Erhöhung ihrer Qual , durch alle die glänzend eingerichteten Gemächer , durch die großen Speise-Säle , in denen noch alle Zurüstungen im vollen Gange waren , nach dem entfernten Schlafgemache , wo der Aderlaß endlich den Zustand von Erstickung hob , mit dem sie rang , und einige Tropfen Opium einen betäubenden Schlaf auf sie niedersenkten . Leonin hatte den Tag , der um ihn her so glänzende Ansprüche an seine Theilnahme entwickelte , in einem Seelenzustande zugebracht , wie ihn vielleicht nur der verurtheilte Verbrecher vor seiner Hinrichtung erlebt . So lange , wie möglich , blieb er in dem Zimmer Viktorinens - ihre klare , edle Stimmung hielt ihn aufrecht ; - sobald er sie verlassen mußte , fiel er der Verzweiflung wieder zu , mit der er vergeblich rang . Mit geheimer Scheu gedachte er der regelmäßig wiederkehrenden Vision - er sehnte sich danach und fürchtete sie doch zugleich . Er hatte sie nicht zu erwarten ! Es war ihm , als schwebte sie flüsternd neben ihm her - er floh aus den Prunksälen - er erreichte sein einsames Gemach . - » Fennimor , Fennimor , « rief er hier , außer sich - » ich will ein anderes Kind , als Dein rechtmäßiges , mir zuerst gebornes , auf den Platz erheben , von dem ich das Deinige verstieß ! Muß ich es nicht mit dem Tode büßen , muß dies schwarze Verbrechen nicht gestraft werden ? Ach , an mir selbst - an dem unschuldigen Kinde , das jenem in den Weg tritt ? « - Seine Aufregung hatte den höchsten Grad erreicht - er lag halb auf seinen Knien - er zweifelte nicht , sie wäre da , würde sich ihm gleich enthüllen - seine Augen suchten sie - wie konnte es fehlen , daß er sie sah ? Doch nur einen Augenblick ! Ihr bleiches , schönes Haupt , mit Thränen überschüttet , das süße versöhnende Lächeln um den Mund , tauchte auf . Dann sah er die Hand , sie winkte ihm - dann war Alles verschwunden , und Leonin konnte weinen ! Wie lange er so da lag in einer Vergessenheit , die ihn fast dem Leben entzog , wissen wir nicht . Als er sich aufraffte , erschrak er vor seinem Anblicke . Er fühlte , er dürfe so nicht erscheinen . Langsam stieg er eine kleine Treppe hinab , die in den Garten führte . Wie bewegte ihn der Anblick der Natur , dies erste duftende Grün , diese feinen Bekleidungen der saftig dazwischen durchschimmernden , dunkeln Stämme und Zweige ! Die Luft war feucht und warm , eine brütende Atmosphäre für alle noch eingehüllten Keime , aber so beengend für die Menschenbrust , die keinen freien Athemzug darin findet . Leonin gab Alles nur Nahrung für sein beklemmtes Herz . Seufzend , den Kopf auf der Brust , ging er mechanisch umher . Da glaubte er eine Stimme zu hören - er sah sich um - pfeilschnell flog ein Knabe den Weg hinter ihm her . Er blieb stehen - und jetzt erinnerte er sich , daß es derselbe war , dem er am Tage vorher Almosen gegeben hatte . » Was willst Du , Kind ? « rief er und zog wieder einige Geldstücke hervor - » hat meine Gabe nicht gereicht ? « » O , was soll mir doch wohl Euer Geld ? « sprach jetzt das Kind , ganz außer Athem vor ihm stehend - » leset doch nur , was ich Euch brachte , und sagt dann , ob ihr mit mir geben wollt ! « » Was meinst Du denn , mein Kind ? - Ich habe ja Nichts empfangen - nimm dies Geld - ich kann jetzt nicht mit Dir gehen . « » Mein Gott , « - sagte das Kind , fast weinend - » ich habe Euch doch gewiß den Zettel gestern in die Hand gegeben . Wo habt Ihr ihn denn gelassen ? Nun werden sie glauben , ich habe ihn verloren , und Ihr werdet nicht mit mir kommen wollen ohne den Zettel ! « - Leonin erinnerte sich jetzt , daß er , zerstreut wie er war , den empfangenen Zettel nicht gelesen hatte , ihn für eine Bittschrift haltend und ohnedies das Almosen ertheilend . Er durchsuchte den leichten Oberrock , den er auch heute trug , und fand nirgends das Blatt . » Mein Kind , « - sagte er - » die Bittschrift habe ich verloren , ich will Dir aber ohnedies geben , was Du bedarfst . Nur mit Dir gehen kann ich nicht , meine Gegenwart ist hier nöthig . « » Ach , Gott erbarme sich , « rief jetzt hellweinend das Kind - » so soll der arme Herr ohne Euch sterben ? Einem Sterbenden versagt man doch sonst Nichts - und er kann und will nicht sterben ohne Euch ! « » Ein Sterbender ! « rief Leonin erschüttert - » Wen meinst Du ? Wer will mich sprechen ? « » Herr Gott , wer anders , als Lesüeur ! « sagte das Kind . - » Er liegt seit zwei Tagen im Sterben . Jeden Augenblick soll es vorbei sein ; - aber er sagt , er will nicht sterben , bis Ihr da seid ; denn Ihr müßtet sonst umkommen in Eurer Gewissensnoth ! « » Großer Gott ! « rief Leonin . - » Was sprichst Du ? Lesüeur sterbend ? Wo - wo ist er ? « » Bei sich , lieber Herr , « sagte das Kind , noch immer weinend - » und wenn Ihr hörtet , wie er Euch ruft , wie er mit dem frommen Priester , der Tag und Nacht bei ihm ist , nicht mehr beten kann , weil er Euch immer ruft und glaubt , Ihr werdet nie selig werden , wenn Ihr nicht noch sein Geheimniß erfahret ! « » Lesüeur ! Lesüeur