lenken , abstehen müssen und unsere geringen Kräfte kennen lernen , welche Jugend und Unerfahrenheit uns überschätzen lassen . Doch diese Erkenntniß ist mehr , als alles Andere , eine Gnade des Himmels , und kein süßeres Glück ist , als still harren auf den Willen des Höchsten . Ja , sagte Maria , unwillkürlich Antheil nehmend , ich habe eine Ahnung von dem Frieden der Seele , in dem jeder Widerstand sich auflöst , weil der Einklang gefunden ist mit uns und der Außenwelt . Aber dies ist das Ziel , nicht der Weg . Nimmer mögen wir dahin gelangen , wenn wir uns nicht in der Theilnahme aller unserer Kräfte , kämpfend und wieder kämpfend , und zu immer neuen Fragen ans Leben bereit erhalten , bis wir alle Antworten vernommen haben , die möglich sind , und nöthig zum Frieden mit uns selbst ; und wenn dazu Muth und Kräfte schwinden , setzte sie schwermüthig hinzu , dann ist uns das Härteste geschehen . Ach , seufzte Electa nach einer kleinen Pause , junges kühnes Gemüth , wie gefährlich ist ein dergestalt herausforderndes Treiben . Der Frieden , den ich meine , ist ein Gnadengeschenk des Himmels , das hernieder fließt , ohne unser Verdienst , ohne unser kühnes Ringen . Ich verstehe Euch zum Theil nicht , doch , wie mir scheint , glaubt Ihr diese Gabe Euch selbst mit Euern menschlichen Kräften erwerben zu können . Vergebt , aber mich schaudert vor dem Gedanken , das höchste Gnadengeschenk durch den Hochmuth der Menschen verunglimpft zu sehn . Die Welt ist die Versuchung , der wir entsagen sollen , um Frieden zu finden . Wir können nicht mit der Welt im Einklang sein und zugleich auch mit dem Willen Gottes , denn die Welt verlockt uns stets zum Widerspruch gegen denselben , ehe wir Alles in ihr als eine Versuchung zum Bösen ansehen lernen und ihr gänzlich absagen . Mein Geist ist müde und schwach , erwiederte Maria sanft , und ich möchte Euch kein Aergerniß geben , da Ihr sicher gefunden habt , was Ihr als ein unmittelbares Gnadengeschenk Gottes anseht . Nein , nein ! unterbrach Electa hier die angefangene Rede mit mehr Eifer , als Maria diesem stillen Wesen zugetraut . Nein , glaubt nicht , daß ich zu den Gewürdigten des Herrn gehöre , denen er seinen Frieden gab . Wenigen nur wird so großer Lohn zu Theil , Wenigen nur ; und ich trage den Fluch der Welt noch auf meinem verlockten Geist , und mein Gebet ist unfruchtbar und kann diese Seligkeit nicht hernieder flehen . Zehn Jahre sind es , daß ich in wahrer reumüthiger Erkenntniß einer Welt entsagt , die den Gesetzen christlicher Demuth Hohn spricht , und die empfangene Sünde hat noch ihren Stachel in mir zurückgelassen . Und Ihr , armes junges Wesen , scheint in dieser Welt und unter allen ihren zahllosen Verlockungen die Erlangung des Friedens zu hoffen , der selbst da ausbleibt , wo alle Versuchungen der sündigen Welt vor diesen heiligen Mauern umkehren . Maria konnte nicht ohne Theilnahme die tiefe Zerknirschung , den peinlichen Zustand der armen Seele sehn , die unter dem Schleier stiller Ergebung ein so unruhig kämpfendes Herz barg . Es ist nichts so wirksam , ein edles Gemüth aus den Banden des eignen Kummers zu erlösen , als der Blick auf ein fremdes Seelenleiden , welches bei jungen Personen überdies noch stets den Wunsch belebt , einwirkend zu helfen ; während längere Erfahrung uns die Unzulänglichkeit dieses frommen Eifers einsehen läßt und uns mehr blos zum theilnehmenden Zuschauer macht . Ihr fandet also auf dem eingeschlagenen Wege nicht den Frieden , nach dem Ihr trachtet ? hob Maria nach einer kleinen Pause gutmüthig forschend an . Ihr hättet Euch in der Welt erst mit ihr versöhnen müssen , jetzt steht sie wie eine Feindin hinter Euch , und der Haß , den Ihr empfindet , stört eben Euern Frieden , und er kömmt nimmer von Gott . Seine Welt ist eine heilige Offenbarung , und unsere Unvollkommenheit ist es , wenn wir sie mit Sünden belastet sehn . Sprecht nicht so , Ihr wißt nicht , was Ihr sagt , und daß Ihr im Irrthum seid ! Es ist Gottes Wille , daß wir die Welt hassen sollen , um uns davon los zu reißen und dem Himmel in seiner reinen Herrlichkeit uns zuzuwenden . Um der Unsterblichkeit unserer Seele willen müssen wir den ewigen Tod der Sünde fliehen ; uns kann nur Ruhe in dieser Welt , Versöhnung in jener werden , wenn wir die Versuchung hassen lernen und im Gefühl unserer Schwäche davor fliehen . Ihr seid noch in der unglücklichen Sucht befangen , Euch selbst zu berathen , daher hofft Ihr so weltlich , weil das Weltliche Eurer sündigen Neigung zusagt . Erst wenn wir uns selbst verlassen und die ganze Last unserer Verantwortung einem Gotterfüllten Führer anheim stellen , erst dann sehen wir ein , wie nutzlos wir uns abmühten in der eigenen regellosen Thätigkeit . Eine Gnade Gottes ist der geistliche Gehorsam , dem wir allein dann angehören , und von bevorrechteter geistlicher Erkenntniß gelenkt , werden wir von der Sünde entfernt . - Aber auf welchen Wegen glaubt Ihr , sprach Maria , daß jene Gotterfüllten , bevorrechteten Führer fähig wurden , uns Irrende zu leiten und verantwortlich für uns zu werden ? Glaubt Ihr nicht , daß sie mit sich selbst erst anfingen und der Selbstberathung nicht überhoben waren , um ihren Geist zu der Höhe zu führen , die sie nun erst für Andere zu einem schützenden Vormund ihrer schwächern Seele macht ? Die heilige Kirche , erwiederte Electa , verleiht ihren Dienern , ohne sie durch die befleckenden Wege gewöhnlicher Menschennoth zu führen , die Höhe und Heiligkeit , von welcher den Schwächern mitzutheilen sie berufen sind . Ein ganzes Leben , in heiliger Einsamkeit und Unschuld zugebracht , ein Leben , an das nie ein irdisches Verlangen