, zu sehen , wie Freundin Sidi sich in der alten Bärenhöhle ihr Nest eingerichtet habe . Ei nun , fürwahr traulich genug . Zunächst gab es gar keine Höhle mehr , sondern ein sauberes Wohngelaß und in dem Gelaß keinen brummenden Bären , sondern einen gemütlichen alten Herrn , der ganz fidel hinter seinem Spitzgläschen sang : » Gestern abend war Vetter Michel da « , und dann seine Augen zutat und schlief . Die Augen seiner Hüterin aber , die klugen Sidiaugen , die hatten noch nie in einer reineren Freude gestrahlt . Zum ersten Male hatte sie einen Menschen , vor dem sie ihre reichen Gaben unter keinem anderen Zwang als dem der natürlichsten Liebe entfalten durfte , den sie hegen und pflegen durfte , den sie zu halten hoffte für das Leben . Denn auch er war glücklich neben ihr und durch sie . Wer liebte nicht das Neue ? wer bedürfte seiner nicht ? Wer aber hätte jemals mehr unter seinem Banne gestanden als der Dichter Hartenstein ? Er lebte und webte im Wechsel . Der Wechsel war sein Element , sein tägliches Brot . Der erwünschteste Zustand hätte ihn auf die Dauer bedrückt , der unerwünschteste Umschlag ihn momentan aufgeschnellt . Paris mit seiner unerschöpflichen Mannigfaltigkeit war ihm daher der gedeihlichste Boden und die Ebbe und Flut seiner äußeren Mittel , die ihn zwischen den verschiedenartigsten Existenzen auf und nieder trieb , für seine Schaffenskraft das vielleicht notwendige Ferment . Allezeit im Salon , würde er aufgehört haben ein Dichter zu sein ; allezeit in der Mansarde , wäre er es wahrscheinlich niemals geworden . Auch die Einsamkeit wurde dann und wann zu einem ersehnten Wechsel . Auf Alpengipfeln , am Meeresstrand , oder wie diesen Herbst unter einem südenprächtigen Himmel , ganz allein , da dehnte sich die Brust , schwellte sich die Künstlerseele - drei , vier Wochen lang , dann aber zog es ihn wieder in das Gewühl wie in ein Heim . Dieser Aufenthalt mitten im Winter , in nüchterner Landschaft , auf Papa Mehlborns emsigem Wirtschaftshof hätte daher , so scheint es , der widerwärtigste sein müssen , den er erwählen konnte . Aber es war etwas Neues ; er nannte ihn ein Idyll . Die Erwartung des großväterlichen Ablebens , das , gegen ihren Glauben , seine Schwester ihm als bevorstehend dargestellt hatte , eine brüderliche Wallung , vielleicht eine momentane Geldklemme hatten ihn hergetrieben ; nun hielt das Wohlgefühl zärtlicher Fürsorge , mit welchem zum ersten Male seit seiner Kindheit ein Mensch ihn umspann , ihn fest ; die materielle Fülle , das Ansehn der Seßhaftigkeit machten sich geltend , hohe Kulturbestrebungen , im nächsten Zusammenhange mit seinen bisherigen literarischen Tendenzen , tauchten auf . Möglich , daß auch die Wiedereroberung seiner frühesten , einzigen wahrhaft Schönen , auf welche unerwartet sein erster Blick gefallen war , ihn lockte , daß nebenbei das deutsche Pfarrtöchterchen ihm zu einem kleinen Roman allerliebst genug dünkte . Einem Dichter ist Frauengunst ja der Kastalische Quell , und hat denn nicht der alte Meister , welchem der junge bescheidentlich nachstrebte , die angenehme Empfindung einer gleichzeitigen Doppelliebe zu rühmen gewußt ? So war er denn allen Ernstes gewillt , in dem stattlichen Grafenschlosse von Bielitz , dessen Erbe zu werden er jeden Tag erwarten durfte , sich häuslich einzurichten und a priori den Herrn in ihm zu spielen . An dem nervus rerum gebrach es nicht ; Sidonie war vollständig Meisterin der Lage , der alte bärbeißige Mehlborn ein stillvergnügter Knabe geworden , seitdem seine junge Pflegemutter ihm die Milch des Alters nicht ausgehen ließ . Er nippte , zippte und nahm seinen Herrgott für einen frommen Mann . Wiederholt hatte Dezimus seinem guten Kameraden diese Behandlungsweise vorgehalten : » Sie schläfern Ihr altes Kind mit Mohnsäftchen ein und erziehen es zum Idioten , « hatte er gesagt , sie aber lachend erwidert : » Zum Idealisten erziehe ich es , und die guten Genien der Jugend wecke ich auf . Hätte ich mein Papachen bei seinem Dünnbier belassen , fühlte es sich blind und elend , wäre mißtrauisch und mißvergnügt , keifte am Tage mit widerborstigen Frönern und grauelte sich nachts vor Raubmördern und dem Gespenst des schwarzen Todes . Nun ich ihm stündlich ein Gläschen von dieser braven Liebfrauenmilch einschenke - selbstverständlich unter der Etikette Werbensches Gewächs - , glaubt er , liebt , hofft , vertraut , sieht mit Augen seine Felder sprießen , an seines Sidonchens problematischem Schulterstück zwei goldene Engelsfittiche leuchten und schlummert von vierundzwanzig Stunden netto zwanzig wie der Gerechte in Abrahams Schoß . Wer ein Achtziger werden will , kann sich nichts Besseres wünschen . « Indem Sidonie auf diese Weise Genien der Jugend , die in Papa Mehlborn bis dahin geschlummert hatten , zum Leben erweckte , war sie indessen vorsichtig und auch gutmütig genug , die Dämonen des Alters , die von Kindesbeinen an in ihm rege gewesen waren und selten gründlich einzuschläfern sind , nicht heraufzubeschwören . Die vielwerte Eisentruhe blieb unverrückt unter Papachens Bett , ihr Schlüssel tags in Papachens Rocktasche , nachts unter seinem Pfühl . Sein Sidonchen hatte noch keinen Blick in die Truhe getan . Ihr genügten die Wirtschaftserträge , nach welchen Papachen wenig mehr fragte , und gewisse Stempelbogen , zu deren Kontrasignatur - unter der Rubrik Rechnungen , Quittungen und so weiter - sie sonder jeglichen Gewissensskrupel Papachen die Hand führte . Die großjährige Enkelin und Erbin des unzurechnungsfähigen Greises erfreute sich eines weittragenden Kredits , bedurfte desselben aber auch nach Ankunft ihres Bruders in täglich wachsendem Maße . Er hatte Bedürfnisse der mannigfaltigsten Art , eine allezeit offene Hand , auch große philanthropische Projekte , für welche bis zum reellen Erbantritt wenigstens die Einleitungen getroffen wurden . Sidonie nahm alles auf ihre Kappe ; ihres Bruders Kredit blieb unangetastet , sein Name stand unter keinem Wechsel ; er war der Schöpfer , sie der Handlager . Da sollten die Lasten der » weißen Sklaven