meiner Zurückkunft zu der Fürstin , um mich ihr vorzustellen . Sie war selber erst vor wenigen Tagen von ihrem Lieblingslandsitze in die Stadt zurückgekehrt und noch nicht recht heimisch . Sie empfing mich sehr freundlich wie immer , und fragte mich um meine Beschäftigungen während des Sommers . Ich konnte ihr nicht viel sagen , und erzählte ihr außer den Messungen , die ich am Lautersee vorgenommen hatte , von meinen Kunstbestrebungen , meiner Kunstneigung und meiner Liebe zu den Dichtungen . Von den besonderen Verhältnissen zu meinem Gastfreunde erwähnte ich nur das Allgemeine , weil ich es für anmaßend gehalten hätte , einer alten , würdigen Frau , deren Beziehungen ausgebreitet und inhaltsreich waren , unaufgefodert Einzelheiten von meinem Leben mitzuteilen . Sie ging auch nicht näher darauf ein , dafür verweilte sie desto eifriger bei der Kunst und bei den Dichtern . Sie fragte mich , was ich gelesen hätte , wie ich es aufgefaßt hätte , und was ich darüber dächte . Sie zeigte sich hiebei mit allen den Werken bekannt , welche ich ihr nannte , nur hatte sie das Griechische , von dem ich ihr erzählte , bloß in der Übersetzung gelesen . Sie ging im allgemeinen auf die Gegenstände ein , und verweilte bei manchem einzelnen ganz besonders . Unsere Ansichten trafen oft zusammen , oft gingen sie auch auseinander , und sie suchte ihre Meinung zu begründen , was mir zum mindesten immer manche neue Gesichtspunkte gab . In Bezug auf die Kunst verlangte sie , daß ich ihr einige Zeichnungen und Malereien zeigen möchte , deren Wahl ich selber vornehmen könne , wenn ich schon nicht alle vor ihre Augen bringen wollte . Ich sagte , daß alle wohl zu viel wären , namentlich , da ich in erster Zeit so viele bloß naturwissenschaftliche Zeichnungen gemacht habe , und daß ich selber die Gränze nicht angeben könne , wo die naturwissenschaftlichen Zeichnungen in die künstlerisch angelegten übergingen . Ich würde aus allen Zeitabschnitten etwas auswählen und es ihr bringen . Es wurde ein Tag bestimmt , an welchem ich zur Mittagszeit zu ihr kommen sollte . Ich kam an dem Tage , es war niemand als die Vorleserin zugegen , und es wurde der Befehl gegeben , niemanden vorzulassen ; denn ihr allein hätte ich ja die Zeichnungen gebracht , nicht jedem fremden Auge , das dazu käme . Sie sah alle Blätter an und billigte alle , besonders erregten naturwissenschaftliche Pflanzenzeichnungen ihre Aufmerksamkeit , weil sie sich viel mit Pflanzenkunde beschäftigt hatte , noch jetzt Anteil an dieser Wissenschaft nahm , und sie besonders bei ihren Landaufenthalten pflegte . Sie freute sich an der Genauigkeit der Abbildungen , und sagte mir ganz richtig , welche den Urbildern am meisten entsprächen . Nach diesen Pflanzenzeichnungen sagten ihr am meisten die der Köpfe zu . An den landschaftlichen Versuchen mochte ihr die Einseitigkeit aufgefallen sein , da sie gewiß eine Kennerin landschaftlicher Bildungen war , weil sie sehr gerne im Sommer einige Wochen an irgend einer der schönsten Stellen unseres Landes verweilte . Sie äußerte sich aber in dieser Richtung nicht . Von den Köpfen sagte sie , daß man auf diese Weise eine ganze Sammlung merkwürdiger Menschen anlegen könnte . Ich erwiderte , darauf sei ich nicht ausgegangen , ich könnte auch nicht so leicht beurteilen , wer ein merkwürdiger Mensch sei . Es habe mir nur , da ich lange Zeit Gegenstände der Natur gezeichnet hatte , eingeleuchtet , daß das menschliche Antlitz der würdigste Gegenstand für Zeichnungen sei , und da habe ich die Versuche begonnen , es in solchen auszudrücken . Ich habe anfangs dabei unwissend fast immer die Richtung von Naturzeichnungen verfolgt , bis sich mir etwas Höheres zeigte , dessen Darstellung darüber hinausgeht , das uns erst die Züge und Mienen recht menschlich macht , und dessen Vergegenwärtigung ich nun anstrebe , in Ungewißheit , ob es gelingen werde oder nicht . Sie fragte auch nach denjenigen von meinen wissenschaftlichen Bestrebungen , die ich im Zusammenhange aufgeschrieben habe , und ließ den Wunsch blicken , etwas Zusammengehöriges zu erfahren . Die Geschichte , wie unsere Erde entstanden sei , und wie sie sich bis auf die heutigen Tage entwickelt habe , müßte den größten Anteil erwecken . Ich entgegnete , daß wir nicht so weit seien , und daß ich am wenigsten zu denen gehöre , welche einen ergiebigen Stoff zu neuen Schlüssen geliefert haben , so sehr ich mich auch bestrebe , für mich und , wenn es angeht , auch für andere so viel zu fördern , als mir nur immer möglich ist . Wenn sie davon und auch von dem , was andere getan haben , Mitteilungen zu empfangen wünsche , ohne sich eben in die vorhandenen wissenschaftlichen Werke vertiefen und den Gegenstand als eigenen Zweck vornehmen zu wollen , so werde sich wohl Zeit und Gelegenheit finden . Sie zeigte sich zufrieden , und entließ mich mit jener Güte und Anmut , die ihr so eigen war . Seit dieser Zeit verwandelte sich mein Verhältnis zu ihr in ein anderes . Da ich nun einmal unter Tags in ihrer Wohnung gewesen war , geschah dies öfter , entweder , wenn wir Werke oder Abbildungen anzuschauen hatten , wozu das Licht der abendlichen Lampen nicht ausreichend gewesen wäre , oder wenn sie mich zu Gesprächen einladen ließ , die dann gewöhnlich zwischen ihr , ihrer Gesellschafterin und mir vorfielen - selten geschah es , daß einer ihrer Söhne gelegentlich anwesend war oder eine Enkelin oder jemand von ihren näheren Anverwandten - , und bei denen meistens die Geschichte der Erde oder etwas in die Naturlehre Einschlägiges der Gegenstand war . Öfter machte ich auch selber einen kurzen Besuch , um mich um den Zustand ihrer Gesundheit zu erkundigen . Auch die Abende kamen in Bezug auf mich in eine andere Gestalt . Da wir einmal von Dichtungen geredet hatten , mit denen ich mich in der letzten Zeit beschäftigte , und da gerade