keinen Unbekannten begrüßen würde , und er befürchtete unangenehme Folgen dieser Vergeßlichkeit . Es war nicht zu verkennen , daß ein Schatten von Unmuth über das Gesicht des Grafen flog , als sein Blick dem des ihm vorgestellten Verwundeten begegnete . Die leise Hoffnung , daß er ihn nicht wieder erkennen würde , verließ den jungen Mann , Verlegenheit und Scham färbten sein Gesicht mit dunkler Röthe , und drohten ihn aller Fassung zu berauben . Der Graf hatte bald das in ihm aufsteigende Gefühl besiegt und sagte höflich , wenn auch mit einiger Kälte : Da ich das Vergnügen habe , Herr von Wertheim , Sie bei mir zu sehen , so muß ich glauben , daß Sie Ihre Ansichten über mich , die Sie bei unserm ersten Zusammentreffen so unverholen äußerten , geändert haben , und diese stillschweigende Erklärung ist mir im gegenwärtigen Augenblicke genügend , um jedes Mißverständniß zwischen uns aufzuheben . Der junge Mann wollte antworten , aber er strebte vergeblich danach , Worte zu finden , so daß der Graf , mit seiner Verlegenheit Mitleid fühlend , ihn , ohne weitere Antwort zu erwarten , mit seinem Freunde den Damen vorstellte . Der Gräfin gegenüber , war der Zustand des jungen Mannes ebenfalls peinlich , denn die Erinnerung stieg in ihm auf , wie er dieselben Frauen damals im Saale getroffen und sie keines Grußes , kaum eines Blickes werth gehalten habe , als er im Schmerz über das öffentliche Unglück mit zu großer Rohheit den Grafen als Landesverräther behandelte . Er konnte also nur mit Mühe auf die Theilnahme , die ihm die Gräfin über seinen Unfall bezeigte , einige höfliche Worte antworten und war froh , als sich der Obrist Thalheim , der sich ebenfalls in der Gesellschaft befand , seiner bemächtigte und ihn in ein Gespräch über die letzten Gefechte , über die beinah gänzliche Auflösung der preußischen Armee und über den Druck der Franzosen verwickelte . Der Arzt war von seinen Krankenbesuchen zurückgekommen und man begab sich zur Tafel ; aber die Stimmung war nicht so unbefangen , wie gewöhnlich . Die neuen Gäste nahmen nur mit Zurückhaltung an den Gesprächen Theil , und des Grafen Höflichkeit war förmlicher und kälter , als man es an ihm gewohnt war . St. Julien hatte sich mit unbefangener Heiterkeit der Gesellschaft angeschlossen , aber die beiden Freunde des jungen Grafen würden es wie einen Verrath an ihrer heiligen Sache betrachtet haben , wenn sie den Scherz eines Franzosen belächelt hätten , wenn auch ihr Herz nicht von so frischen Wunden geblutet hätte , wie dieß nach der Entführung der Schwester und Braut der Fall war . Es zog sich also bald nach aufgehobener Tafel Jedermann zurück , und der Graf erkundigte sich bei dem Arzte , ob er es für möglich halte , daß der junge Wertheim seine beabsichtigte Reise fortsetze . Da der Arzt sah , daß der Graf im Geheimniß sei , so gestand er offen , der junge Mann müsse wenigstens zwei Tage ruhen , wenn die Wunde sich nicht auf ' s Neue heftig entzünden solle , in welchem Falle der Kranke in Gefahr sei , den Arm zu verlieren . Der Graf richtete seinen Plan demgemäß ein und ließ seinen Vetter zu sich bitten . Es wurde nun beschlossen , daß der junge Gustav noch diesen Nachmittag mit einem leichten Jagdwagen und zwei guten Pferden aus dem Stalle des Grafen unter dem Vorwande abreisen solle , daß der Graf Robert diese leichte Equipage als ein Geschenk für seine Schwestern nach seinem Gute sende . Der junge Mensch sollte aber statt dorthin zwei Poststationen nach Warschau machen und dort in einer Schenke die Ankunft der Reisenden erwarten , denen er Wagen und Pferde zu ihrem Fortkommen zu überlassen habe . Er selbst solle denn ein Reitpferd einhandeln und damit zurückkehren . Die Reisenden sollten öffentlich auf dem Wege nach Warschau von Schloß Hohenthal abreisen und von der bezeichneten Station ab ihren Weg nach Berlin , oder wohin sie sonst wollten , richten , und man hoffte durch diese Einrichtung sowohl die Verfolger irre zu führen , als auch den Verdacht des Beistandes und der Mitwissenschaft von den Bewohnern von Hohenthal abzulenken . Der Graf Robert theilte seinen Freunden den entworfenen Plan mit , die , damit zufrieden , dankbar die Fürsorge des Freundes erkannten , nur hätten sie gewünscht , sogleich abreisen zu können ; die Verzögerung zweier Tage schien ihnen peinvoll . Der Graf Robert bat den jungen Gustav in Gegenwart seiner Gäste um die Gefälligkeit , diesen Auftrag zu übernehmen , weil es unmöglich sei , sich in einer so ernsthaften Sache jemandem zu vertrauen , auf dessen Verschwiegenheit man nicht mit Sicherheit rechnen könne . Der Jüngling bemerkte mit Dankbarkeit das Bestreben seines beschützenden Freundes , eine falsche Meinung seiner Gäste über ihn von ihm abzuwenden , und als er bereitwillig den Auftrag seines Freundes zu vollziehen versprach , überhäufte ihn dieser mit Danksagungen , in die der Verwundete sowohl , als der Baron Lehndorf herzlich einstimmten , und der Jüngling trat nach dem verabredeten Plan sogleich die Reise an . Mit schmerzlichen Empfindungen hatte sich der junge Wertheim aus dem Gesellschaftssaale der Gräfin zurückgezogen . Er fühlte grollend die Kälte , mit welcher der Herr des Hauses ihn behandelte , und konnte sie doch innerlich nicht tadeln , denn mit Beschämung mußte er sich gestehen , daß sein früheres Betragen ihn nicht berechtigte , eine liebevolle Aufnahme zu fordern , und indem er gezwungen war , unter so drückenden Verhältnissen Hülfsleistungen in diesem Hause zu empfangen , die vielleicht sein Leben erretteten , betrachtete er St. Julien mit Unmuth und bemühte sich gewissermaßen , einen Verdacht gegen den Grafen in seiner Seele fest zu halten , um sich nur nicht sein Unrecht in seiner ganzen Größe eingestehen zu müssen . Traurig blickte er also auf den zierlichen Wagen , auf die schönen muthigen Pferde nieder , mit denen eben der Jüngling Gustav abreiste , zum