aus bitterer Lebenserfahrung und nicht immer selbstverschuldeten Kränkungen einst in den Schoos jener Kirche geführt hatte und darin festhielt und ermunterte und bestärkte , alles zu unternehmen , alles zu wagen , was die Umstände von ihr verlangt hätten , wenn sie damit nur den Beifall und die Liebe Bonaventura ' s hätte gewinnen können ! Nun brach sie auf . Der Stadtpfarrer , glücklich über diese Eroberung , fast getröstet über die Censurstriche , holte seinen Hut . Schon hatte er auf ein Bücherbret gelangt und gab ihr ein Buch zum Andenken an die eben erlebte Stunde . Es war eine neueste Sammlung seiner Gedichte , die » Saronsrosen « . Er ergriff eine Feder , zeichnete auf das Blatt vor dem Titel ein Kreuz und in dies hinein ein flammendes Herz und seinen Namen . So gab er ' s Lucinden und vergaß vor Aufregung den Streusand . Lucinde trug das Blatt offen und versprach , mit Aufmerksamkeit in den Gedichten zu lesen . Hunnius nahm die Lampe und rief seiner Wärterin ... Er wollte mitgehen ... Indem aber klingelte es heftig . Der Druckerbursche ! rief es in allen seinen Nerven . Und in der That - ein Knabe kam - kam mit einem hoch emporgehaltenen Blatte ! Von Instanz zu Instanz kehrten erst jetzt die von Hunnius gemachten Aenderungsvorschläge zurück ... einige waren angenommen worden ... bei andern verlangte man am Rande noch diese und jene Milderung ... einige Bilder waren gerettet ... Hunnius konnte vor Freude sogar jetzt Lucinden vergessen . Der Bursche erklärte , daß die Censur noch warte , ebenso wie die Presse seines Herrn . Wenn der Herr Stadtpfarrer noch sofort die Aenderungen machte , konnte die Nummer in der ersten Morgenfrühe noch gedruckt werden ... Schon rief Hunnius , sich nun mit seinen Redactionspflichten entschuldigend , seiner Magd . Aber Lucinde sagte : Lassen Sie , Herr Pfarrer ! Ich finde den Weg ! Es ist Mondschein ! Wirklich , wirklich ! Bitte , bleiben Sie ! Hunnius mußte den Burschen , der allenfalls auch noch Lucinden hätte führen können , zurückbehalten ... seine Magd war nicht die flinkste ... er zögerte noch , als Lucinde schon mit den Worten : Beruhigen Sie sich , Herr Stadtpfarrer ! Ich finde den Weg ! - unten schon vor der Hausthür und verschwunden war . Lucinde war allein . Sie schritt durch die still gewordene Stadt über den mondhellen , jetzt menschenleeren Marktplatz dahin ... Ach , sie kannte solche Nachtbilder kleiner Städte aus der Zeit her , wo sie mit der unglücklichen Gauklerfamilie über die norddeutschen Heiden gezogen ... Sie kannte diese Brunnen , die da rauschten , diese Linden , die da so klein und verkrüppelt an einer Straßenecke stehen . Hier in einem Giebelfenster erlischt ein Licht , dort geht eins auf ... Hier jammert ein Kind , das von seinen Träumen geängstigt wird und eine Mutter spricht liebe , beruhigende Worte ... dort bellen zwei Hunde wachsam um die Wette ... Sie hatte das alles so oft erlebt , mit demselben Mondlicht , derselben Stille , immer in einer andern geistigen Beleuchtung ... Heute ? ! ... Sie liest noch die Schilder der armen Schuhflicker und Schneider ... sie sieht den schwarzen Mohrenkönig an einem Laden , durch dessen geschlossene Thür ein Schiebfensterchen erleuchtet ist , eine Apotheke , wo vielleicht für Frau Ley der letzte Linderungstrank bereitet wird ... Dort ein Gasthof : Zum Riesen ! Der Goliath steht über dem Thorweg , der noch offen ist ... Sie sieht das stattliche Reisecoupé Thiebold ' s de Jonge unter ihm ... Oben vier Fenster erleuchtet ... Zechen dort oben vielleicht noch Benno von Asselyn und seine Gefährten und erzählen sich Anekdoten und verhöhnen die Würde der Frauen und lachen über das , was andern Schmerzen bereitet , über Porzia , über Hedemann ? ... Gerade so wie sie einst Klingsohrn so unter seinen Freunden wußte , den Weltenstürmer , den jetzt mit dem Topfe Bettelnden ! Sie konnte über Hunnius nicht lachen . Es lag selbst in den » Saronsrosen « , wo endlich das Kreuz mit dem Herzen getrocknet war , nach ihrer gegenwärtigen Stimmung etwas vom allgemeinen Schmerz des Lebens und vom bittersten Weh der Welt ... Denn ist nicht das größte Weh Blindheit , Thorheit , Anmaßung , Kampf und Wahn und leidenschaftliches Ringen und das Ganze ein so tief entmuthigendes Durcheinander ? Nun überfiel sie auch noch die Furcht vor der Rückkehr in die Dechanei ... Wenn die Pforte geschlossen war ! Wenn sie klingeln mußte ! Immer zaghafter wurde ihr ums Herz ... Langsamer und langsamer trat der müde Fuß ... Sie kam bei den Stufen an , die zur Kathedrale von St.-Zeno hinaufführten ... Hier war es dunkel ... Hier mochte sie sich niederlassen , sich ausweinen ... vor Schmerz über die Welt und über sich selbst ... Nur die Todten die Ihrigen ! Auf der Erde nur die - die sie nicht mochten , oder die - die sie nicht mochte ! Und sie mußte sich sagen : Ihr , die ihr mich haßt und fürchtet , gewiß , ihr habt ja Recht ! Mühsam , bangend und zagend stieg sie die Stufen empor ... Ringsum die kleinen Häuserchen ... Sonst war sie in solchen Lagen so oft versucht gewesen , den Leuten Nachts von den Fensterbretern ihre Blumen aus den Töpfen zu stehlen ! Sonst langte sie im Springen nach einem Hanfbüschel hinauf , das als Wahrzeichen eines Zwirnverkäufers vor einer Thür hing ! Sonst jagte sie , wie die alte Hauptmännin , Ratten und Mäuse auf und lief ihnen nach , die Katze spielend ... und wenn etwa dann Männer sie verfolgten , so blieb sie stehen , ließ diese an sich vorübergehen und erwiderte ihre Anreden auf englisch oder italienisch fest und bestimmt : Ich kenne den Weg ! Langsam zählt sie heute dreißig Stufen , die zur Kathedrale hinaufführen ... An jeder fünften steht , wie auf