sitzen ! Ich muß was haben , was mir ' s Blut in Ruh bringt . Saufen oder wildern ! Büchs rühr ich keine mehr an . Muß halt der Schnaps helfen . « Mali , mit kalkweißem Gesicht , reichte jedem Gast zum Abschied die Hand und sagte mit erloschener Stimme zum Bruder : » Kommst bald nach , Lenzi , gelt ? « Als sie ins Freie trat , schlug ihr ein schwüler Windstoß ins Gesicht und faßte die Röcke . Aus dem nachtschwarzen Seekessel quoll dumpfes Sausen und Gebrumm heraus . Ein Föhnsturm ! Schon wollte Mali die Lände überschreiten , als sie das Gepolter eines ans Ufer stoßenden Nachens hörte und im Dunkel eine Mannsgestalt mit Büchse und Bergstock aus dem Boot steigen sah . Erschrocken drückte sie sich in die Finsternis der nächsten Schiffshütte . Nun vernahm sie die Stimme des Jägers , der mit dem Schiffer sprach . Sie hatte sich umsonst geängstigt . Es war Graf Egge , der allein von der Jagdhütte nach Hubertus zurückkehrte . Mali rannte über die Lände . Noch ehe sie das Haus des Bruders erreichte , fiel der Sturm mit voller Gewalt über das Tal . Die Schindeln flogen von den Dächern , in den Kronen der knospenden Bäume brachen die morschen Äste , und in das Heulen des Windes mischte sich das Gepolter fallender Bretter und das Gerassel der losen Fensterläden . Am Brucknerhaus waren alle Scheiben dunkel . Mali trat in den Flur und konnte , gegen einen Windstoß ankämpfend , nur mühsam die Haustür wieder schließen . Unter dem tobenden Lärm , der um die Wände sauste , klang aus der Giebelstube herunter das Weinen eines Kindes und eine scheltende Stimme . Mali sprang über die Treppe hinauf und trat in die dunkle Stube . » Aber Madl ! Was bleibst denn mit die Kinder in der Finsternis ? Warum machst denn kein Licht net ? « » Wenn mich die Kinder net dazu kommen lassen ! « brummte die Magd . » ' s Netterl geht mir net vom Arm , und d ' Hanni macht so Gschichten mit ihrer Wehleidigkeit . « Weinend war Hannerl auf Mali zugegangen und hängte sich an ihren Rock . » Mir tut ' s so weh , Malimahm , mir tut ' s so weh da drin ! « » Wo denn , Schatzerl , wo tut ' s dir denn weg ? « » Da drin ! « Mali , die im Dunkel der Stube nicht zu sehen vermochte , griff erschrocken mit den Händen zu und fühlte , daß das Kind die Fingerchen am Hals hatte . » Mar ' und Joseph ! « Ein paar Augenblicke stand sie wie gelähmt . Dann kreischte sie : » Schaff das Kind ins Bett ! Und gib mir ' s Netterl her ! « In verzweifelter Angst riß sie das Jüngste vom Arm der Magd und stürzte zur Stube hinaus , über die Treppe hinunter und ins Freie . Das Köpfchen des Kindes mit der Schürze verhüllend , rannte sie durch den tobenden Sturm zum Nachbarhaus . Mit der Faust schlug sie an die Tür und schrie : » Nachbarin ! « Eine alte Bäuerin öffnete . » Um tausend Gotts willen , Nachbarin , nimm mein Netterl ins Haus ! Bei uns daheim is kein Bleiben nimmer . Jetzt fangt ' s beim Hannerl an ! « Ohne die Antwort abzuwarten , drückte Mali der Nachbarin das Kind in die Arme und rannte wieder zum Haus des Bruders . Immer tosender wuchs der Sturm , und krachend stürzte im Garten des Bruckner ein Apfelbaum , dessen Stamm seit Jahren im Kerne faul gewesen . 14 Unter den Windstößen klapperten in der finsteren Parkallee die Äste der Ulmen gegeneinander - wie die Stangen kämpfender Hirsche , meinte Graf Egge , der das eiserne Gitter hinter sich zuwarf . Fritz machte große Augen , als er seinen Herrn bei Nacht so unerwartet im Schloß erscheinen sah , mit Sturmzeichen im Gesicht . Graf Egge hatte die Tage her mit vier Jägern vom Morgen bis zum Abend in seinem Gemsrevier alle Felswände abgesucht , ohne den Adlerhorst zu finden . Mit jedem resultatlos verbrachten Tag war seine Mißlaune gewachsen und hatte den Jägern üble Stunden bereitet . Und am Mittag - weil er vom Föhn einen Wetterumschlag befürchtete , bei dem man das Suchen nach dem Horste einstellen mußte und keinen Auerhahn mehr hörte - war er wütend aus der Jagdhütte davongerannt . Heulende Windstöße umsausten das Schloß , während Fritz mit erhobener Lampe im Flur umherleuchtete und Graf Egge die unter die Trophäen eingereihten Elchgeweihe musterte , die kaum noch Platz gefunden hatten . Er ließ sich die Lampe in die Kruckenstube tragen . Auf die Frage des Dieners , was Erlaucht zu speisen wünsche , sagte er : » Milchsuppe . Einen Schmarren bringt ihr nicht fertig . « Eine halbe Stunde später saß er im Speisezimmer . Gespensterhaft bewegten sich in der aufsteigenden Lampenwärme die an der Decke hängenden Adler , während draußen der Föhnsturm ungestüm an allen Fenstern rüttelte , als wollte er Einlaß begehren für den Frühling . Graf Egge hatte das Gedeck beiseitegeschoben und löffelte die Milchsuppe aus der Schüssel . Er war mit seinem Mahl noch nicht zu Ende , als Moser eine Depesche brachte : » Wohlbehalten in Genua eingetroffen , dampfen mit Bismarck nach Neapel und sind morgen abend in Capri . Haben herrliches Wetter , Komtesse Kitty sichtlich erquickt . Grüße in ihrem Namen . Gundi . « Verdrossen betrachtete Graf Egge das Blatt . Außer den vielen überflüssigen Wörtern schien ihm noch was anderes gegen den Strich zu gehen . » Herrliches Wetter ? « brummte er und legte die Depesche fort . » Unsinn ! Wäre sie zu mir gekommen ! Schmarren und Bergluft hätten ihr besser geholfen als das wälsche Gesäusel da drunten . « Er steckte seine kurze Pfeife in Brand und las die