören schienen . » Das ist die Dschemma140 « , sagte Tifl . Nach ihnen kamen die Bewohner des Duar mit allen ihren Gästen , wohl geordnet , doch in beliebiger Reihenfolge , zunächst die männlichen und dann die weiblichen mit den Kindern und dem wirtschaftlichen Zubehör . Sie zogen heran , erst über die grünende Weide , dann durch den duftenden Park . Als der Zug den Tempel erreicht hatte , löste er sich auf . Die Tiere wurden nach dem Waldesrande geführt , wo eine reichlich fließende Quelle frisches Wasser gab . Jedermann ging , wohin es ihm beliebte . Der Pedehr aber kam mit der Dschemma die Stufen heraufgestiegen . Es waren feierliche Augenblicke . Ich fühlte mich ergriffen von dem Gefühle ernster und doch froher Erwartung . Wo aber war der Ustad ? Ich sah ihn nicht . Da bemerkte ich , daß die Männer der Dschemma ihre Blicke aufwärts nach dem Walde richteten . Ich drehte mich um . Er kam . Sein Gewand war kein anderes als das bescheidene , härene , in welchem ich ihn schon gesehen hatte . Er trug keinen anderen Schmuck als nur eine halboffene Rosenknospe an der Brust und eine ebensolche in der Linken . Aber wie er so aus dem dunklen Walde trat und sinnend mild zu uns herniederstieg , mußte ich an das Wort Jesaias , des Sohnes Amos denken : » Wie köstlich sind auf