für das , was er liebt , auch sorgen und schaffen will , ja noch mehr , daß er die Geliebte in einer gewissen Abhängigkeit von sich sehen will , ich meine : abhängig von seiner Kraft , seinem Muth , seiner Einsicht . An der Unmöglichkeit , das Verhältniß so zu gestalten , ist manche starke liebe schon gestorben , verzehrt sich manche starke Liebe . So auch meine Liebe zu Dir . Ich kann , wie die Sache jetzt liegt , nur , so zu sagen , im Vorbeigehen für Dich leben , sorgen und schaffen , nicht zu jeder Stunde , jeder Minute , wie ich es wünsche , wie ich es muß , wenn ich glücklich sein will . Auf dem Lande , wo wir , die Nachbarn ungestört und unbelauscht oft halbe Tage lang beisammen sein konnten , ging es noch : und dennoch war das Gefühl der Halbheit so peinlich für mich , daß ich den politischen Verhältnissen dankbar war und gern nach Paris ging , um mir einbilden zu können , es läge zwischen Dir und mir nur die Entfernung und weiter nichts . Hier nun aber , in der großen Stadt , überkommt mich das leidige Gefühl mit doppelter Gewalt ; ja , es ist , als ob der Moment , in welchem wir uns hier getroffen haben , ausgesucht wäre , mir das Verkehrte , das Geschraubte , das Unnatürliche unseres Verhältnisses so recht zu Gemüthe zu führen . Wir stehen hier auf einem Vulkan , der jeden Augenblick zum Ausbruch kommen kann . Schon schwankt der Boden unter unsern Füßen , und ehe noch viele Tage vergehen , werden wir unerhörte Dinge erleben . Ich zittere nicht vor der Entscheidung ; im Gegentheil , ich sehne sie herbei , denn sie ist nothwendig und wird für uns zum Heile ausschlagen . Aber um in den Tagen der Noth und Gefahr , die über unser Volk hereinbrechen , fest zu stehen , um ein ganzer Mann nach außen sein zu können , muß ich erst in mir selbst zur Ruhe kommen , und das kann ich unter diesen Verhältnissen nicht , das kann ich nur , wenn ich weiß , daß ich für Weib und Kinder rede , handle , kämpfe und , wenn es sein muß , falle . Des Barons Stimme zitterte , obgleich er sich augenscheinlich Mühe gab , so ruhig und überzeugend wie möglich zu sprechen . Er hatte sich noch näher zu Melitta gebeugt , die ihr schönes Haupt tief gesenkt hatte . Als er schwieg , blickte sie auf und zeigte Oldenburg ein bleiches , thränenüberströmtes Gesicht . Sie sagte mit leiser Stimme : Wollte Gott , Adalbert , ich könnte Dir , um Deinet- , um meinet- , um unser Aller willen , das Weib sein , dessen Du entbehrst . Weshalb kannst Du es nicht ? Du weißt es . Aber , Melitta , soll denn die Erinnerung an diesen Mann , den Du unmöglich noch Lieben kannst , von dem Du selbst sagst , daß Du ihn nicht mehr liebst , uns ewig trennen ! Hast Du dein Unrecht , wenn es unrecht war , dem Zuge eines Herzens , das sich frei wußte , zu folgen , - nicht durch tausend Thränen gesühnt ? Willst du mir nicht noch , was Du mir immer warst ? Und , wenn doch einmal zwischen uns abgerechnet werden soll , hast Du mir , wenn Du mir würdigst , Deine Gatte zu sein , nicht mehr zu vergessen und zu verzeihen , als ich Dir ? Ist es vernünftig , die Frau zu dem Opfer eines rigorosen Sittengesetzes zu machen , über das sich der Mann mit Leichtigkeit hingesetzt ? Wer hat dies unvernünftige Gesetz geschaffen ? Nicht ich , noch Du - was sollen denn Du und ich sich ihm beugen ? Ich sage Dir , der Tag der Freiheit , der heraufdämmert , wird diese und noch manche Satzung , die ein finsterer Mönchsinn ausgrübelte , die Natur zu knebeln und zu quälen , aufheben und die Blätter , auf denen sie verzeichnet stehen , in alle vier Winde wehen . Wenn dieser Tag kommt - und wenn er mir kommt , erwiderte Melitta : ich will ihn mit freudigem Herzen begrüßen . Ist es wirklich ein Wahn , was mich hindert , in Deine Arme zu fliegen , und zu sprechen : nimm mich , ich will Dein sein nun und immerdar ! - habe Mitleid mit mir ! ich leide ja eben so viel darunter , wie Du ; aber Adalbert : ich bin ein Weib ; und das Weib kann wohl auf den Tag der Erlösung hoffen und harren , aber für diesen Tag kämpfen , wie Ihr , kann es nicht . Und bis dieser Tag kommt , bis ich mich so frei fühle , wie ich mich fühlen muß , wenn ich mit Ehren die Deine sein will , muß es bleiben , wie es ist . Melitta hatte dies mit einer leisen , traurigen Stimme gesagt , und Oldenburg fühlte , das es Grausamkeit sei , weiter in sie zu dringen . Er nahm ihre Hand , küßte sie und sagte : Laß es gut sein , Melitta ! Ich bin geduldig . Und dann : der Tag der Erlösung , den Du erharrst , muß ja doch einmal kommen . In diesem Augenblick wurde die Thür geöffnet , und der alte Baumann meldete den erwarteten Besuch an . Melitta fuhr sich mit dem Taschentuche über die Augen , während Oldenburg Sophie entgegenging , die von ihren Gatten und Bemperlein begleitet , so eben zur Thür hereintrat . Melitta und Sophie sahen sich heute Abend zum ersten Male , aber man bemerkte nichts von der Förmlichkeit einer ersten Begegnung . Die beiden Damen hatten von einander ( besonders Sophie von Melitta ) so oft und so viel gehört , daß sie sich selbst bis auf die