Anatomie geliefert werden mußten , das Hospitiren der Nichtmediciner gestattet ward . Jedermann weiß , daß diese nicht wissenschaftliches Interesse , sondern einzig und allein Neugier und wollüstiger Kitzel an den Secirtisch treibt . Man ergetzt sich in Gemeinschaft an schönen Formen und unzarten , wo nicht sittenlosen Witzen , die man auf Kosten des vorliegenden Leichnams oder des ganzen wehrlosen Geschlechtes macht . Nach einer andern gesetzlichen Bestimmung mußten alle unehelichen Kinder , wenn sie vor dem zurückgelegten vierzehnten Jahre starben , unausbleiblich auf die Anatomie geliefert werden ! Wahrscheinlich sind die Gesetzgeber bei dieser höchst moralischen Bestimmung der Ansicht gewesen , die bis heut noch leider allgemein verbreitet ist , daß jede vom Priester nicht eingesegnete Verbindung eine sündhafte sei und der erkauften Liebe gleichkomme ! Eine entsetzliche , verdammenswürdige Annahme , die jede reine Neigung tödtet , die alle wahre Sittlichkeit gänzlich untergräbt ! Weit entfernt , die Ehe herabsetzen zu wollen , bin ich doch fest übezeugt , daß mehr ehelich geborene Kinder unkeuschen Umarmungen ihre Entstehung verdanken , als unehelich geborene , und doch entblödet man sich nicht , diesen Schuldlosen einen Fehl , einen Flecken anzudichten , der sie in den Augen der vorurtheilsvollen Menge der übrigen Menschheit gegenüber herabsetzt . Am schrecklichsten aber und gradezu unmenschlich erschien mir die grausame , aller christlichen Liebe hohnsprechende Verordnung , nach welcher alle Leichname gefallener Dienstmädchen , wenn auch seit ihrem Falle ein Zeitraum von vierzig Jahren vergangen sein sollte , der Anatomie anheimfallen . Merken Sie wohl , nur der Dienstmädchen , gefallene Töchter der Bürger und des Adels unterliegen dieser Strafe , die mithin nur für die Armuth erfunden worden ist , nicht.1 Schon wollte ich mich in mein Schicksal fügen , als ich aufmerksam gemacht wurde , daß vielleicht durch persönliche Rücksprache mit einem hochgestellten Manne ein Tausch bewerkstelligt werden könne . Man lobte die Höflichkeit und Zuvorkommenheit dieses Mannes und ich ging der todten Schwester zu Liebe zu ihm . In der That fand ich einen der einnehmendsten Männer in ihm , die mir je vorgekommen sind . Jung , interessant , sehr lebhaft und überaus galant , behandelte er mich wie eine Dame . Dies gewann ihm sogleich mein Vertrauen , denn ich war bisher immer nur an unfreundliche Befehle gewöhnt . Meinen inständigen Bitten schien er nicht abgeneigt . Er versprach mir , sich zu erkundigen , ob eine Vertauschung , ohne Verdacht zu erwecken , möglich sei , und bat mich , ihn Abends nach Sonnenuntergang nochmals mit meinem Besuche zu beehren . Beruhigter kehrte ich zu meiner Herrschaft zurück , die mich sehr ungnädig aufnahm . Unverdiente Vorwürfe und bittere Schmähungen mußte ich ohnehin so tief Gebeugte über mich ergehen lassen . Sie kündigte mir den Dienst , da sie ein Mädchen , auf welches die ganze Stadt mit Fingern deutete , nicht um sich haben möge . - Ich ertrug Alles schweigend und konnte den Abend kaum erwarten , der mir Gewißheit bringen sollte . Er kam , ich besuchte den Mann , der mir allein noch helfen konnte , abermals . Noch höflicher , als am Tage , empfing er mich . Es wird sich thun lassen , mein schönes Kind , sagte er . Noch in dieser Nacht soll ein anderer weiblicher Körper abgeliefert werden . Niemand weiß davon und so kann ich Dir gegen Morgen Deine arme Schwester wieder geben . Ich war gerührt , entzückt , drückte dem gütigen Manne im heißen Dankgefühl die Hand und bot ihm all mein baares Geld für seine Großmuth an . Lächelnd schlug er es aus . Das behalte für Dich , Du wirst es schon brauchen , sagte er . Weit lieber wäre mir ein Kuß von den schönen Lippen , die so anmuthig danken können . Werd ' ich vergeblich darum flehen ? - Er sah mir so freundlich , so mild und gutherzig in die Augen , und ich fand den Gefälligen in jenem Augenblick so schön und wahrhaft liebenswürdig , daß ich mich nicht lange besann . Weinend sank ich an seine Brust , schlang meine Arme um seinen Nacken und preßte meine Lippen fest an seinen Mund . Lange hielten wir uns umschlungen , wir fühlten den beschleunigten Schlag unserer Herzen . Als ich mich endlich aus den Armen des vortrefflichen Mannes wieder losmachen wollte , fühlte ich mich in der heftigsten Aufregung . Der gütige Vermittler entließ mich nicht . Von Neuem umschlang , drückte er mich an sich . Es ist um Deine Schwester ! flüsterte er mir zu , und dies Zauberwort hätte mich damals selbst in der Hölle fest gehalten . Seinen Bitten konnte ich nicht widerstehen . Ich blieb , blieb lange , lange , und als ich von ihm ging , hingen Thränen an meinen Wimpern , Thränen , die nicht meiner Schwester , die mir selbst galten ! Jetzt hätte ich neben der Todten niederknien und auf ihren kalten Mund einen Kuß der Vergebung drücken mögen . Was war ich mehr , als sie ? Konnte ich nicht gleich ihr endigen , nun ich gefallen war , wie sie ? - « Verstohlen , dem Monde ausweichend , um den Schatten meiner Gestalt nicht zu sehen , schlich ich nach Hause . Schlaflos brachte ich die Nacht unter Thränen , unter Gebet , unter entsetzlichen Vorwürfen hin . Als der Morgen graute , verließ ich mein ärmliches Lager , das mir zur Folterbank geworden war . Ueber die öden Gassen eilte ich schnellen Laufes nach der Anatomie . Da schmetterte mich die trockene Antwort nieder , daß der versprochene Leichnam untauglich sei und mir demnach die Schwester nicht verabfolgt werden könne ! - - Dabei blieb es . Therese verfiel dem Messer des Anatomen und ich hatte meine Jugend , meine Unschuld , meine Ehre einem Phantom geopfert ! Von meiner Dienstherrschaft entlassen , das Augenmerk der ganzen Stadt , für die ich nur die Schwester der schönen Selbstmörderin war , blieb mir nichts übrig