Efeu und Hagebuttengestrüpp . Eine vollkommene Wildnis . Die Stelle , wo die alte Kirche stand , ist kaum noch wahrzunehmen , seitdem Moos und Farnkräuter über die Fundamente hinweggewachsen sind . Nur zwei Denkmäler , freilich auch sie halb versteckt , mahnen noch daran , daß hier einst begraben wurde . Das eine – ein Obelisk , der » dem theuren Andenken der besten Gattin und Tochter , Frau Margarethe v. Rohr , geb . Freiin zu Putlitz « errichtet wurde -trägt folgende Inschrift : Sie ließ der Welt vergänglich Glück , Ließ Schmerz und Elend hier zurück , Drang , ewig frei von aller Noth In ' s Freudenleben durch den Tod . Wann einst von uns , in Gott vereint , Der letzte auch hat ausgeweint , Dann wird ein frohes Wiedersehn Auf ewig unser Glück erhöhn . Das andere Denkmal , um zehn Jahre älter , stellt den bekannten trauernden Knaben dar , der sich an eine Aschenurne lehnt . » Kindliche Ehrfurcht widmet dies Andenken . « Einer Inschrift am Sockel entnehmen wir , wem und wann es errichtet wurde : Hans Albrecht Friedrich v. Rohr , K. Preußischer Oberst , geboren den 3. August 1703 , gestorben den 6. December 1784 . Dieser Hans Albrecht Friedrich von Rohr stand in Magdeburg , machte sämtliche Kampagnen unter Friedrich II. mit und nahm 1760 den Abschied . Während seiner Garnisontage zu Magdeburg , unmittelbar vor Ausbruch des Siebenjährigen Krieges , trat er – soweit die Verhältnisse dies gestatteten – in Beziehungen zum Freiherrn von der Trenck , der ihm eine in seiner Gefangenschaft selbstgefertigte Tabaksdose von Kokosnuß und Perlmutter zum Geschenk machte . Die Seitenwände zeigen Cupido mit Pfeil und Köcher , der nach einem Herzen schießt , dazu die Umschrift : Du hast mich nicht getroffen , Was hat mein Herz von Dir zu hoffen ? ( Etwas dunkel . ) Oben auf dem Deckel ein Adler , der mit der Klaue das Rohrsche Wappen hält . All dies hatte Trenck mit einem eisernen Nagel gearbeitet , da er kein Handwerkszeug besaß . – Die Dose existiert noch im Herrenhause zu Tramnitz . Der » alte Kirchhof « , umspielt von Kindern , überwachsen von Gesträuch , ist , wie schon angedeutet , das Poetischste , was Tramnitz aufzuweisen hat . Der neue Friedhof , draußen am Rande des Dorfes , reicht an diesen alten nicht heran , und auch die hart daneben gelegene » neue Kirche « kann poetisch nicht retten und helfen . Hat sie doch selber keinen Überschuß davon . Sie stammt aus der » armen Zeit « , will sagen aus den zwischen 1806 und 1815 liegenden Jahren ( auch die Jahre , die folgten , waren nicht viel besser ) , und gleicht einer Fachwerkscheune , der man ein halbes Dutzend Fenster gegeben hat . Vielleicht , daß ich gar nicht dazu gekommen wäre , sie zu sehn , wenn ich nicht in Erfahrung gebracht hätte , daß hier , hinterm Altar , eine Fahne aufbewahrt würde , die von irgendeinem Tramnitzer Rohr entweder den Schweden bei Fehrbellin oder den Österreichern bei Hohenfriedberg abgenommen worden sei . Und wirklich , da war sie , hinterm Altar , alles wie erzählt . Ich rollte denn auch das Fahnentuch auseinander , das mir , anderer verdächtiger Anzeichen zu geschweigen , sofort durch seinen gänzlichen Mangel an Spinnweb auffiel . Denn eine richtige alte Fahne ist immer so , daß man nicht recht weiß , wo das Seidenzeug aufhört und das Spinnweb anfängt . Und als das Fahnentuch nun ausgebreitet vor mir lag , sah ich , daß es einfach das Rohrsche Wappen war , was darin prangte . So schwand die historische Glorie hin , die bis dahin dieses Banner umgeben hatte . Sehr wahrscheinlich war es eine Fest- oder Einzugs- oder Wappenfahne , die bei irgendeinem Karussellreiten von irgendeinem jungen Rohr getragen worden war . Mir aber erwuchs daraus ein neuer Beweis für die hundertfältig beobachtete Tatsache , daß überall da , wo Dorfbevölkerungen einem Gegenstande begegnen , der Interesse weckt ohne verstanden zu werden , die » mythenbildende Kraft « sofort in Aktion tritt . Ob die Dinge dabei lang oder kurz zurückliegen , ist gleichgültig . Die Sage verfährt in allen Stücken souverän ; was sie aber am souveränsten behandelt , das ist die – Chronologie . Auf dem Plateau Ganzer Frau von Jürgaß Frau von Jürgaß , geb . von Zieten Zehn Jahre , nachdem das vorstehende Kapitel geschrieben und eine Charakterskizze der alten Frau von Jürgaß versucht wurde , ging mir durch Frau von Romberg , geb . Gräfin von Dönhoff ( † 1879 ) eine zweite , denselben Gegenstand behandelnde Schilderung zu , der ich nachstehendes entnehme . » Als ich im Jahre 1818 , eben verheiratet , nach dem Rombergschen Gute Brunn , in der Grafschaft Ruppin , zog , lernte ich Frau von Jürgaß , die Tochter des berühmten › alten Zieten ‹ , auf ihrem benachbarten Gute Ganzer kennen . Sie war schon hochbetagt , und ich kann also von dem , was zurücklag , wenig oder nichts berichten . Ich weiß weder das Jahr ihrer Geburt , noch wo und wie sie ihre Kindheit und Jugendjahre verbrachte , nicht einmal an welchem der Berliner Höfe sie als Hofdame fungierte , bevor sie sich ( nicht mehr in der ersten Jugendblüte ) mit ihrem fünf Jahre jüngeren Manne , dem damals sehr schönen und von ihr mit schwärmerischer Liebe geliebten Carl von Jürgaß vermählte , mit dem sie dann auf sein nicht großes , aber hübsches und einträgliches Landgut Ganzer zog . Oft erzählte sie mir später von der Verlegenheit , mit der sie sich – ein verwöhntes und jeder häuslichen Sorge völlig überhobenes Hoffräulein – plötzlich an der Spitze einer großen Landwirtschaft befunden habe , deren ganzer Betrieb ihr fremd gewesen sei . Schnell aber war ihr Entschluß gefaßt , sich unbefangen in die Lehre einer tüchtigen Haushälterin zu geben , um