sie , daß es zusammenbrechen werde ? Oder ist ihnen ihr auf Gottes ebenem Boden und am klaren Wasser liegender Duar lieber als die fremdartige , untrauliche Baute , die wie die Bergeszellen am Dschebel Qarantel bei Jericho136 nur unfreiwilligen Anachoreten zur Wohnung dienen konnte ? - Abseits von diesen bergan kletternden Etagen und von ihnen durch die schon wiederholt erwähnte Pferdeweide getrennt , lag in südlicher Richtung ein anderes Bauwerk , welches nun jetzt mein Auge auf sich zog . Der Grundfelsen stieg hier viel weiter als da drüben den Berg empor . Er trug ganz so wie dort , aber bedeutend höher , die Riesenmauer , von deren kolossalen Quadern der Garten des Ustad und der Vorplatz gehalten wurde , auf dem ich im Schatten der Dälbiplatanen gesessen hatte . Die Breite des Vorplatzes und Gartens freigebend , stand hier nun das gastliche Haus , dessen Bewohnern wir so viel , so viel zu verdanken hatten . Es war mir möglich gewesen , schon einen Teil desselben zu sehen , vom Vorplatze aus . Aber der lag so nahe am Gebäude , daß ich wohl an ihm emporschauen , es aber nicht ganz überblicken konnte . Nun sah ich es vollständig vor mir liegen . Da bemerkte ich denn , daß es aus einem uralten und aus einem späteren Mauerwerk bestand . Zu dem ersteren gehörte das Gewölbe , in welchem jetzt die gefangenen » Soldaten « steckten . Es stieg dann noch um zwei Stockwerke höher empor und schien ein altpersischer Wartturm gewesen zu sein , zum Aufenthalte für die Personen bestimmt , welche man in unserer Ritterzeit die Knappen nannte . Das einstige » Herrenhaus « , um zwei Geschosse höher gebaut , lag etwas davon entfernt . Sein glattes Dach hatte eine Mauerkrönung nach altassyrischer Weise . Haus und Wartturm waren später durch den jetzigen Versammlungssaal verbunden worden , in welchem Halefs und mein Lager sich befanden . Ich sah auf dem Dache dieses Saales Laubhütten stehen , in denen , wie ich später hörte , Hanneh und Kara schliefen . Daß es in dem Kalkfelsen über dem Hause Höhlen gab , habe ich schon erwähnt . Auch daß in einer von ihnen die Glocken hingen , zu denen ein Weg und eine bequeme Treppe führte . Nun aber sah ich noch etwas bisher für mich vollständig Unbekanntes . Nämlich das eigentliche » hohe Haus « . Ich hatte bei dieser Bezeichnung stets nur an die Wohnung des Ustad gedacht . Jetzt glaubte ich , den vorhin beschriebenen Etagenbau so nennen zu müssen . Ich fragte Tifl , und er sagte mir , daß das wirkliche » hohe Haus « dort auf der höchsten Höhe stehe , daß man aber nebenbei diese Bezeichnung auch den beiden anderen Bauwerken gebe , weil auch sie von den Bewohnern des Duar dem Ustad überlassen worden seien . Auf der Spitze des Berges , hoch über der ganzen Umgegend , doch auf bequemen Pfaden zu erreichen , da wo der klare Himmel sich für das Auge auf die grüne Alpe legte , stand in andächtiger Erdenstille ein nach vier Seiten offenes , weitgespanntes , weißes Leinwandzelt . So schien es mir beim ersten Blick . Aber die vermeintliche Leinwand empfing die Strahlen der über ihr stehenden Sonne nur , um sie in so wunderbarer Weise in das Thal herniederzubrechen , daß ich mein Auge mit der Hand beschirmte , um das flimmernde Licht von ihnen abzuhalten . Da sah ich freilich , daß es nicht Leinen , sondern , man denke , Alabaster war . Freilich aber ist da nicht der echte Gipsalabaster gemeint , den man z.B. in Derby und Volterra findet und zur Herstellung teurer Kunstwerke verwendet , sondern der mit dem Tropfsteine verwandte und häufig vorkommende Kalkalabaster , den die Kalkhöhlen ihres Berges den Dschamikun geliefert hatten . Tifl bestätigte mir dieses letztere . Er nannte den Alabaster » weißen Rucham « 137 und sagte : » Im Innern dieses Berges und auch anderer Berge der Umgegend giebt es sehr große Mengen dieses schönen Steines . Man erkennt sein Vorhandensein an dem Wasser , wenn es aus dem Gebirge zu Tage tritt . Es löst den Kalk wie Zucker auf und setzt ihn in den Felsenzwischenräumen als festen Rucham wieder an . Doch nimmt es noch so viel Kalk mit sich fort , daß man ihn leicht bemerkt . « » Wer hat das Zelt da oben gebaut ? « » Wir . « » Giebt es denn Leute bei euch , welche gelernt haben , diesen Stein zu brechen , zu bearbeiten und zu polieren ? « » Ja . Der Ustad hat es sie gelehrt . Als er noch jung war , hat er in den Städten , wo es große Plätze für die Toten giebt , überall gern den Kabristan138 besucht , um die Grabdenkmäler zu betrachten . Er verweilte sehr oft in den Werkstätten der Bildhauer , wo die Türban139 gehauen werden , um mit ihnen darüber zu sprechen , welche Gestalt und welchen Sinn man ihnen eigentlich geben sollte . Da hat er nicht bloß zugeschaut , sondern auch mit zugegriffen und also gelernt , wie Bildnissteine zu behandeln sind . Von dem Zelte da oben hat er eine Zeichnung gemacht und vorher alles genau berechnet , ehe er mit den Leuten , die er dazu aussuchte , an die Arbeit ging . Sie waren nicht geübt , und es ist also manches Stück von ihnen zerbrochen oder verdorben worden . Aber der Ustad hatte Geduld , und so wurde das Werk , wie du siehst , endlich doch so fertig , wie es von ihm vorgeschrieben war . Aber es hat viel Zeit gekostet , sehr viel Zeit , weil die Arbeiter alles erst zu lernen hatten ! « Das glaubte ich ihm gern . Einem höhern Gedanken zeitlich dauernde Gestalt zu geben , dabei hat ja die Zeit ganz vorzugsweise mit beteiligt zu sein . Wahre Kunstwerke werden nicht