! « rief Leonin , von Gedanken-Verbindungen fast überwältigt . - » Was kann er mir zu sagen haben ? O , mein Gott ! Er , der ihr so nahe stand ! Ich muß hin zu ihm - ich muß ihn sehen . - Weißt Du den Weg , so führe mich ! « » Gottlob ! « frohlockte das Kind mit schnellversiegenden Thränen - » folgt mir nur , ich weiß den Weg ! « Leonin öffnete hastig eine kleine Nebenpforte , die in die Höfe führte . Hier rief er selbst seinem Kutscher zu , ihm schnell ohne Bedienten und Livreen mit der einfachsten Karosse zu folgen . » Wohin ? « rief er dem Knaben zu . » Nach St. Sulpice , neben dem Kloster in dem Stiftshause ! « erwiederte der Knabe , und Beide eilten davon . Das Stadtviertel St. Sulpice war die entlegenste und unscheinbarste Gegend von ganz Paris . Felder und Gärten drängten sich zwischen geringen Anbau . Einzelne Straßen bildeten sich nur in der Nähe der Klöster , die ihre reichen Ansiedelungen hier in großer Menge hatten . Doch waren diese Straßen mit Gewerbetreibenden niederer Klasse überfüllt , und die gewöhnliche Zugabe der Armuth , bettelnde Kinderschaaren , gab der ganzen Gegend ein trauriges Ansehn . Jedem drängte sich die Thatsache auf , wie hier nur um die Erringung der gewöhnlichsten Lebensbedürfnisse gekämpft werde , und daß Alles vergessen und verwildert bei Seite trete , was eine Anforderung darüber hinaus enthielt . Die Klöster und Stifts-Herren von St. Sulpice hatten hier die weitläufigsten Besitzungen und verbreiteten , so viel dies bei ihrem strengen Ordensleben möglich war , einigen Wohlstand um sich her . Mehr aber noch war ihre geistliche Sorgfalt , ihre zweckmäßige Unterstützung und die ernstlichen Ermahnungen , mit denen sie einzuschreiten wußten , Ursache , daß dieser Theil von Paris nicht wie der ärmste , so auch der gefährlichste Theil der Stadt ward ; da die Furcht vor der strengen Aufsicht dieser achtbaren , geistlichen Herren eine unverkennbare Herrschaft über die Verdorbenheit ausübte , die ganz auszurotten , nicht in ihrer Macht stand . Vielleicht hatte Leonin kaum eine Ahnung von dem Dasein dieses Stadttheiles ; wenigstens schien es ihm , als er in fieberhafter Aufregung neben dem rüstig forteilenden Knaben herging , als wäre er in einer andern Stadt ; Alles , was ihn seine Stimmung beobachten ließ , war ihm völlig fremd . » Der gute Herr Lesüeur , « hob endlich der Knabe an - » ist schon lange in Pflege bei uns . Jeder glaubte ihn des Todes , als er einzog . Aber die ehrwürdigen Herren haben ihn gut gepflegt , so daß er noch seine heilige Theresia fertig bekommen hat ; obgleich wir oft dachten , er hauche bei der Arbeit den Geist aus . « » Ja , der ist gut , Herr , « fuhr er fort - » da ist auch nicht Einer , der ihn nicht liebte ! Denn fromm ist er und still wie ein Heiliger ! Darum müßt Ihr auch kommen , damit Ihr ihm die letzte Unruhe der Welt von dem Herzen nehmt . « » Mein Gott ! mein Gott ! « seufzte Leonin - von Ahnungen und Befürchtungen angeregt , unfähig , sich aus dem Andrange so vieler Empfindungen heraus zu ringen , den nächsten Augenblick instinktartig erwartend und von ihm die Richtung hoffend . Der Knabe erzählte ihm , daß er der Sohn des Pförtners sei und Lesüeur Farben gerieben habe , indem er den langen , beschwerlichen Weg durch die Verfolgung kleiner Nebengäßchen kürzte , die nur dem gut bewanderten Bewohner dieses unregelmäßigen Stadttheiles bekannt werden konnten . - Endlich verfolgten sie eine lange Mauer , über die hohe Bäume im Abendwinde nickten , welche die Nähe eines reicheren Besitzes verriethen . An einem Gitterthore schellte der Knabe , und sie traten in einen ebenmäßigen Laubgang , der das große Stiftshaus in der Perspektive zeigte ; auf beiden Seiten die weiten dazu gehörigen Gärten , an die sich links , durch die Bäume leuchtend , die Kirche mit den Klostergebäuden von St. Sulpice anschloß . - Leonin athmete auf ! Diese Ruhe und Stille , diese Abgeschiedenheit , die doch in ihrem Inneren eine so würdige Thätigkeit bewahrte - es war nicht sogleich nachzuweisen , am wenigsten in Leonin ' s Ueberzeugung ; - aber der Geist , den die Wahrheit solcher Zustände ausathmet , umfängt uns und erreicht unser Bewußtsein , ehe der dürre Nachweis unseres Verstandes hinzu tritt . Er hob das Haupt - er blickte erquickt umher - zwischen den Bäumen sah er die schwarzen Gestalten der wandelnden Stiftsherren , und aus der Gegend des Klosters vernahm er einen mehrstimmigen Gesang , der ihnen zu folgen schien . Der Knabe blieb stehen . - » Ach , da kommen sie ! « rief er plötzlich , auf seine Knie fallend . - » Sie ziehn nach dem Stiftshause - er bekömmt die letzte Oelung - sie tragen das Allerheiligste ! « Auch Leonin blickte jetzt um und sah die feierliche Prozession der Mönche , die in einem zweiten Baumgange , der nach dem Seitenflügel des Stiftes zu führen schien , an ihnen vorüber zog . Er war unaussprechlich davon ergriffen . Er fühlte , daß es noch eine Rettung , einen Trost für die Fehler des Menschen giebt . Seine in verzweifelnder Verwirrung zuckende Seele fand einen Stillstand . Eine Stimme , die sich aus dem Gesange der Mönche zu erheben schien , rief ihm zu : » Ruhe aus vor Gott in den Armen der Reue ! « - Er hätte sein Gesicht in dem Moose bergen mögen , das um die alten Bäume sein Lager ausbreitete - er hätte liegen bleiben mögen , bis die Zeit ihm Nachdenken gegeben und einen stillen , einsamen Weg ihm gezeigt , um Frieden mit Gott zu schließen ; - aber , indem er sich diesem Triebe entzog , aus Angst