. Er war so fröhlich und scheinbar wohlwollend , weil er der Überzeugung lebte , ich werde nun lernen , was Leben und Arbeiten sei , und in der Schicksalsschule , der ich so harmlos entgegenreise , gehörig gemaßregelt werden ; denn es war mit den nationalen Leckerbissen , die er auf der Wanderschaft genossen haben wollte , nicht weit her ; Hunger und Durst hatte er gelitten und jegliche Not durchgemacht , nicht aus eigenem Verschulden , sondern aus Unstern . Sein heiterer Abschied war daher eine Art Verwünschung , die er mir auf den Weg gab , obgleich zu meinem Besten , wie er meinte . Auf dem nächsten Stocke , den ich nun besuchte , wohnte ein kleiner Mechanikus , welcher mit allerlei volkstümlichen Genauigkeitswerkzeugen , wie Waagen , Maßstäben , Zirkeln , dann mit Kaffeemühlen , Waffeleisen , Äpfelschälmaschinchen handelte , dergleichen auf Verlangen auch ausbesserte mit Hilfe eines alten Arbeiters . Zugleich aber bekleidete er das Amt eines Eichmeisters über einen Kreis , prüfte Maß und Gewicht und kerbte , schlug und schliff die Zeichen in die betreffenden Gegenstände . Vorzüglich mit den vielen Schenkwirten führte er einen beständigen Krieg , wenn sie mit allen Ränken und öfterm Wechsel ihres Glasgeschirres das Gesetz zu umgehen suchten . Nun trieb ihn die Leidenschaft , nicht nur darüber zu wachen , daß das Geschirr richtig geeicht sei , sondern auch darüber , daß es gehörig gefüllt werde , und er zog von einem Wirtshaus ins andere , um nachzusehen , wo das Getränke unter dem Strich blieb und die Gäste sich das gefallen ließen . Bei dieser Gelegenheit verlor er selbst das Maß und verfiel einem Trinken unzähliger halber Schöppchen , aus dem er sich nicht mehr losnesteln konnte , so genau und scharf er auch jedes einzelne betrachtete , bevor er es zu sich nahm . Noch unrasiert und im Werktagshabit wartete er jetzt auf seinen Morgenkaffee , welchen die Frau still bereitete ; denn sie hielt mit ihren spitzigen Strafreden klug zurück , bis der letzte Rest der Weinlaune , aus welchem er noch Kraft zum Widerstande schöpfen konnte , abgestorben und nur noch die Schwäche übrig war , die sie jeden Tag nutzlos mit Worten zusammenhieb . Der Eichmeister goß in ein zylindrisches Gläschen , das zum Ausgleichen und Abwägen kleiner Mengen diente , etwas Kirschgeist , da die Frau aus Neid oder Bosheit sein letztes Kelchgläschen zerbrochen habe Diese metrische Erquickung setzte er mir vor , während er sich selbst einen tüchtigen Schluck in ein größeres Glas schenkte , als willkommenes Mittel , den Zustand seiner Wehrbarkeit etwas zu verlängern . Im ungekämmten Haare kratzend , sah er mich aus geröteten Augen blitzelnd an , seufzte und behagte die Unsitte , sich den Sonntagmorgen immer durch das lange Sitzen in der Samstagsnacht zum voraus zu verderben . Dann sagte er : » Ich bin Euerer Mutter , Herr Lee , noch den letzten Hauszins schuldig ; es wäre daher nicht schicklich , wenn ich Euch ein noch so bescheidenes Reisegeschenk anbieten wollte . Dafür will ich Euch aber einen guten Rat auf den Weg geben , der Euch , insofern Ihr ihn befolget , nützlich sein wird . Haltet immer auf rechte Gesellschaft und einen fröhlichen Sinn ; aber Ihr möget reich oder arm , beschäftigt oder müßig , geschickt oder ungeschickt sein , geht niemals am Tage ins Wirtshaus , sondern wartet den Abend ab ! Das ist der Standpunkt eines gesitteten und gebildeten Mannes , was ich leider nicht mehr bin ! Und auch am Abend gehet eher spät als früh ; es gibt nichts , das so ehrbar und angenehm wäre als der zuletzt erscheinende Gast , vorausgesetzt , daß er nicht aus andern Wirtshäusern kommt . Freilich kann nicht jeder nach dieser Ehre trachten , weil auch einer oder mehrere die ersten sein müssen , andere die mittleren usw. ; dann aber nehmt Euer bescheidenes Maß entschlossen zu Euch und brecht ebenso entschlossen wieder auf , oder wenigstens hockt nicht mit langweiligem Geschwätz vor leeren Gläsern ; lieber lasset diese nochmals füllen , als daß Ihr dem Wirte auf so niederträchtige Art die Nacht stehlet wie die Tagediebe dem Herrgott den Tag ! Und nun will ich Euch zum guten Abschied noch eichen , daß Ihr in allen Dingen Maßhaltet ! « Er holte ein längliches Futteral herbei , nahm aus demselben ein amtliches Urmaß , fein aus glänzendem Messing gearbeitet , legte es mir an den Hals und sagte : » Bis hier hinauf und nicht weiter dürfen Glück und Unglück , Freude und Kummer , Lust und Elend gehen und reichen ! Mag ' s in der Brust stürmen und wogen , der Atem in der Kehle stocken ! der Kopf soll oben bleiben bis in den Tod ! « Da der blanke Metallstab sich kalt anfühlte , so hatte ich am Halse die Empfindung , wie wenn eine gebieterische Einwirkung in der Tat stattgefunden hätte , und ich wußte nicht , ob Torheit oder Weisheit aus dem Manne sprach . Auch lachte er gleich mir , als er sich zu seinem Frühstück setzte und ich meines Weges weiterging . Nun kam ich an eine verschlossene Türe , was ich eigentlich hätte vermuten können . Dort wohnte nämlich ein unverheirateter kleiner Beamter , der jeden Sonntag , wenn das Wetter es irgend erlaubte , früh wegging und den ganzen Tag fortblieb , um ja nicht zu irgendeiner unvorhergesehenen Verrichtung oder Arbeit geholt zu werden . So warf er auch jeden Tag , sobald es sechs Uhr schlug , die Feder weg und verließ das Lokal , mochte die Arbeit noch so dringend sein . Den Posten , den er bekleidete , verfluchte er unablässig , obgleich er ihm jahrelang nachgelaufen war und fast kniefällig darum angehalten hatte . Er nannte sich ein Opfer » enttäuschter Grundsätze « und besuchte nur solche Gesellschaften , wo seine Vorgesetzten geschmäht wurden , und er verbreitete dort die Meinung , daß