« nicht etwa abgelöst , sondern einfach aufgehoben werden , den freiwilligen Arbeitern Häuser gebaut , gegen welche die der Grabesstraße von Werben armselige Hütten waren , und dergleichen vieles . » Der Baum eines Volkes treibt von unten herauf , « sagte er , und wer hätte etwas dagegen sagen können ? » Seine Wurzeln müssen gedüngt und begossen werden . « Wo Max von Hartenstein lebte , mußte menschenwürdig zu leben sein ; war er ein Egoist , so war sein Egoismus großmütiger Natur . Ja , er trug sich allen Ernstes mit dem Entwurf eines Phalansteriums auf seinem einstigen Grund und Boden , nachdem er für die Errichtung eines solchen in überseeischen Zonen seit seinen Pariser Tagen geschwärmt und schriftstellerisch gewirkt , sogar gedichtet hatte . In der Neuordnung des Eigentums sah er die große Frage der Zukunft und in der republikanischen Freiheit , der sozialen Gleichheit nur ihre Vorläufer . Vorderhand mußte man sich freilich begnügen , das eigene Leben menschenwürdig auszugestalten . Die Einrichtung des Herrensitzes , Anschaffungen , Bestellungen , anzuknüpfende Verbindungen ließen es auch für die unermüdliche Intendantin zu regelmäßigen Pfarrbesuchen nicht mehr kommen . Um so erfreulicher waren die Überraschungen , wenigstens für Freundin Rose . Sidonie war beflissen , sie in ihre Nähe zu ziehen , sie zu sich einzuladen , sich auf ihren Fahrten in Stadt und Umgegend von ihr begleiten zu lassen , und der Vater gönnte seinem Liebling diese Erholung , bevor binnen kurzem sich wiederum ein Trauerschleier über ihren Jugendtag breiten würde . Auch das peinliche Zusammensein der dem Namen nach noch immer Verlobten erhielt dadurch eine für beide Teile wohltätige Unterbrechung . Denn , ohne es auszusprechen , hatte der Vater von der ersten Stunde ab nicht nur die Lösung des Verhältnisses , das seine Kinder ein paar Monate hindurch gequält hatte , klar erkannt , sondern auch ehrend und verstehend deren Grund ; und wenn er die Getrennten dennoch vereint in seiner Nähe hielt , so geschah es in der Hoffnung , daß sie sich stillschweigend wieder in jenes geschwisterliche Verhältnis zurückleben würden , das sie mehr als zwei Jahrzehnte beglückt hatte . Er achtete den Sohn für stark genug , diese schwere Probe zu bestehen , und gönnte ihm die Befriedigung , seinem väterlichen Wohltäter bis zu seiner letzten Stunde eine Stütze zu sein . Nach derselben mochte er frei aus seinem Gemüte heraus die Entscheidung über seine Zukunft treffen . Sein Vögelchen ließ er für ein Weilchen fliegen ! Und da waren es für das Pfarrröschen wohl goldene Stunden , wenn es , in seidene Wagenpolster gedrückt oder im lustigen Schlitten , den der schöne , junge Baron hinter den beiden Damen lenkte , ein zierlicher Jockey zu Pferde vorantrabend , in der Gegend umherschwärmte , Stunden , wie sie das Pfarrröschen wohl für eine Märchenprinzeß geträumt , einen wirklichen Menschen sie aber noch niemals hatte durchkosten sehen . Es mochte der weltlustigen jungen Seele bedünken , als ob das Schicksal sie recht irrtümlich in den Schoß einer still in sich begnügten geistlichen Familie getragen habe . Indem Sidonie die Freundin auf diese Weise ihrer heimischen Sphäre entfremdete , nahm sie den Bruch des Verlöbnisses als ein fait accompli und als des Bräutigams gutes Glück . Hätte sie sein Glück aber auch in Rosens Besitz gesehen , würde sie schwerlich angestanden haben , es auf diesen Bruch ankommen zu lassen , insofern das Wohlbefinden ihres Bruders auch nur auf Momente dadurch gefördert wurde . Es galt , ihn mit starken Reizen an die Heimat zu fesseln . Lydias Wiedergewinn würde der am stärksten wirkende gewesen sein . Aber die Kluge zweifelte nicht bloß an dem aus ihm erblühenden Segen , sondern einfach an seinem Gelingen , und so wurde die leicht zu gewinnende liebliche Rose , coûte que coûte , als Gegenreiz in den Vordergrund geschoben . Dieses von Grund aus gütige , recht und billig denkende Mädchen , das einst seine unglückliche Verwandtin » eine Jesuitin der Familienpflicht « gescholten hatte , es fand jetzt jedes Mittel gut und gerecht für einen Liebeszweck , dem sie sich blind wie einem Schicksalszwang unterwarf . Ach , der Ärmste , den sie ein Johanniskind nannten ! Hätte Freund Peter Kurze ihn gegen Ende des Winters gesehen , er würde ihn nicht , wie zu seinem Anfang , als Hahn im Korbe beneidet haben . Verlassen hatte ihn die Braut , verlassen sein Kamerad ; ohne das Recht des Eingriffs und doch ohne die Freiheit zur Flucht sah er , in der beschämendsten Lage , ratlos und tatlos ein Verhängnis herantreiben , dem er sich mit seiner letzten Kraft hätte entgegenstemmen mögen , und er würde an sich selbst und an aller Menschenhoheit und Treue haben verzweifeln müssen , hätte nicht sein weißes Fräulein fest und ermutigend ihm zur Seite gestanden . Ja , Lydia war ihm geblieben , Lydia und Konstantin Blümel , der herrliche Greis , der sich noch niemals so väterlich ihm zugeneigt hatte wie jetzt , da es galt , die Wunden zu verbinden , die sein liebstes Kind ihm schlug ; die Wunden , welche der Sohn um jeden Preis dem Auge des Vaters - ach nein , jedem Auge - hätte entziehen mögen . Der alte Vater erkannte mit Reue seinen Irrtum , als er dem flügellahmen Vögelchen den Käfig öffnete . Er hatte seinem Liebling den kleinen Finger bewilligt , und der Liebling herzhaft beide Hände ergriffen . Der alte Vater , so todesgewiß er war , er hätte jetzt leben mögen , leben mit Jugendkräften , um den Flatterling wieder einzufangen , das betörte Kind zu überwachen , das strauchelnde zu leiten und es , würdig seiner selbst , nicht mehr , wie er eine kurze Zeit gehofft , dem Gatten am Herzen , aber dem Bruder an der Hand zurückzulassen . Der Greis so wenig wie der Jüngling war erfahren in den Vorspiegelungen , unter welchen eine Leidenschaft sich unbewußt in die Herzen schmeichelt , und