So bin ich dieser Sorge vollkommen überhoben , und ich habe auch schon jeden Abend von dieser Freiheit den ausgedehntesten Gebrauch gemacht . Ich störe Niemand , es müßten denn einige Herren sein , die ebenfalls in diesem Theile des Schlosses irgendwo über mir hausen , und glücklicherweise zur Kategorie derer gehören , die man in Eurer aufrichtigen Sprache mit dem Ausdruck Nobody bezeichnet . Es sind nämlich der Hauslehrer , ein gewisser Herr Stein , und ein Geometer , der für Papa arbeitet , und den aristokratischen Namen Timm führt . Sie können beide für hübsche Männer gelten , oder , um ganz aufrichtig zu sein , ich vermuthe fast , daß Du den Herrn Stein handsome and very gentlemanlike indeed finden würdest ; aber Du brauchst deshalb nicht zu glauben , daß sie , oder einer von ihnen , einen besonderen Eindruck auf mich gemacht hätten . Ich habe eine Antipathie gegen Leute in dergleichen untergeordneten Stellungen wie etwa gegen Kattunkleider und böhmische Diamanten . Das mag recht gut sein für Bürgermädchen und Gouvernanten , aber für uns paßt es nicht . Ich sehe die Herren des Mittags , des Abends - im Uebrigen existiren sie nicht für mich . Herrn Stein begegne ich außerdem noch jeden Morgen früh im Garten , denn die Vögel singen hier so dicht unter meinen Fenstern , daß man aufstehen muß , man mag wollen oder nicht . Ich wäre diesen Begegnungen gern überhoben , aber was läßt sich thun ? Ich kann dem armen Menschen , der hernach von sieben bis elf den Knaben Unterricht ertheilt , nicht wohl verbieten , die einzige freie Morgenstunde , die er hat , zu benutzen , und wenn ich selbst später ginge , so käme ich wieder um den schönsten Genuß ; also : ich muß es mir gefallen lassen - non son ' rose senza spine ! Uebrigens ist dieser Stein , trotzdem er nur ein böhmischer Diamant ist , so fein geschliffen , daß ihn ein weniger geübtes Auge leicht mit einem echten verwechseln könnte . Er hat , was man bei Leuten aus den unteren Ständen so selten findet , viel Haltung und Selbstbeherrschung . Er hat eine Weise , mit der ruhigsten Miene von der Welt , Jemand , er sei , wer er sei , eine Schmeichelei oder eine Malice zu sagen , die wirklich in Erstaunen setzt . So sagte er gestern , als wir uns zum dritten Male zur selben Zeit und an demselben Orte auf dem Walle begegneten und dasselbe Gespräch über das Wetter geführt hatten , ob wir nicht in Zukunft bis eine Veränderung des Wetters einträte , ganz einfach : wie gestern ; sagen wollten ? Wir wären denn doch nicht ganz stumm an einander vorüber gegangen , was für Hausgenossen immer etwas Peinliches habe , und dabei wären doch die Kosten der Conversation beinahe bis auf Null reducirt , eine Ersparniß , die selbst für den Geistreichsten - hierbei eine halb ironische Verbeugung - nicht ganz unbedeutend sei . - Das war doch ziemlich stark ; aber wie gesagt , er bringt dergleichen mit so ruhigem Lächeln vor , daß man niemals weiß , ob er es im Scherz oder im Ernst sagt . Auch scheinen Alle , selbst Mama , einen ziemlichen Respect vor ihm zu haben . Zwischen Bruno und ihm existirt ein ganz eigenthümliches Verhältniß , gar nicht wie zwischen Lehrer und Schüler , sondern wie zwischen Freunden , die innigst verbrüdert sind , etwa wie Orest und Pylades ; und wirklich , es ist ein reizender Anblick , wenn man sie Arm in Arm zusammen durch den Garten schlendern sieht . Diese rührende Freundschaft hindert indessen Bruno nicht , sich bei jeder Gelegenheit als mein Ritter zu geriren . Der Junge sieht mir wahrlich an den Augen ab , was ich will und wünsche ; oder vielmehr er ahnt und weiß es , ohne daß er mich nur anzusehen braucht . Es ist mir manchmal ordentlich unheimlich dabei . Wenn ich auf dem Spaziergange denke , Du könntest auch wohl ohne Tuch gehen , sagt Bruno sicher : soll ich Dir das Tuch ein wenig tragen , Helene ? Bei Tisch , wo er neben mir sitzt , reicht er mir nur , was ich gern habe , anderes läßt er vorübergehen und sagt : das issest Du doch nicht , Helene ! Er ist ein lieber Junge , obgleich eigentlich dieser Name nicht mehr recht auf ihn paßt , denn er wird nächstens sechszehn Jahr , und ist groß und stark und schön , wie ein junger Achill . Ich glaube , er würde für mich durch ' s Feuer gehen ; in ' s Wasser wenigstens ist er gestern schon für mich gesprungen . Wir gingen des Abends auf dem Wall spazieren und ein plötzlicher Windstoß warf meinen runden Strohhut - Du kennst ihn ja - in den Graben . Mein armer Hut : rief ich . - Willst Du ihn wieder haben ? fragte Bruno . - Ei natürlich , sagte ich , - aber nur im Scherz , denn ich weiß , daß der Graben sehr tief ist und an dieser Stelle war er noch dazu wohl zwanzig Schritt breit , und der Hut schwamm mitten drauf . Aber Bruno war mit zwei Sprüngen den Wall hinab und in ' s Wasser hinein . Ich war wirklich erschrocken und ich glaube , ich stieß sogar einen leichten Schrei aus . Beruhigen Sie sich , sagte Herr Stein - außerdem war glücklicherweise Niemand zugegen - Bruno schwimmt wie ein Neufoundländer , und selbst wenn er nicht wieder herauskäme , so ist er ritterlich im Dienste der Damen gestorben . Das ist immer ein Trost . - Glücklicherweise kam Bruno nach ein oder zwei ängstlichen Minuten wieder an ' s Land geschwommen , und Herr Stein half ihm beim Heraussteigen , dann gingen sie Beide lachend von dannen und ließen mich mit dem nassen Hut in der