gab doch ein verfehltes Fest zu Ehren des byzantinischen Stils . « » Wie soll ich das verstehn ? « fragte Hermann . » Sie wissen « , versetzte der Spötter , » daß die Meyer mit fester Treue an jenen langen spinnenbeinigen Gestalten , an den gebräunten Schwarten und glitzernden Goldgründen hangengeblieben ist , welche die übrige Welt nun auch schon wieder zu ermüden beginnen . Das wissen Sie aber nicht , und wir wußten es auch nicht , daß sie im stillen beschlossen hatte , das Ihrige werktätig zur Auferweckung dieses kindlichen Stils beizutragen . Eines Tages , kurz nach Ihrer Abreise , erhielten die nächsten Freunde des Hauses Einladungen zu einem Frühstücke . Sie waren nicht förmlich , sondern der eine sollte dem andern wissen lassen , daß , wenn man sich von ohngefähr zu der und der Stunde einfände , man willkommen sein würde . Wir schlossen aus diesen Anstalten zu einer Vereinigung durch Zufall , daß etwas Besondres im Werke sein müsse , und verfehlten nicht , uns sämtlich einzustellen . In einem Vorgemache trafen wir Wilhelmi , der uns unter allerhand Gesprächen dort zurückhielt , dann wie zufällig die Tür öffnete , und uns in die Kapelle führte , wo uns denn durch Zufall der Anblick eines lebenden Bildes ward . Die Meyer stand nämlich , durch Diadem , gescheiteltes Haar und altdeutsches Gewand der heiligen Elisabeth verähnlicht , in einer Blende , zu welcher Stufen emporführten , und reichte aus einem Korbe , den ein schöner Knabe ihr vorhielt , Semmeln und Wecken an arme Leute , welche von den Stufen oder von dem Fußboden der Kapelle in mannigfaltigen Stellungen zu ihr emporsahn . Einige Dienstmägde in ansprechender Kleidung vollendeten die Gruppe , welche wirklich ein recht artiges Tableau bildete . Die Zofen verrieten durch ihr Blinzeln , daß sie uns wohl bemerkten , während die Meyer mit niedergeschlagnen Wimpern tat , als habe sie unser leises Eintreten nicht wahrgenommen , und durch Wählen und Verwerfen der Eßwaren im Korbe die armen Leute in ihren Stellungen festzuhalten wußte . Endlich mußte man uns aber doch sehen , und nun löste sich das lebende Bild schnell auf . Die heilige Elisabeth kam , anscheinend überrascht , von den Stufen herab , bewillkommte uns höflichst , der Junge mit dem Brotkorbe lief davon , ihm folgten die armen Leute , und auch die Dienstmägde verloren sich still durch Seitentüren . Man servierte uns hierauf in der Kapelle Schokolade und Likör , doch wußte die Meyer das Gespräch durchaus in einer religiös-gemütvollen Schwingung zu erhalten , wobei ihr Wilhelmi trefflich sekundierte . Nur die Vertrautesten des Hauses waren eingeladen worden ; die Gesellschaft betrug nicht über zehn Personen . Wie gewöhnlich , wurde nur von Kunst gesprochen . Die Meyer äußerte fromm-seufzend den oft vorgetragnen Wunsch , daß die Maler sich doch nur alle erst zu jener ältesten kindlichsten Auffassung zurückwenden möchten , durch welche allein das Höchste und Tiefste darzustellen sei . Das letztere wurde ihr zwar in diesem zu gefälliger Nachgiebigkeit eingewöhnten Kreise einstimmig zugestanden , dagegen erhoben sich bescheidne Zweifel , ob jene alte Kunst mit Glück wieder heraufzubeschwören sei . Man hat doch nun einmal Jahrhunderte hindurch seinen Blick für die menschliche Gestalt , wie sie ist , und für die übrigen Dinge , wie sie wirklich erscheinen , geöffnet , sagten einige . Wie sollte man also die Augen wieder verschließen können , und den Menschen zumuten dürfen , anstatt der Muskel eine Linie , gewissermaßen eine Chiffre anstatt des verständlich ausgeschriebnen Worts anzunehmen . Da diese Sätze , welche in mannigfachen Nutzanwendungen erläutert wurden , den gesunden Menschenverstand für sich hatten , so trieben sie unsre gute Wirtin etwas in die Enge . Sie warf einen ängstlichen Blick auf Wilhelmi , der denn auch die Stimme erhob und sich also vernehmen ließ : Die Kunst , sagte er , sieht wohl nie die Dinge , wie sie sind , hat sie nie so gesehn , und noch weniger in ihrer Reinheit jemals versucht , sie so nachzubilden . Wollte man dies annehmen , so käme man auf jenes System von der Nachahmung der Natur zurück , welches denn wieder den Gemälden den höchsten Wert beilegen würde , in welchen sich die getreuste Abschrift der menschlichen Haut mit allen Haaren , Mälern , Warzen und Schrunden zeigt . Diese Wahnmeinungen sind aber abgetan , und man braucht sie kaum noch zu bestreiten . Aber was sieht denn die Kunst , und was versucht sie darzustellen ? fragte jemand . Den Geist in der Natur , versetzte Wilhelmi , oder vielmehr die Form , welche der jedesmaligen Evolution des Geistes draußen in der Welt der Erscheinungen entspricht . Die Kunst ist geistiger Abkunft , sie erscheint immer im Gefolge irgendeiner großen religiösen , philosophischen oder poetischen Bewegung , selten mit ihr zugleich , meistenteils etwas nach ihr . So schuf Phidias in seinem erhaben-strengen Stile gewissermaßen noch einmal die ernsten Betrachtungen des Thales und der Pythagoräer aus , welche dieser Kunstepoche vorangegangen waren , so waren die späteren schönen und anmutigen Werke Nachklänge der allgemeinen Geistesblüte der Griechen , in welcher die reichste Mannigfaltigkeit nur die einfachste Harmonie umkleidete . Und um nun auf unsre byzantinischen Bilder zu kommen , so sehe ich in ihren steifen , schmalen , langen Gestalten , in ihrer symmetrischen Anordnung keinesweges eine so unschuldige Kindlichkeit , die nicht weiß , was sie will und erstreben möchte . Vielmehr erscheint mir hier auf der Holztafel und in Farben dieselbe Richtung , welche sich kurz zuvor auf dem reingeistigen Felde der Scholastik veroffenbart hatte . Das Christentum hatte die Welt von Grund aus umgekehrt , und der menschlichen Seele ein Gebiet eröffnet , auf welchem sie sich nur tappend bewegte . Durch die Scholastik suchte sie sich zu orientieren , das schwankende Göttliche auf die Festigkeit des Begriffs zu bringen , das unerklärbar-Eine durch die Entgegensetzungen dem Dialektik dem Verstande anzunähern . Die erste Kunstform , welche nach